Eric Gumlich vom Paritätischen Wohlfahrtsverband und Daniela Wehrstein von der Landesarbeitsgemeinschaft KitaEltern Hessen haben sich mit einem Forderungspapier an die Landesregierung gewandt, damit Kinder und Kitas bei der Rückkehr zur Normalität unterstützt werden.  
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Eric Gumlich vom Paritätischen Wohlfahrtsverband und Daniela Wehrstein von der Landesarbeitsgemeinschaft KitaEltern Hessen haben sich mit einem Forderungspapier an die Landesregierung gewandt, damit Kinder und Kitas bei der Rückkehr zur Normalität unterstützt werden.  

Montagsinterview

Forderungen an Landesregierung in Hessen: "Kitas und Schulen müssen größere Rolle spielen"

  • Julia Lorenz
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Der Paritätische Wohlfahrtsverband hat Bilanz der Pandemie gezogen und ein Forderungspapier aufgestellt. Eric Gumlich und Daniela Wehrstein haben an dem Papier mitgearbeitet. Mit ihnen sprach Redakteurin Julia Lorenz.

Kinder und Jugendliche haben unter der Corona-Pandemie gelitten. Die Folgen sind erheblich: soziale Ängste, Entwicklungsverzögerungen, Schlafstörungen, Ticks. Deshalb hat sich der Paritätische Wohlfahrtsverband mit einem Forderungspapier an die Landesregierung gewandt, damit Kinder und Kindertagesstätten bei der Rückkehr zur Normalität unterstützt werden.

Ab dem 5. Juli dürfen Kindertagesstätten zurück in den Regelbetrieb. So hat es die hessische Landesregierung beschlossen. Aus Ihrer Sicht: Höchste Zeit?

DANIELA WEHRSTEIN: Für die Kinder ist es höchste Zeit, ja. Zumindest für die allermeisten. Denn Kinder brauchen Kontakte, Räume zum Treffen, Spielen und Bewegen und Teilhabe. Es gibt aber auch Kinder, denen die Quasi-Auszeit von der Krippe oder dem Kindergarten gutgetan hat.

ERIC GUMLICH: Auch für die Eltern ist es allerhöchste Zeit, dass die Kitas wieder in den Regelbetrieb zurückkehren.

Kinder litten unter Corona besonders – „Das macht was mit ihnen“

Seit Beginn der Corona-Pandemie waren vor allem Kinder und Jugendliche von den Einschränkungen betroffen. Schulen und Kitas wurden geschlossen - und das für lange Zeit. Ihre Einschätzung: Wie geht es den Kindern, vor allem den kleinen Kindern zwischen 0 und 6 Jahren?

GUMLICH: Sie haben sehr gelitten. Kinder brauchen Kinder, um in Kontakt zu treten, sich auszutauschen, zu spielen. Sie brauchen aber auch andere Bezugspersonen als nur ihre Eltern. Sie brauchen Bewegung. Aber all das ist zu kurz gekommen.

Warum ist der Kontakt zu Gleichaltrigen für Kinder denn so wichtig?

WEHRSTEIN: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Kinder sich sehr stark nach anderen Kindern ausrichten, sie lernen voneinander. Sie ahmen andere Kinder nach. Kinder lernen viel schneller, wenn ein großes Kind einem kleinen Kind etwas zeigt oder erklärt. Ich glaube, das sind Prozesse, die elementar sind, damit Kinder auch lernen, sich von ihren Eltern zu lösen, sozial zu interagieren und neue Bindungen einzugehen.

Wie hat sich die Pandemie konkret auf die Kinder ausgewirkt?

GUMLICH: Wir erleben bei vielen Kindern in unseren Einrichtungen soziale Ängste und Distanziertheit, Verzögerungen in der Sprachentwicklung, bei der Selbstständigkeit und der sozial-emotionalen Entwicklung. Die Kinder zeigen weniger Offenheit, Spontanität und Unbeschwertheit.

WEHRSTEIN: Die Kleinsten können sich zwar noch nicht verbal äußern, man kann es nur erahnen, aber weil sie eingebunden sind in unsere Gesellschaft, bekommen auch sie den Stress der Erwachsenen ab, den Druck, die Atmosphäre. Sie haben aber weniger Möglichkeiten, diesen abzubauen. Es gab Kinder, die waren wochenlang nur zu Hause. Sie hatten keine Möglichkeit der Teilhabe. Und sie haben die Kita - ihren Kitaalltag - nicht mehr als verbindlich erlebt. Das macht was mit ihnen.

Und was?

WEHRSTEIN: Es gibt keine Studien, man darf Einzelfälle nicht absolut setzen. Aber ich habe von Erziehern und Eltern die Rückmeldung bekommen, dass Kinder wieder einnässen. Sie haben Ängste entwickelt, Ticks. Einige haben heftige Hautreaktionen vom ständigen Händewaschen bekommen. Es gibt aber auch Beschwerden wie Bauchschmerzen, Schlafstörungen, starke emotionale Schwankungen. Und eine große Anhänglichkeit. Manche Kinder haben große Probleme, sich von den Eltern zu trennen. Das erschwert dann auch die Eingewöhnung oder die Rückkehr in die Kita.

Vor allem Kinder aus prekären Verhältnissen betroffen

Welche Kinder haben denn am meisten unter der Pandemie gelitten?

GUMLICH: Insbesondere für Kinder aus prekären Lebensverhältnissen, die in beengten Wohnräumen groß werden, war die Pandemie besonders herausfordernd, auch weil die Existenzängste der Eltern noch größer waren als vor der Krise oder Kinder, deren Eltern psychisch oder physisch krank sind. Aber auch für Kinder in Sammelunterkünften war die Situation unter Quarantäne schlimm, wenn ganze Familien die Zimmer nicht verlassen durften. Nicht zu vergessen Kinder mit Behinderung, die als besonders gefährdete Risikogruppe teilweise gar nicht in die Kitas gehen konnten, auch aufgrund der berechtigten Sorgen der Eltern.

Was macht es denn mit Kindern, wenn man ihnen ständig eintrichtert: Du musst dich von anderen fernhalten. Andere können Dich krank machen. Du kannst andere anstecken. Die ganz Kleinen verstehen die Hintergründe der Pandemie ja gar nicht richtig.

WEHRSTEIN: Man merkt schon: Kinder rennen nicht mehr so unbefangen aufeinander zu wie früher. Sie gehen eher einen Schritt zurück. Das wundert nicht. Wir Erwachsene haben es ihnen so vorgelebt. Jetzt wird es eine große Aufgabe, dass sie das wieder verlernen. Es muss wieder Vertrauen in Kontakt und Unbeschwertheit hergestellt werden.

Nun haben Sie sich mit einem Forderungspapier an die Landesregierung gewandt, um auf die Situation der Kinder und der Kindertagesstätten aufmerksam zu machen. Warum haben Sie sich dazu entschlossen?

GUMLICH: Kinder müssen mehr in den Fokus rücken, das wurde viel zu lange vernachlässigt. Man muss sie als mehr als nur zu betreuende Menschen wahrnehmen. Sie haben Rechte und Ansprüche und müssen zu Wort kommen.

WEHRSTEIN: Jetzt wird das Geld verteilt. Kinder aber haben keine Lobby, sie sind keine aktuellen Wähler. Wir müssen den Kindern eine Stimme geben, die auch gehört wird.

Redakteurin Julia Lorenz (r.) im Gespräch mit Daniele Wehrstein und Eric Gumlich.

Landesregierung muss handeln – Mehr Fachkräfte in Kitas

Was fordern Sie von der Landesregierung? Was muss jetzt passieren?

GUMLICH: Jetzt braucht es zunächst den Blick auf jedes einzelne Kind, gerade auch den pädagogischen Blick. Defizite, verzögerte Entwicklungen müssen abgebaut werden. Sie brauchen individuelle Förderung und ein offenes Ohr für das, was sie bewegt. Doch das braucht Zeit und Ressourcen.

Wo sollen die angesichts des Fachkräftemangels herkommen?

GUMLICH: Es ist richtig. Der bereits vorhandene Fachkräftemangel hat sich noch verschärft. Doch das Land hatte es ermöglicht, dass Zusatzkräfte ohne Fachkraftanerkennung, also unqualifizierte Kräfte, in den Einrichtungen aushelfen konnten, wenn Mitarbeiter erkrankt waren oder ausfielen, weil sie zur Risikogruppe gehören. Jetzt wäre es gut, diese Zusatzkräfte auch weiterhin beschäftigen zu können, on-top. Für mindestens ein Jahr. Sie können den Erziehern auch Freiräume verschaffen, um die Beziehung zu den Eltern wieder aufzubauen. Die Erziehungspartnerschaft hat sehr gelitten.

Warum?

GUMLICH: Während der Pandemie fungierten Einrichtungsleitungen und Erzieher oft als Überbringer schlechter Nachrichten. Sie mussten die meist kurzfristig beschlossenen Maßnahmen des Landes verkünden, mussten den Eltern mitteilen, welches Kind in die Kita kommen darf, welches nicht. Das hat für viele Konflikte gesorgt und es braucht Zeit, eine vertrauensvolle Zusammenarbeit wieder aufzubauen.

WEHRSTEIN: Die Bildungs- und Erziehungspartnerschaft ist ein hohes Gut. Sie lebt von Beziehung. Jetzt mussten die Kinder aber an der Tür abgegeben werden. Tür-und-Angel-Gespräche, Elternabende und Feste fielen aus. Die Transparenz des Kita-Alltags ging verloren, der Austausch auch. Zum Wohl der Kinder ist es aber essenziell, dass man jetzt wieder miteinander in Kontakt kommt.

GUMLICH: Durch die Situation ergibt sich ein großer Fortbildungsbedarf bezüglich der Dinge, die Kinder jetzt entwickelt haben. Depressive Neigungen, Verschlossenheit, Ängste. Es ist nicht immer leicht, diese zu erkennen und einen hilfreichen Umgang damit zu finden. Auch der Aufbau der Beziehungen und der Kontakt zu den Eltern gehen nicht nebenbei. Die Pandemie hat Spuren hinterlassen. Mit diesen konstruktiv umgehen zu lernen, könnte ebenfalls Inhalt von Fortbildungen sein.

Gibt es weitere Forderungen?

GUMLICH: Es ist jetzt an der Zeit, dass das Land den Personalschlüssel in den Kitas überdenkt. Die Lockdowns und der eingeschränkte Regelbetrieb haben den Mitarbeitern in den Einrichtungen gezeigt, wie gut es ist, kleinere Gruppen zu haben. Da können die Kinder viel besser gefördert werden. Und das ist wichtig: Kitas bilden die Grundlage für die Schulen. Das ist nicht nur Betreuung, sondern Bildungsarbeit. Das wird oft vergessen.

WEHRSTEIN: Vielerorts sind die Schuleingangsuntersuchungen ausgefallen. Das darf nicht sein. Hier werden besondere Förderbedarfe festgestellt und Weichen gestellt, die den weiteren Verlauf individueller Schulbiografien sehr beeinflussen können.

GUMLICH: Außerdem wünschen wir uns, dass die Landesregierung jetzt gut analysiert, welche Maßnahmen während der Corona-Krise bisher sinnvoll waren, welche nicht. Man muss sich auf den Herbst und eine eventuell drohende vierte Welle vorbereiten. Hier sollten Kitas, Schulen, aber auch andere Bereiche der Kinder und Jugendhilfe im Krisenstab eine größere Rolle spielen

WEHRSTEIN: Und damit nicht nur reagiert, sondern auch agiert wird, wäre es hilfreich, wenn vorab Szenarien für verschiedene Situationen entworfen und kommuniziert werden.

Sie sagen es. Die Delta-Virusvariante ist auf dem Vormarsch. Die kleinen Kinder können aber noch nicht geimpft werden. Müssen wir uns auf erneute Schließungen im Herbst einstellen? Wäre das verantwortbar?

GUMLICH: Generell sollten natürlich alle Einrichtungen offen bleiben. Dies gilt unserer Meinung nach auch für die Einrichtungen der offenen Kinder- und Jugendarbeit. Das wäre für die Kinder, Jugendlichen und Eltern am besten. Aber Corona ist nun mal da. Und niemand weiß, wie sich diese Mutation entwickelt.

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