+
Ansgar Wucherpfennig, Rektor der katholischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Mai. Foto: Frank Rumpenhorst

Kirchen-Diskurs um Hochschulrektor

Sankt Georgen, die katholische Hochschule in Frankfurt, ist für viele deutsche Bistümer eine gute Adresse: Hier studiert nicht nur der kirchliche Nachwuchs, auch mancher Bischof begann hier seine Ausbildung.

Sankt Georgen, die katholische Hochschule in Frankfurt, ist für viele deutsche Bistümer eine gute Adresse: Hier studiert nicht nur der kirchliche Nachwuchs, auch mancher Bischof begann hier seine Ausbildung. Selbst Papst Franziskus war 1985 während seiner Doktorarbeit hier zu Gast. Nun aber hat der Vatikan den derzeitigen Rektor, Ansgar Wucherpfennig, im Visier. Äußerungen zu Homosexualität und Frauen in der Kirche in einem vor zwei Jahren erschienenen Interview lassen den Vatikan nun zögern, Wucherpfennig die nötige Unbedenklichkeitserklärung auszustellen.

„Ich hatte den Eindruck, dass die kirchlichen Diskurse unter Papst Franziskus wieder geöffnet werden - gerade auch im Unterschied zu seinen beiden Vorgängern -, und hatte gedacht, in dem Zug lässt sich wieder freier denken”, sagt Wucherpfennig über seine damaligen Äußerungen. „Ich war dann schon überrascht, dass so ein Schreiben von Rom kam.”

Noch prüft der Vatikan. Das habe ihn anfangs verletzt, gibt Wucherpfennig zu. Angesichts der Reaktionen, die nun täglich aus Stadtpfarreien und bischöflichen Generalvikariaten eintreffen, fühlt er sich aber auch gestärkt. „Ich hätte durchaus mit einem größeren Shitstorm gerechnet”, sagt der schlanke Niedersachse, der mit Hemd ohne Priesterkragen und Janker auf den ersten Blick nicht als Priester zu erkennen ist. Was er nun sehe, sei eine „Sternstunde der Kirche in Deutschland.”

„Ich habe den Eindruck, die Solidarität, die sich jetzt zeigt, ist auch noch mal ein Ergebnis der Diskussion der deutschen Bischöfe in den letzten Wochen”, erklärt er. So seien in der Diskussion über sexuellen Missbrauch durch Geistliche Diskurse geöffnet worden, „von denen man gar nicht gedacht hat, dass sie überhaupt geöffnet werden und dass die Kirche in diese Richtung weiterdenken konnte”.

Ob Sexualmoral, Homosexualität oder die Rolle der Frau: „Ich glaube, die Zeiten sind vorbei, in denen sich kirchliche Diskurse so beherrschen lassen, dass eine Kommission in Rom darüber entscheidet, wie weltweit mit den Interessen der Kirche umgegangen wird”, sagt Wucherpfennig selbstbewusst.

Viele Reaktionen aus kirchlichen Kreisen in Deutschland sind eindeutig: „Die Zeiten, wo Menschen - auch Amtsträger in der Kirche - sich von römischen Behörden vorschreiben lassen, worüber nachgedacht und diskutiert werden darf, sind Gott sei Dank endgültig vorbei”, heißt es in einer Erklärung Frankfurter Pfarrer. Für den Bund der Katholischen Jugend (BDKJ) steht die „Glaubwürdigkeit der Kirche” auf dem Spiel.

Der Fall Wucherpfennig wiegt umso schwerer, weil Papst Franziskus eigentlich immer wieder predigt, dass die Ortskirchen selbstständiger werden und nicht mehr nur auf Rom hören sollen. Außerdem betont der Argentinier stets, etwa Homosexuelle nicht durch die strikte Sexualmoral der Kirche auszugrenzen. Die Causa Sankt Georgen zeugt allerdings eher vom Gegenteil.

Zuletzt gab es Ärger zwischen Rom und Deutschland, als es um den Kommunionsstreit innerhalb der Deutschen Bischofskonferenz ging. Die Frage war, ob protestantische Ehepartner von Katholiken in der Messe zur Kommunion gehen dürfen. Den Vorstoß einiger Bischöfe zur Teilnahme protestantischer Ehepartner stoppte der Pontifex dann allerdings. Denn er war der Auffassung, dass ein von der Bischofskonferenz verabschiedetes Dokument nicht zur Veröffentlichung reif war. Für den Vorsitzenden der Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, war das eine herbe Niederlage.

Seine Lehrerlaubnis, das macht Wucherpfennig deutlich, steht nicht auf dem Spiel. Doch wenige Tage vor Beginn des neuen Semesters dürfte der Streit um die Unbedenklichkeitserklärung - das „nihil obstat” - für den seit 2014 als Rektor amtierenden Wucherpfennig bei Priesteramtskandidaten, die ihr Studium an der renommierten Hochschule aufnehmen, Nachdenklichkeit auslösen. Immerhin: Der Namensgeber, der heilige Georg, steht als „Drachentöter” für eine kämpferische Haltung.

(Von Eva Krafczyk und Annette Reuther, dpa)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare