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Kürschner Karl-Heinz Alt sitzt in seinem Wohnzimmer inmitten von Pelzmänteln und Decken ? er hat seine Werkstatt mittlerweile in seine Wohnung verlagert.

Porträt

Karl-Heinz Alt ist einer der letzten Kürschner Frankfurts

Einst war Frankfurt das Zentrum des Pelzhandels. Davon ist heute nichts mehr geblieben. Mit Karl-Heinz Alt hat einer der letzten Kürschner aufgehört.

Wehmut – das ist das Gefühl, das Karl-Heinz Alt überkommt, wenn er an seine Berufszeit denkt. Vergangenes Jahr musste der Frankfurter sein Geschäft mit Werkstatt in Seckbach schließen. „Es kam keine Kundschaft mehr. Pelze sind nicht mehr gefragt“, bedauert Alt. Seine Werkstatt hat der 69-Jährige nach Hause am Dornbusch in den Keller verlegt. Einige Umarbeitungsaufträge hat er ab und an noch, im Moment sogar eine Auftragsarbeit: eine Persianerjacke für eine Dame.

Sich von dem zu verabschieden, was man mit Herzblut gemacht hat, ist ohnehin nicht einfach. Wenn obendrein die gesamte Branche und damit das eigene Berufsbild den Bach runtergeht, ist es doppelt schmerzhaft. Frankfurt war einmal das Zentrum des internationalen Pelzgeschäfts – davon ist heute nicht mehr viel übrig. Den schleichenden Untergang des Pelzgeschäfts hat Alt lange gespürt und trotzdem immer weitergemacht.

Zu den Hochzeiten der Branche in den 1960er und 70er Jahren „musste jede moderne Frau einen Pelzmantel haben. Das war einfach so.“ Pelz war das Statussymbol schlechthin – und ein Langzeit-Modetrend. Damals wurden Pelzwaren massenhaft hergestellt. Das Zentrum dieses florierenden Geschäfts befand sich in Frankfurt in der Nidda- und Ottostraße sowie in der Düsseldorfer Straße. Hier war nicht nur das Zentrum des Pelzhandels und der ersten Verarbeitungsstufe, der Zurichtung, sondern auch das der Konfektionäre und Kürschner, der Näherinnen und Staffiererinnen. „Da war was los“, erinnert sich Karl-Heinz Alt mit einem Glänzen in den Augen. „Die Lastwagen mit neuen Felllieferungen fuhren rein und raus aus der Sackgasse. Es war immer Stau.“

Ins Pelzviertel kam Karl-Heinz Alt im Anschluss an seine dreijährige Lehrzeit in Offenbach. Dort sah ein Kollege sein Talent und sagte: „Bub, du musst bei den Guten lernen, geh nach Frankfurt zu Gerson!“ So kam er zu einem der renommiertesten Pelzbetriebe der Republik: Gerson war ansässig in der Düsseldorfer Straße. Er stellte sich gut an, seine Sorgfalt und sein Fleiß brachten ihm viel Lob ein.

Doch dann rief der Wehrdienst. Als er nach 18 Monaten zurückkam, wechselte er zum Pelzwarenhändler Gustav Beck, einem 20-Mann-Betrieb mit Geschäft an der Niddastraße. Die Werkstatt selbst befand sich in der Taunusstraße. Dort wurden Mäntel, Hüte, Stolen, Taschen, Decken und Kissen produziert – alles, was gefragt war. Das Geschäft brummte. „Es lief so gut, dass die Kaufhäuser etliche Modellreihen in allen Größen anfertigen ließen und immer wieder Nachschub anforderten“, erzählt Alt. Auch bekannte Designer arbeiteten mit den Kürschnern zusammen, auch Wolfgang Joop. Am meisten Freude hatte er daran, die Felle, Ozelot zum Beispiel, so aneinanderzureihen, dass die Farbtupfer der einzelnen Felle ein symmetrisches Muster und passende Übergänge ergaben. Die wertvollen Felle hatten es dem jungen Kürschner angetan, der russische Luchs zum Beispiel. Hierfür hat man die Wamme, also das ganz weiche, weiße Bauchfell, vom Rest getrennt und mit großer Sorgfalt aneinandergenäht. „Das ist eine schwierige Sache, eine Bastlerarbeit, die ich mir angeeignet habe.“ Oder der hochwertige Kronenzobel: 70 Felle waren in einem Mantel verarbeitet. So ein fertiges Stück kostete im Geschäft bis zu 70 000 Mark.

Karl-Heinz Alt hatte einen guten Namen in der Branche. So konnte er sich selbständig machen und seine eigenen Kollektionen entwerfen. Anfangs mit einem Partner, dann ließ er sich in einem Gemeinschaftsatelier mit Geschäft mit einer Hutmacherin, einer Goldschmiedin und einer Modedesignerin in der Sachsenhäuser Schneckenhofstraße nieder. „Das war eine klasse Idee, doch leider gab es Zwist, so dass wir das Geschäft auflösen mussten.“

Zu dieser Zeit trat Alt auch dem Frankfurter Modekreis bei. Den hatte die FNP-Journalistin Jutta W. Thomasius 1985 gegründet – einen Zusammenschluss Frankfurter Modemacher, die selbst produzieren. Die mondänen Modeschauen in der Schweizer Straße oder im Herrmann-Josef-Abs-Saal der Deutschen Bank ergänzten die Messeschauen der „Fur & Fashion“-Messe, die 60 Jahre lang die größte Pelzmesse der Welt war – bis sie 2008 mangels Ausstellern nach Mailand abwanderte. Den Tierrechtsaktivisten, die seit Jahrzehnten gegen die Frankfurter Pelzhändler demonstrierten, war das nur recht.

Karl-Heinz Alt ist auf seine alten Tage nachdenklich geworden, was die Tiere betrifft. „Damals habe ich mir darüber keine Gedanken gemacht,“ sagt er. „Heute bin ich, wenn ich über meinen Beruf nachdenke, in einem Zwiespalt.“

Sein Geschäft in der Wittelsbacher eröffnete Alt mit seiner Frau Hannelore, die ein paar Häuser weiter noch heute ihren Fußpflege- und Schönheitssalon betreibt. Hier mussten sie eine herben Rückschlag erleiden: Bei einem nächtlichen Einbruch im Jahr 2005 wurde die wertvolle Zobel-Kollektion gestohlen. Von dem Verlust erholte sich das Geschäft nicht mehr. In Seckbach war die letzte Station in der Werkstatt an der Wilhelmshöher Straße, die Alt 2008 eröffnete.

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