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Lyriker Klaus Reichert sitzt mit dem roten Faden an seinem Tisch im Wohnzimmer, aufgenommen am Donnerstag (10.11.2016) in Frankfurt am Main. Foto: Salome Roessler

Der Rote Faden - Folge 198

Klaus Reichert - Der irre Typ

Ein irrer Typ. Sein Arbeitspensum kann eigentlich nicht gesund sein. Er produziert ein Buch nach dem anderen, vor wenigen Tagen erst ist sein „Wolkendienst.

Ein irrer Typ. Sein Arbeitspensum kann eigentlich nicht gesund sein. Er produziert ein Buch nach dem anderen, vor wenigen Tagen erst ist sein „Wolkendienst. Figuren des Flüchtigen“ (im Frankfurter S. Fischer Verlag) herausgekommen, zwei, drei weitere Bücher (mindestens) sind in Arbeit, von Vorträgen und Aufsätzen ganz zu schweigen. Klaus Reichert ist für so viele Bücher in der einen oder anderen Weise verantwortlich, als Autor, als Übersetzer, als Herausgeber, als Beiträger, dass allein damit eine kleine Bibliothek zu füllen ist. Ein Arbeitstier und zugleich ein geselliger Mensch, der nicht nur arbeiten, sondern auch feiern und genießen kann. Wissenschaftler, Schriftsteller, Dichter, Übersetzer, und immer noch ein bisschen Bohemien, alles in einer Person. Ein Leben in der Literatur. „Ich habe seit Jahren Wolkentagebücher geführt. Ich wollte etwas festhalten, was sich nicht festhalten lässt.“

Reichert raucht wie ein Schlot. Er empfängt und beherbergt dauernd Gäste, denen zuliebe er gern ein oder auch zwei Fläschchen Wein aufmacht. Und, das ist am verblüffendsten, er hat, besonders für Freunde, immer Zeit. Die Zahl der Gremien, Jurys und Kommissionen, in denen er (mit)arbeitet, lässt sich kaum überblicken. Zu Veranstaltungen, vor allem zu literarischen Lesungen, bei denen man ihn häufig sehen kann, fährt er, egal, bei welchem Wetter, prinzipiell mit dem Fahrrad, auch wenn er sonst von Sport nichts, aber auch gar nichts hält.

Er besitzt sogar einen funktionierenden Fernsehapparat, der ersichtlich schon ein paar Tage alt, das heißt genau so tief wie hoch ist und zudem auf dem (ausgebauten) Dachboden steht und dort auf dem Fußboden, so dass man überhaupt nur etwas sehen kann, wenn man sich auf die Treppe setzt. Solche, vornehm gesagt, „Rezeptionsbedingungen“ legen den Schluss nahe, dass die Familie damit nicht viel Zeit verplempert. Reichert, trocken: „Der Fernseher wird selten benutzt.“ Wenn man durchs Haus geht, sieht man warum. Außer im Wohnzimmer, wo nur wenige, vereinzelte Exemplare herumliegen, alles voller Bücher. An den Wänden Regale, vollgestopft, jede Lücke gefüllt. Vor den Regalen Stapel, oft fast meterhoch. Schreibtische, kleine Tischchen, alles voll mit Büchern, Zeitungen, Manuskripten. Auch der Schreibtisch seiner Frau lässt erkennen, dass sie, als Köchin gerühmt, keineswegs den ganzen Tag in der Küche verbringt. Nur auf den Treppenstufen wäre noch Platz, obwohl die Treppe, zugegeben, ziemlich schmal ist. Man sieht, hier wird gearbeitet, und zwar immer zugleich an mehreren Projekten. Der Mann will ja nicht nur, er muss ja auch arbeiten. Denn die Literatur ist sein Leben. Der Mann ist schließlich erst 78 Jahre alt. Wie gesagt: ein irrer Typ.

Als normaler Mensch fragt man sich, wie er das alles unter einen Hut kriegt. Die Zahl der Gäste, die er beherbergt hat, ist Legion. Rang, mehr noch Bedeutung ist atemberaubend. Das fängt mit den Nobelpreisträgern an. Von den Büchner-Preisträgern der letzten Jahrzehnte dürften nur wenige nicht bei ihm zu Gast gewesen sein. Oskar Pastior ist sogar, auf einer Zwischenstation zur Verleihung des Preises in Darmstadt, auf einem Sofa im Wohnzimmer für immer eingeschlafen, vermutlich vor Aufregung. Die meisten seiner Gäste haben den Aufenthalt allerdings hellwach überstanden, ganz gleich woher sie kamen, aus aller Welt, aus aller Herren Länder. Amerika, Spanien, Italien, Frankreich, Israel, Russland, Irland oder Island.

Sein Haus ist eine

Anlaufstelle

. Übrigens werden die Gäste immer phantasiereich und gleichwohl schmackhaft bewirtet von seiner Frau Monika, mit der er allerdings auch erst, fast auf den Tag genau, fünfzig Jahre verheiratet ist. (Monika Reichert hat übrigens ein sehr praktikables Kochbuch geschrieben, in dem sich viele Rezepte auch für größere Gesellschaften finden. „Auch Joyce saß mit am Tisch oder das Lämpchen im Kühlschrank“, Verlag Waldemar Kramer). Die beiden, Monika und Klaus, haben sich sozusagen bei der Arbeit kennengelernt, im damals noch Frankfurter Suhrkamp Verlag. Sie sind durch dick und dünn gegangen, haben erfolgreich zwei Kinder aufgezogen und bewähren sich jetzt, wenn Kind in Not ist, als Oma und Opa.

Das Haus Reichert stand seit jeher – und steht noch immer – allen offen, zumindest denen, die schon einmal ein Buch in der Hand gehabt oder, besser noch, eins geschrieben haben. Klaus Reichert kennt Gott und die Welt. Die Literaten aus aller Welt dabei noch besser als Gott, auch wenn er Gescheites über die Bibel, vor allem das Alte Testament zu sagen weiß, und natürlich auch geschrieben hat. Im Gespräch mit mir weigerte er sich höflich, die Sprachen, die er spricht, bzw. die, die er lesen und schreiben kann, einmal aufzuzählen. Englisch, da war er schließlich Ordinarius, das heißt ordentlicher Professor an der Frankfurter Universität, Französisch, Italienisch, Latein und Griechisch ohnehin, aber auch Hebräisch und auch Jiddisch, sogar Flämisch (Gott weiß, warum) und „ein bisschen“, wie er sagt, Russisch. Das ist sicher nicht alles. Auch Chinesisch, vermute ich, ist ihm nicht ganz fremd. Nach Aramäisch zum Beispiel habe ich nicht gefragt, bin aber sicher, dass er es auch kann. Er macht also nicht viel her mit seinen Sprachkenntnissen.

Obwohl ihm, das weiß ich, (falsche) Bescheidenheit ebenso fremd ist, wie die Neigung zu protzen. Sprachkenntnisse sind ihm halt kein Selbstzweck, sondern Werkzeug, das heißt vor allem Zugangsmöglichkeit zu anderen Kulturen und deren Literatur. An der Liste seiner Publikationen, also seiner Bücher, Aufsätze und Übersetzungen zeigt sich diese fast unglaubliche Breite. Doch anders als der antike Philosoph Thales, der von einer Magd verspottet wurde, weil er, den Kopf nach oben gerichtet, nicht auf den Boden achtete und darum ins Wasser fiel, bewegt sich Reichert, selbst auf dem Fahrrad, sicher, auch durch unwegsames Gelände. Lebensfremd, was man bei seinem Typus erwarten könnte, ist er wahrlich nicht. Denn: Er weiß, was er kann. Er weiß auch, was er will. Er weiß, wer er ist.

Das heißt: eine Gestalt, wie man sie heute nicht mehr häufig antreffen kann.

Geboren wurde er 1938 in Fulda. Aufgewachsen ist er in Gießen. Sein Vater war Studienrat. In der Familie wurde musiziert. Reichert spielte Geige. An diese Hausmusik hat er beste Erinnerungen, obwohl er seit Jahren schon seine Geige im Kasten lässt (aus Zeitgründen, er käme nicht, sagt er, wie es notwendig wäre, zum täglichen Üben). Er hat aber in seiner Jugend sowohl gerne gespielt, wie auch, als erwünschte Nebenfolge, durch die Musik seinen strengen Vater, zumindest zeitweise, milder stimmen können.

Reichert hat den Krieg als Kind noch sehr bewusst erleben müssen. Gießen, Garnisonsstadt, war häufig das Ziel von Fliegerangriffen. Zu seinen schlimmsten Kindheitserinnerungen zählt ein Gang mit einer Tante durch die brennende Stadt, Anfang 1945, unmittelbar nach einem alliierten Großangriff, der große Teile der Innenstadt in Schutt und Asche gelegt hatte.

Die Tante trug ein in ein nasses Tuch gewickeltes Baby auf den Armen. Sie versuchte das Kind vor den giftigen Dämpfen zu schützen, an denen es zu ersticken drohte. „Nach der Ausbombung waren meine Mutter und ich bei Bauern evakuiert und liefen jeden Morgen sieben Kilometer zum Trümmerkeller der Großeltern und am Nachmittag wieder zurück. (...) Die Tiefflieger kündigten sich nicht brummend an, sie sirrten sekundenschnell silbern heran (...) und schossen ihre Garben in den aufspritzenden Schnee.“

Von Gießen war damals, was sich heute noch überdeutlich erkennen lässt, nicht viel übriggeblieben. Kein Wunder, dass es den jungen Reichert, gleich nach dem Abitur (natürlich auf einem altsprachlichen Gymnasium) bald in die Ferne zog. Er hat Philosophie und Anglistik studiert, dazu noch, wie schon angedeutet, „einige andere Sprachen“, in London und Berlin, aber auch, unter anderem, in Marburg. Er ist also schon als Student herumgekommen. Daneben hat er immer auch gearbeitet, in London sogar als eine Art von Handelsvertreter, in Deutschland dann seit 1961 in einem Außenlektorat für den Insel Verlag. Und gelebt hat er immer mit, aber eben auch IN der Literatur. Sollte er seine Autobiographie schreiben, der Titel könnte nur lauten: „Meine Freunde, die Dichter“. In London zum Beispiel hatte er schon Erich Fried und Elias Canetti kennengelernt. Später, als Lektor, dann sozusagen den Rest der jüngeren Literaturgeschichte. Er kennt sie fast alle, mit vielen ist er befreundet. Richtig befreundet. Für Dichter steht sein Haus immer offen, bis heute.

Dichter sind ja bekanntlich eigenartige Gestalten. Mit ’trockener’ Wissenschaft kann man die meisten von ihnen jagen. Dichter denken in der Regel ’poetisch’, nicht analytisch. Sie denken in Bildern, nicht in Begriffen. Sie folgen also einer anderen ’Logik’. Reichert hat solche Frontstellungen aber nie akzeptiert. Er hat sich sein Leben lang zwischen diesen Fronten bewegt. Von 1964 bis 1968 war er Lektor im Insel- und Suhrkamp Verlag. Er gehörte zu den Rebellen, die den sogenannten ’Aufstand der Lektoren“ angezettelt hatten. Sie alle verließen damals Suhrkamp und gründeten den „Verlag der Autoren“, den mittlerweile bedeutendsten deutschen Theaterverlag.

„Keiner von uns ist gegangen, weil er eine Alternative im Sinn oder in Sicht gehabt hätte. Wir wussten, was wir verließen und es schmerzte“. Reichert nutzte dann aber die Gelegenheit, um noch einmal neu anzufangen. Er promovierte 1970 und machte sich auf den Weg in die Wissenschaft. Seine Doktorarbeit, Titel: „Studien über den“ – bitte beachten! – „literarischen Unsinn“. Eine mehr als nur seriöse Arbeit, mit der er sich aber vermutlich nicht nur Freunde gemacht hat. Schon der Titel schreckt alle Erbsenzähler ab. Denn für Spaß sind die kleinen Beamten der großen Wissenschaften nur selten zu begeistern. Überfliegern wünscht man eher eine Bruchlandung als dass man ihnen die Höhenluft gönnt.

1975 wurde er ordentlicher Professor für Anglistik/ Amerikanistik an der Frankfurter Universität. 1993 dann Direktor des neu gegründeten „Zentrums für interdisziplinäre Erforschung der Frühen Neuzeit“, von den Studenten schlicht „Renaissance-Institut“ genannt. Denn da kennt sich der Mann aus. Wirklich ein echter Gelehrter. Shakespeare oder Dante, er ist überall ’Zuhause’. Daneben hat er immer auch übersetzt, James Joyce, amerikanische Lyrik. Er hat auch, kein Kinderspiel, Shakespeares Sonette übersetzt, nach dem Vorbild des Franzosen Pierre-Jean Jouve. „Er hatte in Prosa übersetzt, in eine rhythmische Prosa, und sie klang frisch (. . .). Es ging also (. . .) warum sollte man es nicht im Deutschen versuchen“? Er versuchte es, erfolgreich. Er hat Joyce übersetzt, die Werkausgaben von Joyce und Virginia Woolf herausgegeben, selbst Gedichte geschrieben, andere Dichter bekanntgemacht. Er war mit John Cage, dem Komponisten und Musiker befreundet, mit Robert Creeley, Paul Celan, mit Wolfgang Hildesheimer und H.C. Artmann. Er kannte nicht nur Adorno gut, Peter Szondi, der Berliner Literaturwissenschaftler, wollte ihn zum Assistenten machen, aber Reichert hatte damals noch gar kein Examen. Eben, wie schon gesagt, ein irrer Typ.

Noch heute treffen sich bei ihm, einmal im Monat, Schriftsteller, Kritiker, Wissenschaftler, Künstler, Musiker, Verleger. Es gibt Rot- und Weißwein, auf ausdrücklichen Wunsch auch etwas Wasser. Ein kleines kulturelles Zentrum ist hier entstanden. Das Essen hat (auch mit seiner Hilfe) Monika Reichert gekocht, für schlimmstenfalls siebzig Gäste. Und es gibt Gespräche, über Kunst und Literatur. Früher hat man so etwas Salon genannt. Reichert nennt es seinen „Jour fixe“. Es gelten übrigens strenge Zulassungsregeln. Die Gäste sollen ,passen’.

Von 2002 bis 2011 war er Präsident der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Viel Ehre, sicher. Aber noch sicherer auch viel Arbeit. Die Darmstädter Akademie vergibt unter anderem jährlich den Büchner-Preis, die höchste Auszeichnung für deutsche/deutschsprachige Dichtung. Der Präsident präsidiert natürlich auch dieser Jury. Bei solchen Tätigkeiten, im Rundfunkrat der Deutschen Welle sitzt er übrigens ebenfalls, kann sich Reichert auf sein verblüffendes Gedächtnis verlassen. Als ich ihn jetzt besuchte, erinnerte ich mich daran, dass ich, kleines Licht im Literaturbetrieb, den damals schon berühmten Reichert einmal im New Yorker Museum of Modern Art (MOMA) getroffen hatte. Ich fragte vorsichtig. Er, wie aus der Pistole geschossen: „Ja, wir trafen uns vor den Bildern des Zöllners Rousseau“. Das stimmte. Es war 1985, vor einunddreißig Jahren. Beneidenswert: so ein Gedächtnis.

Ich wiederhole mich gerne: ein irrer Typ.

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