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Keim im falschen Bach gesucht: Stadt Frankfurt folgt Fehlinformation

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Birgt die Idylle eine tödliche Gefahr? Naturschützerin Knerndel am Eschbach.
Birgt die Idylle eine tödliche Gefahr? Naturschützerin Knerndel am Eschbach. © Leonhard Hamerski

Bisher hat das Frankfurter Gesundheitsamt noch keine Spur entdeckt, woher der im März an der Uniklinik verbreitete gefährliche Keim stammen könnte. Der Verdacht, ein Patient könnte sich beim Sturz in den Eschbach infiziert haben, konnte bislang nicht bestätigt werden. Doch das ist kein Wunder: Der hinzugezogene Experte hat aufgrund einer Falschinformation im nahen Mühlgraben nach dem Erreger gesucht.

Idyllisch plätschert der Eschbach durch den dörflichen Norden der Stadt. In den Bäumen am Ufer brüten Spechte, Libellen fliegen über das Wasser. Und das ist so klar, dass kaum jemand auf die Idee käme, es könnte eine tödliche Gefahr bergen. „Die Wasserqualität ist gut“, sagt Christine Knerndel. Die frühere Arzthelferin lebt seit sechs Jahrezehnten am Eschbach, kümmert sich um Nistkästen und Uferwege. „Es gibt Forellen im Eschbach. Die würden sich doch nicht halten, wenn mit dem Wasser etwas nicht in Ordnung wäre“, meint die Naturschützerin. Doch seitdem Ende März ein Nieder-Eschbacher in den Dorfbach stürzte und bald darauf in der Uniklinik verstarb, gibt es Zweifel an der Wasserqualität.

Spezialist aus Bonn

Der Mann schleppte einen gefährlichen Keim in die Klinik ein, gegen den mehrere Antibiotika wirkungslos sind. Experten und Behörden nehmen den bundesweit beachteten Fall mit zwei weiteren Toten sehr ernst und versuchen herauszufinden, woher Klebsiella pneumoniae (so der Name des Erregers) stammte, um seine weitere Verbreitung zu verhindern. Dabei gehen sie nach wie vor dem Verdacht nach, er könne beim Bachsturz über das Wasser in die Lunge des Patienten gelangt sein. Vor vier Wochen geriet deshalb der Eschbach ins Visier der Öffentlichkeit. Belege konnten weder das städtische Gesundheitsamt noch der als Spezialist hinzugezogene Bonner Medizinprofessor Martin Exner finden. Doch das ist kein Grund zur Entwarnung. Denn Recherchen dieser Zeitung ergaben: Die Experten konzentrieren sich bei ihrer Suche bislang auf das falsche Gewässer.

Am 2. Mai war Ursel Heudorf, stellvertretende Leiterin des Frankfurter Gesundheitsamts, gemeinsam mit Exner in Nieder-Eschbach. Die beiden Mediziner liefen den Mühlgraben ab, einen etwa einen Kilometer langen Seitenarm des Eschbachs. Die Witwe des Verunglückten habe ihr mitgeteilt, dass ihr Mann dort ins Wasser gestürzt sei, berichtet Heudorf.

Eine Wasserprobe aus dem Eschbach wurde zwar zur Sicherheit genommen, allerdings bislang nur in einem Frankfurter Labor untersucht, das gar nicht auf antibiotikaresistente Keime spezialisiert ist.

Wesentlich gründlicher kümmerten sich die Keimdetektive um den Mühlgraben – eben fest davon ausgehend, dass der Patient dort hineingestürzt war. Aus dem Mühlgraben wurden mehrere Proben in Exners Speziallabor in Bonn analysiert. Er leitet ein Forschungsprojekt zur Verbreitung antibiotikaresistenter Bakterien. „Unser Untersuchungsverfahren ist eine spezifische Methode, mit der sehr genau nach solchen Keimen gesucht wird“, erklärt Exner. „Die Standardverfahren der Trinkwasseruntersuchung leisten dies nicht.“ In einigen Wochen will er eine neue Probe aus dem Mühlgraben untersuchen, um ganz sicher zu sein.

Gefahrenherd Kläranlage

Doch der Aufwand könnte umsonst sein. Offenbar saß das Gesundheitsamt einem entscheidenden Irrtum auf. Mehrere Nieder-Eschbacher sagten unserer Zeitung, dass der Mann nicht in den Mühlgraben, sondern in den Eschbach gefallen sei. Auch die Polizei bestätigte dies ausdrücklich.

Damit rückt ein Ort in den Fokus, der schon seit langem als potenzielle Keimschleuder gilt: die Kläranlage in Ober-Eschbach. Sie wird von der Stadt Bad Homburg betrieben und liegt an der Stadtgrenze zu Frankfurt. Bei Routinekontrollen vor und nach der Kläranlage stellt das Frankfurter Gesundheitsamt seit Jahren eine durch die Abwasserentsorgung verursachte erhöhte Keimbelastung des Eschbachs fest. Vom Baden in dem idyllisch wirkenden Bach rät die Behörde deshalb ab.

„Antibiotikaresistenzen können über Abwasser verbreitet werden“, warnt Martin Exner. „Das ist eine wachsende Gefahr, die sehr ernst genommen werden muss.“ In seinem Forschungsprojekt geht es auch darum, wie Kommunen ihre Kläranlagen aufrüsten müssten, um diese Gefahr zu bannen. Die momentan übliche Technik reicht dafür nicht aus.

Der für das Gesundheitsamt bisherige „Hauptverdächtige“ wiederum ist von der Kläranlage abgeschnitten. Denn die Schleuse, an der einst Eschbachwasser in den Mühlgraben geleitet wurde, ist schon seit Jahren geschlossen. Der Mühlgraben wird seither aus mehreren kleinen Quellen gespeist.

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