Ein Fleckchen Grün mit Pflanzen, Büschen und Bäumen und einer kleinen Hütte ist für Klein und Groß ein Paradies - in Corona-Zeiten sowieso. Hier zeigt Concepción Perigones ihrem Enkel Pablo, was im schönen Hinterhof-Garten so alles gejätet und gegossen werden muss.
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Ein Fleckchen Grün mit Pflanzen, Büschen und Bäumen und einer kleinen Hütte ist für Klein und Groß ein Paradies - in Corona-Zeiten sowieso. Hier zeigt Concepción Perigones ihrem Enkel Pablo, was im schönen Hinterhof-Garten so alles gejätet und gegossen werden muss.

Wegen Corona

Kleingärten: Es ist keine Krume mehr frei

  • vonSarah Bernhard
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Die Nachfrage nach einem Stück Land zur Erholung ist in Zeiten der Pandemie erheblich gestiegen

Frankfurt.Sein ganzes Leben lang hatte Dittmar Pfeil einen Garten. Bis der gebürtige Rödelheimer vor einiger Zeit nach Preungesheim umziehen musste. "Jetzt habe ich nicht mal mehr einen Balkon. Und auch keinen Garten in Aussicht", sagt er. Seit vergangenem Jahr sucht der 57-Jährige ein eigenes Stück Natur. Von zehn Kleingartenvereinen (KGV) hat er bereits eine Absage bekommen. Die Stadt, die die sogenannten Freizeitgärten vermietet, nahm ihn gar nicht erst auf die Warteliste. "Ich würde sogar nach Sossenheim fahren, obwohl das recht weit weg ist", sagt Pfeil. Keine Chance.

Das bestätigt Hannelore Dörr, Vorsitzende der Frankfurter Stadtgruppe der Kleingärtner. Seit der Corona-Pandemie schon gar nicht. "Wir haben keine Krume mehr frei", sagt sie. Etwa 16 000 Kleingärten gibt es in Frankfurt, mit rund 534 Hektar machen sie 2,2 Prozent des Stadtgebiets aus. Dazu kommen 525 Hektar Freizeitgärten der Stadt, plus eine unbekannte Zahl an privat genutzten oder vermieteten Gärten. So viel Natur und doch kein Platz?

"Das grüne Bewusstsein ist gestiegen und damit eben auch der Bedarf", sagt Heinz-Peter Westphal, der beim Frankfurter Grünflächenamt für die Kleingärten zuständig ist. Insbesondere junge Familien sehnten sich nach einem Fleckchen Grün. Doch oft wüssten sie nicht, worauf sie sich einlassen: Das Bundeskleingartengesetz schreibt vor, dass ein Drittel des Kleingartens mit Obst oder Gemüse bebaut werden muss, auf einem weiteren Drittel muss Rasen wachsen, das letzte Drittel bleibt für Hütte oder Geräteschuppen. "Familien, die einziehen, und dann eine Hüpfburg und einen Swimmingpool aufbauen, haben sich nicht genügend mit dem Kleingartenkonzept auseinandergesetzt."

Susanna M. weiß genau, wovon Westphal spricht. "Am Außenzaun hingen und hängen nach wie vor Gesuche nach einer Parzelle. Und tatsächlich hat es in den vergangenen Monaten eine deutliche Verjüngung in unserer Anlage gegeben." M. ist seit mehr als 45 Jahren Mitglied einer Kleingarten-Genossenschaft in Rödelheim. Er ärgert sich darüber, dass ein Teil der neuen Mitglieder nicht verstehe, dass ein Garten auch mit Arbeit verbunden sei. Manche der umgestalteten Gärten erkenne man nicht wieder. "Der eine hat zum Beispiel nur Rollrasen verlegen und Palmen pflanzen lassen, ein anderer mehrere Kubikmeter Sand liefern lassen - nicht etwa als Kinderspielplatz, sondern fürs Strandgefühl. Das geht gar nicht."

Hannelore Dörr, die auch Vorsitzende des KGV Goldstein ist, erkennt solche Interessenten mittlerweile schon am Telefon. "Ich frage dann, wie viel Zeit sie einbringen wollen, und wenn sie antworten: ein paar Stunden am Wochenende, ist schon alles klar." Dabei habe sie per se nichts gegen junge Familien, "gerade für Kinder ist es doch wunderschön, ein eigenes Kartoffelbeet zu haben". Nur müssten sich die Eltern eben des großen Zeitaufwandes bewusst sein, der auf sie zukommt. "Und sie müssen sich mit ihrem Garten identifizieren, statt nur die Kinder unterbringen zu wollen."

Denn wenn jemand seinen Kleingarten wieder abgibt, kommt viel Arbeit auf die ehrenamtlich tätigen KGV-Vorstände zu: Sie müssen den Wert ermitteln, einen geeigneten Bewerber finden, den Garten ummelden, im Zweifel die Gartenpflege organisieren, bis ein neuer Mieter gefunden ist. "Ich habe Angst, dass das bei den ganzen ,Corona-Gärten' der Fall sein wird", sagt Dörr. Dabei halte sie bereits der gestiegene Interessentenandrang unangenehm auf Trab: "Einmal hat jemand um zehn Uhr nachts angerufen. Das brauche ich nicht!"

Wer Strand, Palmen oder eine Hüpfburg will, sollte sich also eher auf einen Freizeitgarten denn auf einen Kleingarten bewerben. Zwar gibt es dort in der Regel keinen Strom und kein Wasser, dafür ist kaum reguliert, was man darf und was nicht. Doch auch in diesem Segment ist derzeit nichts mehr frei. "2019 hatten wir etwa 300 Anfragen, in diesem Jahr bis jetzt schon 451", sagt Günter Murr vom Bau- und Immobiliendezernat. Schon vor der Corona-Krise betrug die Wartezeit zwei bis drei Jahre.

Einen richtigen Überblick, was die Menschen brauchen und ob mit dem Generationenwechsel möglicherweise mehr Strände und weniger Obstbau sinnvoll wären, hat derzeit niemand. Der Magistrat hat das Grünflächenamt aber beauftragt, ein sogenanntes Kleingartenentwicklungskonzept zu erstellen, das Freizeitgärten immerhin mitbetrachten soll. Im ersten Schritt wird erfasst, was es bereits gibt. "Wir wollen den Bedarf decken, aber das können wir nur, wenn wir den Bedarf auch kennen", sagt Westphal vom Grünflächenamt. Allerdings müssten auch die Belange der übrigen Stadtbewohner Raum finden. "Wir sind eine Großstadt. Bedarf und Nachfrage müssen sich die Waage halten." Im Frühjahr 2021 soll das Konzept fertig sein und vorgestellt werden.

Bis dahin hätte Dittmar Pfeil seine Suche nach einem Garten gerne bereits positiv beendet: Eine chronische Krankheit mache ihn nämlich sehr lärmempfindlich, er brauche dringend einen Platz, wo er seine Ruhe habe. Und erinnert sich: "Ach, ein Angebot hatte ich ja doch schon bekommen. 300 Quadratmeter, keine Nachbarn - an sich wunderbar." Bis vor seiner Nase eine S-Bahn vorbeirauschte. Dittmar Pfeil ging unverrichteter Dinge nach Hause. Und sucht weiter. Sarah Bernhard

Wer helfen möchte:

Wer Dittmar Pfeil einen Garten anbieten kann, erreicht ihn telefonisch unter (01 62) 8 49 07 50.

Ab ins "Garten-Lokal"

Am Freitag, 21. August, lädt das Grünflächenamt zum "Garten-Lokal" als Teil des Kleingartenentwicklungskonzepts ins Kasino der Jahrhunderthalle ein. Von 13 bis 17 Uhr stehen Vertreter der Stadtverwaltung, Gartenfans aus den Quartieren, den Dachverbänden, den Kleingartenvereinen und den Urban-Gardening-Projekten für Fragen zur Verfügung. Anmeldung unter https://frankfurt.de/themen/umwelt-und-gruen/aktivitaeten/gaertnern/kleingartenentwicklungskonzept. sab

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