Moment der Erleichterung: Nach zähem Ringen haben die Organisatoren den Kerbebaum erfolgreich aufgestellt. FOTO: maik reuss
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Moment der Erleichterung: Nach zähem Ringen haben die Organisatoren den Kerbebaum erfolgreich aufgestellt.

Kerb

Kerbebaum in Sossenheim steht mit Kürbis und Kranz

  • VonSabine Schramek
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Burschen mussten improvisieren, um die Seidenkiefer an ihren Platz in Alt-Sossenheim zu bringen

Großes öffentliches Tamtam haben die Sossenheimer Kerbeburschen und Kerbemädels wegen Corona nicht um ihren Kerbebaum gemacht. Mitbekommen haben es dennoch etliche, als eine 1,5 Tonnen schwere und 30 Meter hohe Seidenkiefer mit dem Kran hochgezogen wurde und jetzt mit Kranz, Kürbis und dem Vize-Präsidenten David Reichwein Alt-Sossenheim schmückt.

Fast wäre das Aufstellen des Kerbebaums auf dem Plätzchen Alt-Sossenheim und Wiesenfeldstraße geplatzt. Beim Transport aus dem Schwanheimer Stadtwald war der Weg so uneben, dass sich die Achse am Reifen verbogen hat. Doch die Sossenheimer Kerbeburschen wären nicht sie selbst, wenn sie keine Lösung gefunden hätten. Präsident Michael Schneider rief vom Traktor aus das Ehrenmitglied Florian Höfler an, der es mit einem Schweißgerät schaffte, den Anhänger wieder bewegungsfähig zu machen. Allen Widrigkeiten zum Trotz steht jetzt zum zehnten. Mal der Kerbebaum des Vereins, zum neunten Mal auf diesem Plätzchen.

Bunte Bänder

schmücken den Kranz

"Ei, der muss da stehen und schön aussehen", heißt es von neugierigen Anwohnern, die zuschauen, wie die Kerbemädels bunte Bänder schneiden und Äste und den Kranz schmücken und die Burschen Äste absägen, Schrauben und Haken bohren und einen riesigen Kürbis zerteilen und so formen, dass er wie angewachsen auf dem Seidenkieferstamm sitzt. Der Kürbis ist eine Spezialität von Sossenheim. "Die Kerb fällt in die Zeit der Kirchweih und zum Erntedank gehört ein Kürbis einfach traditionell dazu", sagt Schneider, während Kerbebursche Marcel Esta mit Bohrer, Schrauben und viel Draht einen Stuhl mit Strohpuppe am Baum festmacht.

Gar nicht zufällig sieht der mit olivfarbener Hose, schwarzen Sneakers und weißem Hemd gekleidete Strohmann aus wie der Vizepräsident. Auf der Brust prangt ein rotes Herz und darunter in Schwarz: "10 Jahre Vize". Das Gesicht ist aufgemalt mit eckiger Brille und zeigt eindeutig David Reichwein, der im Augenblick noch sägt und hämmert. "Bis nächsten Sonntag hat er noch was zu sagen", munkelt es. Bei der nächsten Hauptversammlung hört Reichwein tatsächlich auf und "überlässt Jüngeren den Posten". Jedes Jahr gibt es eine Strohpuppe auf dem Kerbebaum, die eine Person ehrt, die sich besonders um den Stadtteil oder um den Verein verdient gemacht hat. "Da gab es keine lange Überlegung", sagen die Vereinsmitglieder. "Das muss jetzt einfach David sein."

Mit einem Kran wird der prächtige Baum von der Straße schwebend ganz langsam über den Platz gezogen. Hinter Absperrungen beobachten Sossenheimer das Treiben, manche mit Hund, andere mit Familie und wieder andere mit einem Becher Apfelwein in der Hand. An geöffneten Fenstern und aus Autos wird in die Luft gestarrt. Kurz darauf schwebt der 30 Meter hohe und 1,5 Tonnen schwere Baum wie eine Feder direkt über der im Boden eingelassenen Hülse. Er passt nicht rein, der Stamm ist zu dick. Aus einer Box läuft Musik. Bei "Everybody" von den Backstreet Boys und "Down by the River" von Neil Young steuern die jungen Männer den Stamm, Schneider greift die Kettensäge und macht ihn passend. Gemeinsam helfen die Kerbeburschen, Holzkeile zwischen Stamm und Hülse zu klemmen. Frischer Wind lässt die langen blauen und gelben Bänder am Tannenkranz in der Sonne wehen und tanzen. Die Strohpuppe scheint sich wohl zu fühlen so hoch über dem Boden. Bei strahlend blauem Himmel mit einigen weißen Wattewölkchen richtet sich der Blick der Reichwein-Strohpuppe Richtung Nidda und Kerbeplatz.

"Der Blick zum Kerbeplatz, das gefällt mir", sagt der echte Reichwein am Boden, während er den Hals streckt, um bis zum Gipfel zu gucken. "Das gefällt mir sogar ganz besonders. Vor allem, weil ich hier daheim bin." Noch klingt ein bisschen Musik, Schneider schüttelt Späne vom Sägen ab und nach und nach zerstreuen sich die zufriedenen Zuschauer. "Nächstes Jahr feiern wir die Kerb wieder richtig", sind sich alle einig. In diesem Jahr treffen sich nur die Mitglieder am Abend "zu einer kleinen Feier", um auf den aufregenden Tag anzustoßen. (Sabine Schramek)

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