Früher tanzten sie hier bis spät in die Nacht, doch seit Beginn der Corona-Pandemie ist der Club Adlib auf dem Dach des BMW-Hauses verwaist. Die Lockerungen, die von Freitag an gelten, reichen nicht, klagt Clubbetreiber Rusbeh Toussi. Er lässt vorerst zu. FOTO: Holger Menzel
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Früher tanzten sie hier bis spät in die Nacht, doch seit Beginn der Corona-Pandemie ist der Club Adlib auf dem Dach des BMW-Hauses verwaist. Die Lockerungen, die von Freitag an gelten, reichen nicht, klagt Clubbetreiber Rusbeh Toussi. Er lässt vorerst zu.

Corona-Lockerungen

Trotz neuer Freiheiten: Stimmung in Frankfurt ist gedrückt

  • Thomas J. Schmidt
    VonThomas J. Schmidt
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Die Corona-Regeln sind auch in Frankfurt weitestgehend gelockert. Clubbetreiber schauen dennoch weiter in die Röhre. Auch Hoteliers und Eltern von Schülern sorgen sich.

Frankfurt – Endlich wieder mehr Freiheiten: Angesichts niedriger Corona-Fallzahlen lockert Hessen weiter. Die einen freut's, den anderen gehen die neuen Freiheiten nicht weit genug. Dass Schüler im Unterricht keine Masken mehr tragen müssen - für Kinder und Jugendliche ist das eine große Erleichterung, gerade im heißen Sommer. "Dieser Schritt war angesichts einstelliger Inzidenzen, geimpfter Lehrkräfte und weiter bestehender Testpflicht sowie vor dem Hintergrund voller Biergärten und Schwimmbäder ohne Maske und Test längst überfällig", sagt Yvonne Alberts von der Initiative Familien (IF). "Wir hätten uns diese Erleichterung schon vor der ersten Hitzewelle gewünscht."

Doch es gibt auch kritische Stimmen. So berichtet Rafaela Hartenstein, Sprecherin des Stadtelternbeirats, von durchaus gemischten Reaktionen der Eltern: Die einen seien froh, dass die Kinder endlich wieder normal im Unterricht sein können, andere befürchten: "Was wird wenn ein Kind infiziert ist? Muss dann wie bislang die ganze Klasse für zwei Wochen in Quarantäne? Und was wird aus den Urlaubsplänen der Familien, wenn diese Quarantäne in den Beginn der Ferien fällt?" Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Grüne) konnte diese Frage gestern auch nicht beantworten, aber: "Für alles, was draußen stattfindet, sind weitreichende Lockerungen gerechtfertigt. Weiterhin vorsichtig sollten wir in geschlossenen Räumen sein, wo die Infektionsgefahr höher ist".

Corona-Lockerungen in Frankfurt – Tanzveranstaltungen nur im Freien möglich

Auch Tanzveranstaltungen sind wieder möglich, vorausgesetzt, es wird im Freien getanzt. Damit allerdings die Frankfurter Clubs ganz und gar nicht zufrieden. "Wir werden am 2. Juli im Gibson öffnen, werden Tische und Stühle stellen, Lounge-Atmosphäre mit Musik anbieten", kündigt Madjid Djamegari an. Der Clubbetreiber ist Chef der Initiative Gastronomie Frankfurt. "Aber wir können das, weil wir das Publikum dafür haben. Ich schätze, die meisten Clubs werden geschlossen bleiben, trotz der Lockerungen." Er ist unzufrieden: "Die Inzidenz ist vernachlässigbar. Es gibt keinen medizinischen Grund mehr, das Tanzen drinnen zu verbieten."

Das sieht auch Rusbeh Toussi so, Inhaber des Clubs Adlib in der Schwedlerstraße. Die Verbitterung der vergangenen Monate ist ihm deutlich anzumerken. Toussi hat auf dem Dach des BMW-Hauses in der Schwedlerstraße eine Terrasse. Dort könnte er Gäste im Freien tanzen lassen. "Ich werde es nicht tun, schon aus Solidarität mit den anderen", sagt Toussi. Keine drei Clubs in Frankfurt haben Außenflächen, und drinnen bleibt das Tanzen verboten. "Wir werden behandelt wie Bordellbetreiber." Auf seiner Terrasse von 200 Quadratmetern könne er höchstens ein Achtel des Umsatzes des gesamten Lokals erwirtschaften, sagt Toussi. Er schimpft: "Das kann ich mir in die Haare schmieren."

Corona-Lockerungen in Frankfurt: Clubs und Hotels nach wie vor in Sorge

Kerstin Junghans, Geschäftsführerin des Hotel- und Gaststättenverbands Frankfurt Rhein-Main, sieht die Probleme. "Für die Clubs bleibt es schwierig. Die meisten können nicht nur Gastronomie anbieten, was sie ja dürften, weil das nicht den Umsatz bringt, den sie benötigen." Besser sehe es für die Hotellerie aus. "Die Testpflicht ist erleichtert, und die Auslastungsbeschränkungen sind gefallen." Doch Frankfurts Hotels würden davon kaum profitieren. Denn sie leben nicht vom Tourismus, sondern von den Messe- und Kongressgästen. "Nach wie vor fehlt internationales Publikum. Die Hotellerie kommt erst wieder in die Gänge, wenn das Messegeschäft wieder läuft. Leider fehlt für Messen etc. noch die Planungssicherheit."

Schlimm bleibe auch die Situation in der Gastronomie. "In den Innenräumen gilt nach wie vor Testpflicht. Das ist ein schwieriger Zustand." Denn die Hürde für die Gäste und die Kosten für die Tests sind hoch. Junghans möchte lieber gar nicht daran denken, was passiert, wenn sich die Erfahrungen des Vorjahres wiederholen: Lockerungen im Sommer und dann wieder ein Lockdown. "Viele Gastronomen wissen nach wie vor nicht, wie sie über die Runden kommen sollen mit dem geringen Umsatz und aufgelaufenen Stundungen, die fällig werden. Wenn jetzt die Delta-Variante des Virus zu einem neuen Lockdown führte, würde das vielen den Rest geben."

Übrigens: Auch Bordelle dürfen von Freitag an öffnen - nach 468 Tagen der Schließung. Doch auch hier gilt: Testpflicht und - wie in der Gastronomie - die Nachverfolgung von Kontakten. Gäste müssen also ihren Namen angeben. (Thomas J. Schmidt)

Bei Feiern in der Innenstadt musste die Polizei in Frankfurt die Corona-Regeln häufig durchsetzen.

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