Das Kreuz mit dem Krach: Silke Alves-Christe, Pfarrerin der Dreikönigsgemeinde (ganz links), zelebrierte den Gottesdienst zu Füßen des Goetheturms.
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Das Kreuz mit dem Krach: Silke Alves-Christe, Pfarrerin der Dreikönigsgemeinde (ganz links), zelebrierte den Gottesdienst zu Füßen des Goetheturms.

Anti-Fluglärm-Gottesdienst

Kehret um und ihr werdet leben

  • VonGernot Gottwals
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Unterm Goetheturm in Sachsenhausen Appelle an Fraport

Als sich im Frühjahr 2020 der erste Lockdown über Deutschland senkte, konnten die Mitglieder der Bürgerinitiative Sachsenhausen (BIS) durchatmen: "Es war wie ein Geschenk für uns, mal nicht aus dem Schlaf gerissen zu werden und bei frischer Luft im Stadtwald spazierenzugehen", erinnert sich Silke Alves-Christe, Pfarrerin der Dreikönigsgemeinde. Denn aus der Nordwest-Landebahn war ein Parkplatz für Flugzeuge geworden.

Segen unter lautem Himmel

Natürlich überwogen die Einschränkungen, Beschwernisse und Sorgen vor der Pandemie, so dass die Gemeinde jetzt erst mit einen guten Jahr Verspätung eine Premiere feiern konnte: Den ersten Freiluft-Gottesdienst vor dem neuen Goetheturm, der bezeichnenderweise "Gottesdienst unter lautem Himmel" hieß. Dreimal donnerten Flieger über die gut 90 Teilnehmer zu Füßen des wiedererstandenen Sachsenhäuser Wahrzeichens hinweg.

Im Musikprogramm von Steve Collins und Makis Patronas ging es um die Schönheiten der Natur in Hessen, die der Airport mit seinem Fluglärm (wieder) zunichte mache. Alves-Christe drückte es in ihrer Predigt klar aus: "Wenn ich vor der Pandemie alle zwei und jetzt alle vier Minuten aus meiner Ruhe und Konzentration gerissen werde, ist das keine Verbesserung".

Vielmehr sei die Fraport als Betreiberin zum Umdenken gefordert: Denn seit ihrer Eröffnung im Jahr 2011 sei die Nordwest-Landebahn zwar immer benutzt, jedoch keineswegs gebraucht worden. "Dann hat uns Corona eine Krise beschert, für die die Kirchen immer nach Antworten suchten", erklärte die Pfarrerin. "Aber hier handelt es sich nicht um eine Strafe Gottes oder ein gottgewolltes Schicksal." Vielmehr sei das Wort "Krise" auch in seiner ursprünglichen Bedeutung als Anstoß für eine neue Entscheidung zu sehen: Denn die Zahl der Flüge nahm zwangsläufig ab, man musste auf Urlaub verzichten und sich beruflich zu Internetkonferenzen treffen.

Menschgemachter Klimawandel

Und jetzt dürfe es kein "Weiter so" geben, als sei nichts geschehen. Denn die Fluten und Waldbrände hätten gezeigt, dass der menschgemachte Klimawandel mit bedeutendem Anteil des Flugverkehrs verheerende Auswirkungen auch in unseren Breiten habe. Hinzu komme die Belastung durch Ultrafeinstaub. "Darum gilt auch hier: Kehret um und ihr werdet leben!", betonte die Pfarrerin.

Ursulsa Fechter, Gründerin der Bürgerinitiative Sachsenhausen (BIS) und ihr Mitstreiter Wolfgang Heubner erklärten hierzu: "Im August gab es 28 897 Flugbewegungen, das ist gegenüber dem Vorkrisenjahr 2019 ein Rückgang um 37,7 Prozent. Wobei die Zahl der Inlandflüge mit 2154 immer noch viel zu hoch liegt." Diese Zahl müsse jedoch deutlich sinken. "Reiseveranstalter rechnen mit bis zu 30 Prozent weniger Geschäftsreisen, die Zahlen werden auch in den nächsten Monaten weiter auf niedrigem Niveau verharren." Die Fraport müsse sich der Realität stellen, statt von einer Rückkehr zum Vorkrisenniveau auszugehen.

Nach Vorstellungen der BIS könnte das neue Terminal 3 auch als Multifunktionshalle genutzt werden, während der Betrieb der Nordwest-Landebahn bei einer Ruhezeit zwischen 22 und 6 Uhr zurückgefahren wird.

Ein erster Schritt hierzu könnte sein, sie nur als Überlaufbahn zu nutzen, falls es an anderen Landebahnen tatsächlich zu Engpässen komme. Doch bislang setze die Fraport nur weiterhin auf Wachstum und Ausbau.

2026 wieder das alte Niveau

"Wir gehen auch nach Prognosen der Branchenverbände davon aus, dass wir am Flughafen bis 2026 wieder das Vorkrisenniveau erreichen und danach kontinuierliches Wachstum sehen werden", erklärt Fraport-Sprecher Thorben Beckmann. Entsprechend werde das Terminal 3 mit coronanangepasstem Zeitplan 2026 in Betrieb genommen.

Für den Lärmschutz werde man auf satellitengestützte Anflüge mit erhöhtem Gleitwinkel und die Überführung der Lärmpausen in den Regelbetrieb setzen. Zudem sind auf dem Flughafengelände neu Photovoltaikanlagen und der Zukauf von Windenergie geplant. Gernot Gottwals

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