Quer über den Baikalsee

600 Kilometer durchs Eis

Seit über 20 Jahren zieht es den Extremsportler Jörn Theissig für seine Abenteuer in die kältesten Regionen der Welt. Nun möchte er mit einem Freund den zugefrorenen Baikalsee über 600 Kilometer überqueren.

Wenn Jörn Theissig ein Abenteuer in Eis und Schnee winkt, dann weiß er, dass er ein Stück weit das Kind in sich bewahrt hat. Dann überlegt Theissig nicht lange, sondern nimmt die Herausforderung an. „Manchmal ohne zu wissen, auf was ich mich da eingelassen habe“, sagt er und lacht, als wisse er, dass nichts schief gehen könne.

Theissig darf auch zuversichtlich sein: Zwar scheiterte der 45 Jahre alte Kriminalbeamte aus Sachsenhausen wegen gesundheitlicher Probleme bei den ersten beiden Versuchen. Im vergangenen Jahr aber meisterte der Extremsportler den „Yukon Arctic Ultra“ in Kanada, der als härtester und kältester Ultramarathon der Welt gilt.

Noch euphorisiert vom Erfolg nahm er sogleich die nächste Herausforderung an: Mitte Februar reist Theissig nach Sibirien, um dort zu Fuß, auf Kufen und mit einem Zugschlitten den zugefrorenen Baikalsee zu überqueren. Mehr als 600 Kilometer lang ist die Route, die Theissig gemeinsam mit seinem Freund Wolfgang Kulow zurücklegen möchte.

Dass sein Begleiter bereits 67 Jahre alt ist, schreckt Theissig nicht ab – im Gegenteil: Kulow ist unter anderem bereits 200 Kilometer durch die Sahara gelaufen, hat die USA mit dem Rad durchquert und darüber hinaus zahlreiche der härtesten Triathlons der Welt gemeistert.

Zudem weiß Kulow, dass man trotz großer Extremsport-Erfahrung am Baikalsee scheitern kann. „Er hat es schon zwei Mal versucht, musste jedoch beim ersten Mal aufgrund der Wetterbedingungen aufgeben, beim zweiten Mal stieg sein Begleiter aus. Wolfgang hat daher aber noch eine Rechnung mit dem Baikalsee offen“, erzählt Theissig, der sich mit offenen und beglichenen Rechnungen ja auskennt.

Theissig teilt mit seinem Weggefährten zudem die gleiche Einstellung gegenüber der Natur, vor allem vor eisiger Kälte. „Das Wichtigste ist, dass du mit dem notwendigen Respekt vor Mutter Natur startest. Vor allem das Element Kälte ist eine besondere Herausforderung“, erklärt Theissig und berichtet von Teilnehmern beim „Yukon Arctic Ultra“, die zuvor zwar Wüstenmarathons absolviert hätten, die kanadische Eiseskälte aber unterschätzten und im Yukon scheiterten.

Damit ihm und Kulow nicht selbiges auf dem Baikalsee passiert, hat Theissig einfache Spielregeln aufgestellt: Allen voran gilt es, Schweißbildung zu verhindern, da dieser sich in Eis verwandeln könnte. Theissig trägt daher Kunstfaser-Kleidung, die extrem leicht sei, aber auch noch wärme, wenn sie feucht sei. Das Eis sollte aufgrund einer Dicke von anderthalb Metern ein weniger großes Risiko darstellen. Dafür aber müssen sich die Extremsportler stets in der Nähe des Ufers bewegen, falls ein Schneesturm aufkommt.

Vor allem nachts möchte der Sachsenhäuser keine Kompromisse eingehen. Theissig wird auf seinen Zugschlitten auch ein Bergsteigerzelt sowie einen Schlafsack mitführen, der ihn vor Temperaturen von bis zu Minus 76 Grad schützen kann. Er bezweifelt allerdings, dass es auf dem sibirischen Riesensee so kalt wird. Tagsüber hofft er auf Minus 20 Grad: „Da liegt beim Laufen meine Komfortzone.“

Wärmen könnte die beiden Extremsportler auch eine kleine Fettschicht, die sich beide vor der Reise anessen müssen. Würden sie dies nicht tun, könnten die Strapazen des Laufens und der Kälte für Muskelabbau sorgen. Theissig und Kulow nehmen daher reichlich Nüsse, Cashew-Kerne. Schokoriegel mit auf den Baikalsee. „Sogar Gummibärchen sind aufgrund der Fette erlaubt. Mit Kohlenhydraten kommst du dort nicht weiter. So eine Tour zehrt unglaublich an den Reserven“, schildert Theissig. Rund 7000 Kilokalorien brauche er pro Tag auf dem Baikalsee – im normalen Leben wäre er damit schnell fettleibig.

Einen kleinen Ranzen aber brauchen die beiden Eisläufer schon vor der Tour. Theissig hat bis vor wenigen Tagen noch Autoreifen durch den Stadtwald gezogen und auf Schlittschuhen seinen Schlitten über die 400-Meter-Bahn in der Eissporthalle. Knapp zwei Wochen vor der Baikalsee-Reise hört er nun mit dem Training auf, um ein kleines Fettpolster anzusetzen.

Doch die körperliche Vorbereitung ist nicht minder wichtig als die geistige. „Man muss ein solches Unterfangen mit Freude starten. Mutter Natur hält stets Überraschungen bereit, mit denen man klar kommen muss“, betont Theissig, der auf seinen bisherigen Touren gelernt hat, wie man Wärmebilder suggeriert, um nicht zu frieren, oder wie er der Kälte mit der richtigen Art zu Atmen trotzt.

Letztlich weiß Theissig aber auch, dass er den Belastungen leichter mit einem Weggefährten wie Kulow begegnen kann. Teilen möchte er seine Erfahrungen auch mit einem breiteren Publikum. Auf der Website will er über die Baikal-Expedition berichten.

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