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Keine Öko-Spinnerei, sondern Alltag

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Von: Alexandra Flieth

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Vor dem "Tiny House" namens "Ferdinand" steht Michael Lülf, der Veranstalter der Messe "Green World Tour". Das Haus ist transportabel, verbraucht also keine Flächen-Ressourcen, ist aber autarker ausgestattet als ein herkömmlicher Wohnwagen. FOTOS: Maik Reuß
Vor dem "Tiny House" namens "Ferdinand" steht Michael Lülf, der Veranstalter der Messe "Green World Tour". Das Haus ist transportabel, verbraucht also keine Flächen-Ressourcen, ist aber autarker ausgestattet als ein herkömmlicher Wohnwagen. © Maik Reuß

Messe an der Jahrhunderthalle Höchst

"Ferdinand" heißt das Tiny House, das direkt vor dem Kasino der Jahrhunderthalle geparkt ist. "Tiny" kommt aus dem Englischen und bedeutet so viel wie "winzig": Von außen wirkt das Haus, das auf Rädern steht, um es flexibel von einem Ort zum anderen bringen zu können, schon fast groß, und auch innen bietet es mit rund 24 Quadratmetern gut Raum zum Leben. Es verfügt über ein Ess-, Wohn- und Schlafabteil sowie über ein Bad. Die Stromversorgung erfolgt über Solarmodule auf dem Dach; außerdem gibt es einen 300 Liter großen Frischwassertank - eine autarke Versorgung ist möglich.

Was so alles möglich ist

Mit einer Deichsel wird es an einen Lkw gehängt. "Der ist bei einem Gewicht von gut 15 Tonnen, die das Tiny-House wiegt, schon notwendig", sagt Michael Lülf, Geschäftsführer der Firma "Autarkia". Er und sein Team haben zu einer Nachhaltigkeitsmesse ins Kasino der Jahrhunderthalle eingeladen. Das kleine Haus "Ferdinand" steht dabei symbolisch als Botschafter für einen nachhaltigeren Lebensstil und dient als Beispiel dafür, was aktuell möglich ist. Die "Green World Tour", wie die Messe heißt, hat für zwei Tage im Kasino der Jahrhunderthalle Station gemacht. Zum zweiten Mal nach 2019 gastiert die Messe in Frankfurt, gut 55 regionale und überregionale Aussteller machen mit. "Wir möchten uns mit unserem Angebot an die breite Masse richten, also an die Menschen, denen das Thema Nachhaltigkeit wichtig ist, aber die vielleicht die Bandbreite an Möglichkeiten noch nicht so guten kennen und sich informieren wollen", umreißt Lülf das Konzept.

Die Angebote auf der Messe seien wie eine Entdeckungsreise durch die verschiedenen Themen - angefangen von der Energieversorgung über Ernährung bis zu Finanz-Fragen oder einer nachhaltigen Krankenkasse. "Wir möchten zeigen, dass es möglich ist, einen nachhaltigen Lebensstil in den individuellen Alltag zu integrieren."

Dazu zählt mit Sicherheit auch der Gedanke, das Auto in der Stadt einfach mal stehen zu lassen und aufs Fahrrad umzusteigen. Doch was, wenn man in der Stadt große Gegenstände transportieren oder den Wocheneinkauf meistern muss? Eine Alternative zum Auto stellt Fabian Berger auf der Messe vor. Er gehört zu den Gründern des jungen Startups "Veload" aus Kassel, das sich auf Schwerlastenräder spezialisiert hat. Ein Exemplar hat er zur "Green World Tour" mitgebracht - ein vierrädriges Fahrrad, das in seinem Aufbau an die Form eines Autos erinnert.Es bietet Platz für zwei Fahrer, die nebeneinander sitzend in die Pedale treten können, ist aber auch von nur einer Person fahrbar und dafür mit elektrischer Unterstützung ausgestattet. Das Schwerlastenrad sei mit einer Höchstgeschwindigkeit von 25 Kilometern pro Stunde als Pedelec eingestuft und könne daher auch ohne einen Führerschein im Straßenverkehr gefahren werden, sagt Berger. Auf einem Basis-Fahrgestell können zudem unterschiedliche Module für verschiedene Anforderungen montiert werden. Fabian Berger erklärt, dass sich der Akku leicht entnehmen lasse und ganz einfach an einer Haushaltssteckdose wieder aufgeladen werden könne.

Die Möglichkeit, das Schwerlastenrad einmal selbst auszuprobieren, wird am Wochenende eifrig genutzt: Im Kasino ist dafür eigens eine Fläche freigehalten.

Begeisterung für Doppelsitzer

Zu den Interessenten gehören auch Lisa Kessler und Christopher Gros aus Darmstadt. Die Zahnärztin und der Lehrer fahren gerne mit dem Rad, haben aber auch ein Auto - doch das werde nicht so oft genutzt: "Wenn wir können, dann machen wir alles mit dem Rad", sagt Gros. Die beiden nehmen Platz auf dem Schwerlastenrad, Fabian Berger fährt auf der Pritsche mit und erklärt, worauf sie bei der Nutzung achten müssen. Gros ist besonders fasziniert vom "Daumengas", einer Vorrichtung am Lenker, bei der mit dem Daumen quasi Gas gegeben werden kann. Das kann nur der Fahrer, der auf der linken Seite sitzt - wie beim herkömmlichen Auto. Auch einen Rückwärtsgang zum leichteren Einparken gibt es. "Es ist kinderleicht zu bedienen", resümiert Christopher Gros nach der Probefahrt. "Dadurch, dass man nebeneinander sitzt, kann man sich auch gut unterhalten. Das ist schön", findet Lisa Kessler.

Wenige Meter entfernt haben Tina Jezeran und Roland Bedenbender aus Kelkheim ihren Stand aufgebaut - und präsentieren Damenblusen und Herrenhemden, bei denen der Weg von der Baumwollpflanze über die Herstellung bis zur Fertigung für den Konsumenten transparent nachverfolgt werden kann. Jedes Kleidungsstück ist ein Unikat, das einen QR-Code auf der Innenseite eingedruckt hat: Er gibt beim Einscannen detaillierte Informationen zur chronologischen Abfolge der Herstellung preis und listet Hersteller- und Rohstoff-Zertifikate auf. Ihr Label "klaamotte" hätten sie gegründet, weil ihm genau diese Transparenz beim Kauf von Herrenhemden gefehlt habe, erzählt Roland Bedenbender. Seine Motivation: "Ich habe eine Tochter und ich möchte, dass es für sie und andere Kinder auch in Zukunft eine Welt gibt, auf der sie gut leben können."

Mit Blauem Engel ausgezeichnet

Die Sorgfalt, welche Tina Jezeran und Roland Bedenbender walten lassen - von der verwendeten Baumwolle bis zur Fertigung im Allgäu - hat ihnen nun das Umweltzeichen der Bundesregierung, den "Blauen Engel", eingebracht. Die Urkunde wird ihnen auf der Messe von Christoph Eßer-Ayertey überreicht, dem Leiter der Umwelt-Dienststelle, die unter anderen für den "Blauen Engel" zuständig ist. Alexandra Flieth

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