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Friseur Karsten Schloberg ist einmal im Monat in der Teestube Jona am Werk. Hier wird gerade Rainer frisiert.

Friseur

Karsten Schloberg schneidet Bedürftigen einmal im Monat die Haare

In der Teestube Jona treffen sich seit den 80er Jahren Menschen in schwierigen Lebenssituationen. Im Friseursalon von Karsten Schloberg gehen Gutsituierte ein und aus. Einmal im Monat tauscht Schloberg seine Klientel und schneidet Bedürftigen fünf Stunden lang im Jona die Haare.

Wenn Rainer (50) bisher zum Friseur wollte, hat er „Geld gesammelt oder sich zu Weihnachten den Besuch bei einem Friseur gewünscht“. Jetzt sitzt er in einem kleinen hellen Zimmer mit Landschaftsbildern an der Wand auf einem grünen Friseurstuhl vor einem weißen Tisch. Mittig lehnt ein runder Spiegel an der Wand, links wagt eine grüne Calla eine kleine Blüte, rechts stehen Haarspray, Frisiergel und ein Wasserzerstäuber. „Ich finde es super, dass ein professioneller Friseur das hier macht“, sagt Rainer, dem Karsten Schloberg (49) einen schwarzen Umhang umlegt. „An Ostern habe ich mir zuletzt einen Friseur für 10 Euro selbst geleistet.“ Rainer senkt den Blick seiner blauen Augen, während die Schere klappert und aus den strubbeligen braunen Haaren eine stylische Frisur wird. Lange war Rainer obdachlos. „Aber jetzt habe ich ein Zimmer. Die Leute von Jonas Teestube haben mir bei den Amtsgängen geholfen. Ich hatte allein Angst davor und das Gefühl, unter Druck gesetzt zu werden.“

Schloberg zerreibt etwas Gel zwischen seinen Händen und betont einzelne Strähnchen, rasiert letzte Härchen am Hals und bietet an, auch die Augenbrauen noch zu stutzen. „Nein, danke. Die sind gut so“, findet Rainer und strahlt. „Wie neu. Danke.“ Er drückt Schloberg einen Euro Trinkgeld in die Hand. „Das machen alle, sie wollen etwas geben, um sich nicht ausgestoßen zu fühlen“, so der Friseurmeister, Heilpraktiker, Visagist, ehemalige Bankkaufmann und parteiloser Kandidat für die Oberbürgermeisterwahl im März. Schloberg zwirbelt nachdenklich seinen geschwungenen Oberlippenbart. „Es kann schnell passieren, dass man abstürzt und Hilfe braucht.“

Bei Manfred (67) langt die Rente nicht. Er stammt aus dem Odenwald und kam nach Frankfurt, um Arbeit zu finden. „Am 8. August 1984 habe ich mich obdachlos gemeldet. Gelernt hatte ich nichts, ich war Hilfsarbeiter. Obdachlos zu sein, war heftig. Ich könnte nicht mehr auf der Straße leben. Das wäre mein Tod“, sagt er. „Alkohol, Drogen, Spielsucht. Davon bin ich alleine ohne Therapie weggekommen.“ Er hat ein Zimmer, 350 Euro Rente, Grundsicherung und verkauft die Obdachlosenzeitung. „Für Zigaretten. Davon komme ich nicht los.“ Auch ihm hat Jona geholfen, alle Anträge zu stellen. „Ich bin jeden Tag hier, trinke Tee und lese“, erzählt Manfred und schließt genüsslich die dunkelbraunen Augen, während Schloberg mit Schere und verschiedenen Rasiergeräten seine dunklen Haare, die grauen Schläfen und den grauen Vollbart formt.

„Kleider muss ich selbst kaufen, die Kleiderkammer hier vergibt sie nur an Obdachlose“, sagt Manfred. Er lächelt, während er im Spiegel das Werk von Schloberg betrachtet. Er nickt zufrieden. „Ich wohne und sehe jetzt gepflegt aus. Was will man mehr?“ Er steckt Schloberg ebenfalls einen Euro zu und ballt die Faust, berührt die von Schloberg. „Unter uns geben wir uns nicht die Hand, damit wir uns nicht mit irgendetwas anstecken können“, klärt Manfred auf.

Im Halbstundentakt setzen sich die Kunden auf den grünen Stuhl. Der Haarberg, den Schloberg nach jedem Besuch zusammenkehrt, wächst. Bei Peng (68) fallen besonders viele Haare. Er kommt aus Hongkong, lebt seit 1974 in Deutschland. Er hatte ein gut gehendes Restaurant „und 1998 habe ich 130 000 Mark im Lotto gewonnen. Alles war gut.“

Dann wurde er krank und arbeitsunfähig. „Vier Mal in der Woche muss ich zur Dialyse ins Markus-Krankenhaus. Arbeiten darf ich nicht mehr.“ In einem Schrebergarten hat er Hühner. „Die geben mir jeden Tag zwei Eier. Das ist gut bei meiner 320 Euro-Rente.“ In die Teestube kommt er oft. „Die Leute helfen, man kann duschen, lesen, Kaffee trinken und an den Computer gehen. Ich bin dankbar.“ Schloberg greift zur Bambus-Föhnbürste und bringt damit Lebendigkeit in den akkuraten Schnitt.

Auf die Frage, warum Schloberg jeden ersten Mittwoch im Monat fünf Stunden lang ehrenamtlich Haare schneidet, antwortet er: „Wir haben in Deutschland kein soziales Problem, sondern ein wirtschaftliches. Und wer weiß, ob ich nicht selbst auch mal Hilfe brauche.“

Weitere Informationen über die Teestube Jona in der Gutleutstraße 121 und ihre Hilfsangebote gibt es im Internet unter .

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