Frankfurt

Klärung des Frankfurter Awo-Skandals eine gutes Stück näher gekommen

  • vonSylvia Amanda Menzdorf
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Bundesverband legt Zwischenbericht vor, doch viele Fragenzeichen bleiben.

Frankfurt -Es ist ein Dokument schonungsloser Deutlichkeit. Der Bundesverband der Arbeiterwohlfahrt (Awo) hat jetzt den Zwischenbericht seiner Sonderprüfung beim Kreisverband Frankfurt vorgelegt. Das "blanke Entsetzen", das Wolfgang Stadler, Vorstandsvorsitzender der Bundes-Awo sowie deren ehrenamtlicher Präsident, Wilhelm Schmidt, anlässlich einer Sonderprüfung Mitte Dezember vergangenen Jahres eigenem Bekunden zufolge ergriffen hatte, spiegelt offenbar das nun vorliegende Dokument wider.

Petra Rossbrey, die seit Mitte Februar die Geschicke der Awo Frankfurt ehrenamtlich als Präsidiumsvorsitzende leitet, sieht den Bericht ziemlich nüchtern und eher pragmatisch als "Basis für unsere Aufklärungsarbeit, damit wir nicht bei Null anfangen müssen", wie sie gestern auf Anfrage sagte. Einen Abschlussbericht werde demnach nicht die Bundes-Awo vorlegen, sondern die Awo Frankfurt. Zu gegebener Zeit, wie Rossbrey sagt, um sich nicht auf einen Zeitpunkt festzulegen.

Überzogene Gehälter

Vor gut einem Jahr hatte diese Zeitung zahlreiche Missstände bei dem Sozialverband aufgedeckt, angefangen von unklaren Geldströmen in zwei von der Awo im Auftrag der Stadt betriebenen Flüchtlingsheimen, über maßlos überzogene Gehälter für die Führungseliten rund um Geschäftsführer Jürgen Richter und schamlose Selbstbereicherung bis hin zu bedenklichen personellen Verflechtungen zwischen den Kreisverbänden Frankfurt und Wiesbaden mit mannigfachen familiären Querverbindungen. Diese Zeitung berichtete auch über luxuriöse Dienstwagen, nicht nur für Führungseliten und obskure Firmen, die Hannelore Richter gründete, um diese in Geschäfte mit der Awo einzubinden. Vor einem Jahr noch stritt Jürgen Richter sämtliche Vorwürfe in Bausch und Bogen ab, unterstützt auch von Frankfurter Kommunalpolitikern, die die Enthüllungen als eine von politischen Gegnern orchestrierte Kampagne bezeichneten.

Als Richter sich Mitte Dezember unter dem Druck immer neuer Enthüllungen aus der Verantwortung für die Awo Frankfurt zurückzog, war der Bundesverband längst aufmerksam auf die Vorgänge in Hessen geworden und schickte ihre Spitzenvertreter zur Inspektion nach Frankfurt. "Es handelt sich um einen der schlimmsten Vorfälle bei der Awo", gab Wolfgang Stadler seinerzeit zu Protokoll. Die Affäre sei "in dieser Fülle und Konzentration einmalig". Die Kontrolle habe versagt, alles sei völlig aus dem Ruder gelaufen. Ende vergangenen Jahres leitete die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren gegen bislang sechs Beschäftigte der Awo wegen des Verdachts der Untreue und des Betrugs ein. Bereits im Juli 2019 war ihr anonym eine umfangreiche Strafanzeige zugegangen.

Beim Awo-Bundesverband gibt man sich zugeknöpft, was den Zwischenbericht angeht. Er sei dem Kreisverband Frankfurt "zur Unterstützung" überreicht worden und könne wegen enthaltener personenbezogener Angaben schon aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht weitergeben werden. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), der das 22-seitige Papier offenbar vorliegt, berichtet von einem "in nüchternem Tonfall verfassten Dokument" und von der spürbaren "Fassungslosigkeit der Autoren" angesichts der von ihnen analysierten Zustände, etwa bei den Abrechnungen, die ein von Jürgen Richter im Dezember 2017 in die Geschäftsführung berufener Rechtsanwalt vorgelegt haben soll.

Seine Tätigkeit für die Awo soll der Jurist bis August 2019 auf Honorarbasis abgerechnet und Entgelt in Höhe von insgesamt fast 1,2 Millionen Euro kassiert haben. Die Autoren des Zwischenberichtes hätten hinter diese Zahl ein Ausrufezeichen gesetzt.

Der Rechtsanwalt führte nach Richters Abgang gemeinsam mit einer Kollegin als stellvertretende Vorstände die Geschäfte bei der Awo Frankfurt. Im Februar berief ihn das neu gewählte Präsidium unter Leitung von Petra Rossbrey aus dem Vorstand ab und erteilte ihm, ebenso wie dem Ehepaar Richter, Hausverbot. Auch seine Vorstandskollegin verlor ihren Vorstandsposten. Ihre Bezüge, so zitiert die FAZ aus dem Zwischenbericht, stünden ebenfalls unter der Überschrift "Unangemessene Bezüge". Sie ist nach wie vor für die Awo Frankfurt tätig. Jürgen Richter erhielt die fristlose Kündigung und erhält laut Petra Rossbrey keinerlei Bezüge mehr von der Awo Frankfurt.

Als pikantes Detail serviert die FAZ, dass der Zwischenbericht "wichtige Verträge, unter anderem Jürgen Richter betreffend" erwähne, die lediglich von einem Vorstandsmitglied unterschrieben seien - "einer Frau, die 83 Jahre alt ist und in einem Altenhilfezentrum lebt". Es bleibe unklar, "welche Zahlungsflüsse" zwischen dem Kreisverband Frankfurt, dem Kreisverband Wiesbaden und der Johanna-Kirchner-Stiftung stattgefunden haben und ob dieses Dreieck genutzt wurde, um möglicherweise Zahlungsflüsse zu verschleiern.

Nicht allein der Fluss des Geldes interessiere sie, sagt Petra Rossbrey, sondern vor allem die Quelle der Unsummen, die der ausufernde Führungs- und Lebensstil der Richters und ihrer Getreuen kostete. Diese Frage hatte sie bereits bei Antritt ihres Ehrenamtes umgetrieben. Heute, sagt sie, sei sie der Klärung ein erhebliches Stück näher.

Sylvia A. Menzdorf

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