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Kaufhäuser in Flammen: Brandmahl der jüngeren Geschichte

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Der Kaufhof auf der Zeil in den frühen Morgenstunden des 3. April 1968: Menschen wurden hier und im nahen Kaufhaus Schneider durch die von Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Horst Söhnlein und Thorwald Proll gelegten Sprengsätze nicht verletzt.
Der Kaufhof auf der Zeil in den frühen Morgenstunden des 3. April 1968: Menschen wurden hier und im nahen Kaufhaus Schneider durch die von Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Horst Söhnlein und Thorwald Proll gelegten Sprengsätze nicht verletzt. © Roland Witschel (dpa)

Vor 50 Jahren markierten zwei Brände in Frankfurter Kaufhäusern den Beginn linksextremen Terrorismus in Deutschland. Aus heutiger Sicht wurde damals vieles falsch eingeschätzt.

Am Tag darauf herrschte in Kreisen der Frankfurter Geschäftswelt, vor allem bei den Kaufhäusern, erhebliche Aufregung. 50 000 Mark wurden gesammelt als Belohnung für Hinweise, die zur Ergreifung der Täter führten. Erpressungen und weitere Straftaten wurden befürchtet, beispielsweise durch ehemalige Mitarbeiter der beiden Kaufhäuser. Für politische Motive gebe es keinerlei Anhaltspunkte, ließ die Staatsanwaltschaft wissen.

Das war die Nachrichtenlage am Donnerstag, 4. April des Jahres 1968. In der Nacht von Dienstag auf Mittwoch war in zwei Frankfurter Kaufhäusern, dem „Kaufhof“ und dem „Kaufhaus Schneider“, Feuer ausgebrochen. Bereits am Tag darauf wurde in den Medien die Frage aufgeworfen, ob die Brandstiftungen einen politischen Hintergrund hatten. Wenig später wurde dies bestritten, und es stellt sich die Frage, ob die Öffentlichkeit, aus den vielzitierten „ermittlungstaktischen Gründen“ nicht gehörig in die Irre geführt worden war. Denn schon freitags wurden vier Verdächtige in Bockenheim festgenommen, und plötzlich galt ein politischer Hintergrund wieder als sehr sicher. Das hätte schon am Mittwoch klar sein können. „Gleich brennt’s bei Schneider und im Kaufhof. Es ist ein politischer Akt“, hatte eine Frau kurz vor den Explosionen in einem Anruf bei der Deutschen Presseagentur angekündigt.

Millionenschaden

Bei den Festgenommenen nämlich handelte es sich um Horst Söhnlein und Thorwald Proll, deren Namen heute nicht mehr viel kennen, und um Andreas Baader und Gudrun Ensslin, zwei Namen, die für eine Zäsur in der deutschen Zeitgeschichte stehen. Sie gehörten zum engsten Kern der später als Baader-Meinhof-Bande bekannt gewordenen terroristischen Gruppe, die sich dann als „Rote Armee-Fraktion“ bezeichnete. Die Frankfurter Kaufhausanschläge gelten als Beginn dieser Geschichte.

Das Quartett war am 2. April in Frankfurt eingetroffen und hatte an diesem Tag die Kaufhäuser ausgekundschaftet. Kurz vor Geschäftsschluss hinterließen sie mehrere Brandsätze, die kurz vor Mitternacht auslösten. Die Feuerwehr wurde sehr schnell alarmiert, da Monteure in dieser Nacht Arbeiten an den Rolltreppen im Kaufhaus Kaufhof erledigten. Je nachdem, welchen Quellen man glaubt, entstanden Sachschäden zwischen zusammen und umgerechnet 350 000 bis eine Million Euro. Warum nun ausgerechnet Anschläge auf Kaufhäuser? Diese galten als Symbole des kapitalistischen Systems, das es für die Studentenbewegung abzuschaffen galt. Eine breitere Debatte über die Legitimität von Gewalt sollte erst in der Folge dieser Anschläge beginnen. Studentenproteste, Anti-Vietnam-Demonstrationen, die Hippie-Bewegung, Hausbesetzungen, gewalttätige Kundgebungen und anderes waren für die Öffentlichkeit verschiedene Ausprägungen der gleichen Unruhe, die als Auslöser eines gesellschaftlichen Wandlungsprozesses lange nicht erkannt wurde.

Durchaus bezeichnend ist, dass nach der Verhaftung die Falschmeldung verbreitet wurde, es handelte sich bei den Tatverdächtigen um Teilnehmer eines Anti-Vietnam-Kongresses des Sozialistischen Deutschen Stundenbundes (SDS). Ein Flugblatt der „Kommune 1“ zum Brand eines Kaufhauses in Belgien hatte wissen lassen, die Opfer dort würden viel mehr betrauert als die Kinder, die durch amerikanische Angriffe in Vietnam ums Leben kamen. Seinen Satz „Burn, warehouse burn“ wollte Autor Fritz Teufel später als Scherz verstanden wissen – ob er die Frankfurter Attentäter inspirierte, weiß man nicht.

Urteil und Flucht

Die vier Brandstifter jedenfalls sahen sich als Kämpfer gegen das System und erklärten vor Gericht ihre Tat als Fanal gegen den Vietnamkrieg und amerikanische Kriegsverbrechen. Im Strafprozess argumentierten sie, sie hätten die Brandsätze nachts gezündet, um keine Menschenleben zu gefährden. Tatsächlich wurde niemand verletzt. Aber es entstand hoher Sachschaden.

Vor der Urteilsverkündung demonstrierte Gudrun Ensslin noch einmal die Haltung zu einem aus ihrer Sicht nur scheinbar demokratischen und subtil totalitären System. Auf die Frage des Gerichts, ob sie noch eine Erklärung abgeben wolle, antwortete sie: „Ich will ihnen nicht Gelegenheit geben, den Anschein zu erwecken, als hörten sie mir zu“, erklärte sie.

Bekanntlich wurde das Quartett zu Haftstrafen verurteilt. Bis zu drei Jahren Zuchthaus, diese Urteile stellten aus der Sicht linker Kritik den Versuch dar, jedes Aufbegehren gegen die herrschende Ordnung mit drastischen Maßnahmen zu unterdrücken. Baader und Ensslin tauchten während einer Haftaussetzung unter, Baader wurde festgenommen und von Ulrike Meinhof und anderen mit Waffengewalt wieder befreit. Das gilt als Geburtsstunde der terroristischen Vereinigung Rote-Armee-Fraktion, die in den 70er und 80er Jahren Deutschland in Atem hielt.

Am Beginn eines Irrwegs: Lesen Sie zum Kaufhausbrand 1968 auch unsere Analyse auf Seite 2 .

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