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Für Privatdozentin Dr. Nicole Sänger (li.) sieht in der neuartigen Behandlung große Chancen für krebskranke Kinder.

Uniklinik friert Eierstockgewebe ein

Kinder zeugen - trotz Krebs

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Die Diagnose Krebs ist per se ein Schock – und bedeutet zugleich, dass die meisten Patienten unfruchtbar werden. Denn Chemotherapie und Bestrahlung töten nicht nur die bösartigen Zellen ab. Das Universitätsklinikum Frankfurt bietet als erste Einrichtung in Deutschland eine Behandlung junger Krebspatienten, an, die es ermöglichen soll, trotzdem eine Familie zu gründen.

Es war eine Nachricht, die im Dezember um die Welt ging: Die 24-jährige Engländerin Moaza Al Amtrooshi brachte einen gesunden Jungen zur Welt – obwohl sie nach einer Chemotherapie bereits im Alter von neun Jahren unfruchtbar geworden war. Möglich gemacht hat diese Sensation eine neuartige Behandlung: Vor der Therapie wurde dem Mädchen Eierstockgewebe entnommen, eingefroren und nach 13 Jahren transplantiert. Dieser Fall ist weltweit einzigartig – bislang wurde die Methode nur bei erwachsenen Frauen erfolgreich angewandt.

Damit dieser Einzelfall schon bald zur Regel werden könnte, hat das Universitätsklinikum Frankfurt als bundesweit erste Einrichtung feste institutionelle Behandlungsstrukturen geschaffen, in denen sich Experten verschiedener Fachgebiete der Fruchtbarkeit von Kindern mit Krebserkrankungen widmen. Mit der Gründung des „Frankfurt-Projekts“ sollen die neuen Verfahren weiterentwickelt werden. „Unser Ziel ist, aus diesen Strukturen ein spezialisiertes Zentrum für Behandlung und Forschung zu entwickeln. Außerdem wollen wir für eine bessere Unterstützung der betroffenen Mädchen oder Jungen durch die Politik und Gesellschaft werben“, erklärt Prof. Thimas Klingenbiel, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin.

80 Prozent der Kinder mit einer bösartigen Tumorerkrankung können heute als geheilt entlassen werden. Das sind Zahlen, die vor drei Jahrzehnten noch undenkbar waren. Sie stellen die Medizin allerdings vor ganz neue Herausforderung, denn viele der Patientinnen wünschen sich ein normales Leben. Dazu gehört auch der Kinderwunsch. Doch der ist bei den meisten Patienten durch die intensive Chemotherapie, Bestrahlung sowie eventuelle anschließende Stammzellentransplantation auf natürlichem Wege nicht mehr möglich.

Während bei Erwachsenen entsprechende Maßnahmen zum Erhalt von Fruchtbarkeit wie das Einfrieren von Eizellen und Spermien etabliert ist, steckt die Entwicklung bei Kindern noch in den Anfängen. „Das Einfrieren von Eierstockgewebe ist bei erwachsenen Frauen eine bereits erfolgreiche Methode. In Frankfurt bieten wir sie jetzt für Mädchen vor der Pubertät an“, erklärt Privatdozentin Dr. Nicole Sänger, Leitern des Schwerpunktes gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin. Mit dieser Methode ist Deutschland bei erwachsenen Frauen Vorreiter – 86 Schwangerschaften wurden in den vergangenen zehn Jahren ausgetragen. Die geborenen Kinder waren bei ihrer Geburt völlig normal entwickelt, sie waren nicht kleiner oder leichter als andere Neugeborene.

Entnommen wird das Eierstockgewebe dafür vor einer Chemotherapie oder Bestrahlung, der Eingriff erfolgt durch kleinste Einschnitte in der Bauchdecke. Die Zellen werden in flüssigem Stickstoff bei minus 140 Grad eingefroren und nach einer erfolgreichen Therapie zurück verpflanzt. Allerdings erst dann, wenn wirklich ein Kinderwunsch besteht. Denn die Fruchtbarkeit bei dieser Methode bleibt für lediglich drei bis fünf Jahre erhalten. Möglich ist die Behandlung bereits ab dem Säuglingsalter.

In Frankfurt werden alle betroffenen Kinder sowie ihre Eltern seit Kurzem über diese Möglichkeit aufgeklärt. 2016 wurden 30 Beratungsgespräche geführt, in den nächsten Monaten kommen 150 hinzu.

Diese Gespräche haben Erfolg und finden Anklang. Vor allem die Eltern krebskranker Kinder fänden es gut, dass trotz der schlimmen Diagnose eine Brücke in die Zukunft geschlagen wird, so Sänger. Im Jahr 2016 wurde 26 jungen Patientinnen in Frankfurt Eierstockgewebe entnommen – 17 von ihnen befanden sich vor, neun nach der Pubertät. Sie kamen nicht nur aus Frankfurt, sondern aus ganz Deutschland.

Während die Behandlung bei Mädchen bereits relativ weit fortgeschritten ist, steckt ein ähnliches Verfahren, um die Fruchtbarkeit von Jungen zu erhalten, noch in der Entwicklungsphase. In diesen Fällen wird unreifes Hodengewebe entnommen und ebenfalls eingefroren. Allerdings muss das Gewebe später bearbeitet werden, bevor es rücktransplantiert wird. „Daher erforschen wir, wie wir das unreife Gewebe so stimulieren können, dass der Junge damit später als Erwachsener tatsächlich Kinder zeugen kann“, erklärt Prof. Falk Ochsendorf, leitender Oberarzt der Klinik für Dermatologie, Venerologie und Allergologie.

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