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Kinder überzeugen als Buchbinder

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Von: Gernot Gottwals

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Stolz präsentierten die Buchbinder-Kinder den staunenden Eltern und Geschwistern ihre Kunstwerke. FOTO: rainer rüffer
Stolz präsentierten die Buchbinder-Kinder den staunenden Eltern und Geschwistern ihre Kunstwerke. FOTO: rainer rüffer © Rueffer

Vorher werden die Seiten geschöpft und mit tolle Tiergeschichten gefüllt

Beim ersten flüchtigen Blick in die Plastikwanne mag sich mancher Laie kaum vorstellen, dass der milchig weiße Brei darin der Stoff für Blätter oder gar Bücher ist. Doch Emma (9) weiß es besser: Zielsicher taucht sie das Sieb in den Brei, genannt Pulpe, und schöpft daraus jene Substanz, die als getrocknetes Papier beschrieben oder bemalt wird.

Doch ehe sich die neugierigen Besucher selber mit Papierschöpfen versuchen können, stellen Emma, Norma (9), Tjara (9), Felicitas (7) und weitere Mädchen und Jungen in der Sozialen Manufaktur des Deutschen Roten Kreuzes zunächst ihre fertigen Kunstwerke vor: Einzelne Blätter mit Abdrücken von Ahornblättern und verschiedenen Tiermotiven sind beim Projekt der "Buchkinder" ebenso zu sehen wie gebundene kleine Bücher mit lustigen Tiergeschichten.

"Dieses Projekt konnten wir 2020 in der Sozialen Manufaktur starten", berichtet Heidrun Schminke, Teamleiterin für Soziale Dienste beim DRK Frankfurt. Ein wichtiger kreativer und inklusiver Baustein dieser Einrichtung neben der Offenen Kulturwerkstatt zur Arbeit mit Kunst und Papier auch für Erwachsene. Und so haben 24 Kinder in drei wechselnden Gruppen nicht weniger als 90 Arbeitsstunden verwendet, um Papier herzustellen, bunte Bilder und witzige Geschichten zu gestalten und zu Büchern zu binden - oft mit stichwortartigen Kärtchen zu Tieren und deren Eigenschaften als Ideengeber.

So erzählt Norma ihre Geschichte von der Giraffe mit viel zu kurzem Hals, die von ihren Artgenossen immer ausgelacht wird: "Bis sie die anderen Giraffen mit einem Ventilator wegbläst und die von den Bäumen geblasenen Blätter frisst", sagt sie. "Es war einmal ein Fisch.....", liest Tjara aus ihrem Büchlein vor. Der Fisch traf seine Freunde, und gemeinsam schafften sie es tatsächlich, durch ein Teleskop zu schauen und Sterne zu entdecken.

Womit Tjara noch mehr Staunen erntet, ist die Schrift ihre Büchleins, die mit der guten alten Schreibmaschine geschrieben wurde. "Das macht viel Spaß und ist gar nicht so schwer", sagt sie stolz. Auch wenn ein Blick in die Werkstatt der Manufaktur offenbart, dass es sich eher um etwas ältere Modelle handelt. "Aber es liegt durchaus in unserer Absicht, den Kindern die Herstellung von Papier und Druckwerken als handwerklichen Prozess mit Geschichte nahezubringen", sagt die Kunstpädagogin Lena Sandel.

Die Idee ist 20 Jahre alt

Dass auch die Buchkinder ihre eigene Geschichte haben, weiß Tjaras Mutter Alexandra Politycki: "Unsere inzwischen erwachsene Tochter hat bei diesem Projekt nämlich auch schon mal mitgemacht", sagt sie. Denn die Idee zu den "Buchkindern" entstand vor 20 Jahren in Leipzig und wurde nach und nach auch von anderen Städten übernommen. 2012 etwa fand ein Projekt in einer Kita in Preungesheim statt, 2014 bis 2018 übten sich die Buchkinder im Senckenbergmuseum. Das aktuelle Projekt konnte seine Arbeit dank einer Förderung der Aktion Mensch aufnehmen.

In einer eigenen Fotoausstellung sind die verschiedenen Arbeitsschritte von der Papierherstellung bis zum fertigen Buch dokumentiert: Dazu gehören auch verschiedene Techniken des Buchbindens. Die Kinder lernen die Stabbindung ebenso wie die Dreipunktbindung mit Schnur und sogar mit Zahnseide.

Und dann kommt der große Moment, in dem sich auch die Besucher mit dem Papierschöpfen versuchen dürfen. Nachdem es Emma vorgemacht hat, erklärt Lena Mittelbach nochmals den Ablauf: "Das Sieb wird in die Pulpe getaucht, ein Faserbrei aus Jute und Baumwolle. Dann wird das Papier mit einem Stück Filz gegautscht, das heißt, es wird Wasser entzogen." Nun muss das fertige Blatt nur noch trocknen. Schon machen sich die ersten ans Werk, die ersten Papierschichten werden im Rahmen erkennbar.

"Nächstes Jahr läuft unsere Förderung durch die Aktion Mensch aus", erklärt Sandel. "Wir hoffen, dass wir dann einen neuen Partner für unsere Buchkinder finden können." Denn den schöpfenden Kindern werden weder die Ideen, noch das Papier ausgehen. got

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