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Pfarrer Rolf Glaser ist seit 2016 stellvertretender Stadtdekan. Er unterstütze bereits 2015 im Streit mit dem damaligen Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst den Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Eltz.

Montagsinterview

Katholische Stadtkirche Frankfurt steht hinter Pater Ansgar Wucherpfennig

Erst der Missbrauchsskandal, nun die Empörung um die verweigerte Unbedenklichkeitserklärung für den wiedergewählten Hochschulrektor von Sankt Georgen. Die katholische Kirche kommt nicht zur Ruhe. Wie die katholische Stadtkirche dies beurteilt, erklärt der stellvertretende Stadtdekan, Rolf Glaser, im Gespräch mit Redakteur Sören Rabe.

Die katholische Kirche steht derzeit – mal wieder – in der Kritik. Diesmal geht es um den Rektor der katholischen Hochschule Sankt Georgen, Pater Ansgar Wucherpfennig, und seine liberalen Ansichten zum Thema Homosexualität. Der Vatikan will ihn deswegen nicht mehr an der Spitze der Hochschule sehen. Wie steht die Stadtkirche Frankfurt dazu?

ROLF GLASER: Wir hatten 2016 unser großes Stadtkirchenforum mit mehreren Themenkreisen und Arbeitsgruppen. Damals ging es auch um „Kirche für alle“. Eine Forderung war unter anderem, dass Segnungsfeiern für gleichgeschlechtliche Paare erlaubt und entwickelt werden sollen. Insofern sind wir an diesem Punkt mit Pater Wucherpfennig absolut d’accord. Er hat uns auf diesem Weg begleitet und wir lassen ihn jetzt auf seinem Weg auch nicht im Stich.

Gibt es Strömungen in Rom, die gegen die katholische Stadtkirche Frankfurt arbeiten? Es ist zu hören, dass der ehemalige Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst, der in Frankfurt ja seine größten Kritiker hatte, hinter dieser Aktion steht.

GLASER: Ich blicke bei der internen römischen Kommunikation nicht sehr gut durch. Natürlich entwickeln sich Fantasien, was da alles dahinter stecken könnte. Aber dazu eine verlässliche Aussage zu machen, das wage ich mich nicht.

Aber wie kommt die römische Kirche zwei Jahre nach dem Interview, bei dem er seine Ansichten kundgetan hatte, nun dazu, Pater Wucherpfennig abzustrafen?

GLASER: In Rom werden fleißig Dossiers angelegt. Erst einmal war es ein Routinevorgang, das nihil obstat, also die Unbedenklichkeitserklärung, anzufordern. Der Bischof von Limburg und der Provinzial der Jesuitenprovinz haben ihr nihil obstat schon gegeben. Dann hat man wohl in Rom das Dossier herausgeholt, in dem die Aussagen des Interviews vor zwei Jahren standen. Ich denke, da wollte man nun nachfassen. So ist diese Sache jetzt aufgeschlagen bei der Neuernennung Wucherpfennigs zum Direktor der Hochschule St. Georgen.

Ohne das nihil obstat kann er die Hochschulleitung nicht weiter übernehmen?

GLASER: Der Großkanzler der Hochschule kann ihn ohne das nihil obstat nicht ernennen. Es gibt auch Stimmen, der Provinzial oder der Bischof sollten sich hier über Rom hinwegsetzen. Das kann ich mir aber nicht vorstellen.

Heißt das denn für Pater Wucherpfennig, dass sein Lehrauftrag, die missio canonica, auch in Gefahr ist?

GLASER: Das glaube und hoffe ich nicht. Es geht ja hier um das hervorgehobene Amt des Hochschulrektors, das strengeren Kriterien unterliegt. Zudem ist das Verfahren noch nicht abgeschlossen. Rom hat dies ja am Mittwoch ausdrücklich betont, was ich ein bisschen als Öffnung verstehe. Ich hoffe, dass das letzte Wort in dieser Angelegenheit noch nicht gesprochen ist.

Falls es aber seitens Roms bei dieser Entscheidung bleibt, wie sieht die Zukunft von Pater Wucherpfennig aus?

GLASER: Er bleibt Professor für das Neue Testament, aber er ist dann natürlich deutlich angeschlagen. Wie ich ihn einschätze, wird er sich davon nicht beeindrucken lassen und als Wissenschaftler seine Überzeugungen weiterhin vertreten. Nach so einem Vorgang würde jedoch der Umgang des einen oder anderen mit ihm nicht mehr ganz unbefangen sein.

Es ist die denkbar schlechteste Zeit für einen solche Diskussion. Die Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche und ein Umdenken beim Thema Sexualmoral bestimmten in den vergangenen Wochen die Schlagzeilen. Auch der Stadtdekan Johannes zu Eltz fordert drastische Reformen. Entfernt sich die römische Kirche mit solchen Entscheidungen von den Menschen?

GLASER: Ich fürchte, dass sie das tut. Ich habe den Eindruck, dass mancher in Rom keine exakte Einschätzung über eine Stadtgesellschaft, wie wir sie hier in Frankfurt haben, hat. Es fehlt die nötige Sensibilität im Umgang mit den Menschen. Als Kirche können wir in der Gesellschaft nur unsere Rolle spielen, wenn wir offen über die Dinge diskutieren können. Die Leute respektieren unsere Positionen, aber sie respektieren sie nur solange, wie sie den Eindruck haben: der Gesprächspartner katholische Kirche begegnet uns in Offenheit. Autoritäre Vorgaben braucht kein Mensch, dann werden wir auch nicht mehr gehört. Manchmal habe ich den Eindruck, in Rom ticken die Uhren da noch ein wenig anders.

Man hatte ja gehofft, dass mit Papst Franziskus mehr Liberalität in Rom einkehrt. Ist dies ein Rückfall in alte Zeiten?

GLASER: Ich habe den Eindruck, dass in Rom verschiedene Kräfte am Werk sind. Und dass es letzten Endes um die Bewertung dieses Pontifikats geht. Mir ist auch der Gedanke gekommen: Schlägt man Wucherpfennig und will man Franziskus treffen? In Rom gibt es Kreise, denen der vom Papst eingeschlagene Weg nicht passt. Ich hoffe, dass er dem nicht nachgibt.

Die katholische Stadtkirche gilt ja als liberal. Hat man deswegen auch immer wieder Probleme mit Rom?

GLASER: Ich würde nicht sagen, dass wir liberal sind. Das mag auf einzelne Vertreter zutreffen. Auf den Stadtdekan trifft es ganz bestimmt nicht zu. Johannes zu Eltz ist ein wertkonservativer Mann, der sich aber in Offenheit, den Realitäten in der Gesellschaft stellt. Uns geht es erst einmal um die Fragen, wie können wir die Menschen erreichen, wie können wir mit ihnen ins Gespräch kommen und wie können wir eine Atmosphäre des Vertrauens schaffen? Die Menschen sollen sich ernst genommen und angenommen fühlen. Das ist unser Ziel. Uns ist es egal, ob man es links, liberal oder konservativ nennt. Die Nähe zu den Menschen ist uns wichtig, die dürfen wir nicht verlieren. Da ist der Umgang mit Gleichgeschlechtlichen ein großes Thema. Der Stadtdekan war, als er nach Frankfurt kam, selbst sehr skeptisch, als er von der schwulen Gemeinde hörte. Nachdem er mit den Mitgliedern in Kontakt kam, mit ihnen gesprochen hatte, hat er seine Position vollkommen verändert.

Ein ähnliches Erlebnis schildert ja auch Pater Wucherpfennig.

GLASER: Ja, das geht vielen so. Wir waren auch mit dem Bischof in der Gemeinde, der war auch nicht unbeeindruckt. Das sind Personen, die versuchen miteinander in Treue zu leben. Das sind Leute, die ihren katholischen Glauben leben, trotz ihrer schwierigen Lage in unserer Kirche. Sie haben unseren Respekt und unsere Unterstützung verdient.

Steht die katholische Kirche in dieser Frage vor einer Zerreißprobe oder gar vor einer Spaltung?

GLASER: Es gibt sicher konservative Kreise in unserer Kirche, unter den Laien und den Amtsträgern, die diese ganze Richtung der Offenheit nicht passt. Dass das jetzt eine Spaltung bedeutet, glaube ich nicht. Aber es ist schon eine äußerst konfliktäre Situation.

Das Thema Zölibat ist in den vergangenen Wochen gerade im Zusammenhang mit dem Missbrauchsskandal diskutiert worden. Ist dieses Eheverbot für Priester noch haltbar?

GLASER: Ich kann nicht für alle Pfarrer in Frankfurt sprechen. Aber ein Teil, zu dem auch ich gehöre, stellt das Zölibat in Frage. Wir wollen nicht das Ideal der Ehelosigkeit in der katholischen Kirche angreifen. Aber dass man das Amt an die Ehelosigkeit ohne Ausnahme koppelt, ist heute nicht mehr nachvollziehbar. Es wäre sicherlich verkürzt zu sagen, der Missbrauchsskandal liegt am Zölibat, aber einen Zusammenhang gibt es natürlich. Man muss sich breiter aufstellen. Ich halte es für absolut notwendig, dieses männerbündische, das ja letztlich durch das Pflichtzölibat entsteht, aufzubrechen.

Frauen als Amtsträger in der katholischen Kirche ist ja ein ähnliches Thema, das immer mal wieder diskutiert und dann wieder als beendet betrachtet wird.

GLASER: Auch hier geht es nicht an, dass man Diskussionen verbietet. Diskussionen können nur mit guten Argumenten beendet werden. Die guten Argumente, dass es nicht möglich wäre, Frauen einen Zugang zum Amt zu ermöglichen, sehe ich in dieser Frage bisher nicht. Das Diakonat der Frau ist ein erster Schritt. Man wird diesen Weg stufenweise gehen müssen.

Die Anzahl der Kirchenaustritte ist 2017 in Deutschland wieder gestiegen. Fürchten sie wegen dieser Skandale und Diskussionen einen weiteren Anstieg?

GLASER: Das fürchten wir. Zumal durch die Missbrauchsstudie deutlich geworden ist, dass als ein Problem in diesem Komplex die unterdrückte Sexualität eine Rolle spielt. Genau deswegen darf man hier nicht neue Tabus setzen, womit man diesen Konflikt ja nicht auflöst, sondern verstärkt.

Wie wirken sich diese Diskussionen auf das Leben in den Gemeinden aus? Ist das hier überhaupt ein Thema?

GLASER: Das ist ein Thema. Die Erklärung der Frankfurter Stadtpfarrer pro Wucherpfennig, die wir abgegeben haben, wurde natürlich auch von den Gemeindemitgliedern wahrgenommen. Manche haben damit ihre Schwierigkeiten, aber ich habe den Eindruck, den meisten sprechen wir aus der Seele. Wir haben eine Online-Petition erstellt, da haben sich innerhalb von drei Tagen 800 Unterstützer gefunden.

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