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Blick von der Galerie auf einen Gemüsestand. Es gibt Frankfurter, die kaufen in der Kleinmarkthalle fünf verschiedene Gemüsesorten an fünf verschiedenen Ständen. Und mancher Standbetreiber ärgert sich, wenn die Kunden von nur fotografierenden Touristen gestört werden.

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Wie die Kleinmarkthalle in Frankfurt hip wurde

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Die Kleinmarkthalle ist trotz oder gerade wegen ihres maroden 1950er-Jahre-Charmes „hip“: Obwohl dort vor allem frische Lebensmittel und Delikatessen verkauft werden, gilt sie auch als Fresstempel. Das gefällt Einheimischen und Touristen.

Samstags ist „Schlemmerzeit“ – nicht nur in, sondern auch vor der Kleinmarkthalle. Auf dem Vorplatz in Richtung Liebfrauenberg zelebrieren Menschen jeden Alters auf dem 2006 installierten „Schlemmermarkt“ Genuss- und Lebensfreude, als stünden sie auf einem sonnigen Marktplatz im Süden: Sie balancieren Schälchen mit Antipasti, Tapas oder Teller voller Pasta, Wurst oder Fleisch in der einen und das Wein- oder Sektglas in der anderen Hand.

Nachschub kauft der Kunde dort, aber auch an den über 60 Ständen in der Halle: die berühmte Fleischwurst „der Schreiber-Ilse“, die famosen Frikadellen mit Kartoffelsalat nach Omas Art bei „Jach’s Ess-Klasse“, frische Gillardeau-Austern auf Eis von Franco Gulino und Sohn Daniele. Und eine Brat- oder Rindswurst passt sowieso immer.

Simone Jach macht in zweiter Generation ?Hausfrauenkost?.

Ins Stimmengewirr, Gläsergeklingel und Gelächter senkt sich das Gezwitscher der Prosecco- und Wein-Lerchen von der stets gut besuchten Weinterrasse des Weingutes Rollanderhof. Die Goldgrube, seit 2004 betrieben, entwickelte sich vom Flaschenabverkauf zum Ausschank mit Verkauf. „Vorher war auf der Terrasse gar nix, da standen ab und zu Händler und rauchten“, erinnert sich die Mitinhaberin der Weinterrasse, Anja Weyershäuser.

Charme der 1950er Jahre

Kurz nach dem Trubel der Mittagszeit lässt es sich besonders entspannt in der Frankfurter Kleinmarkthalle einkaufen.

Die Kleinmarkthalle mit dem maroden Charme der 1950er Jahre „ist etwa seit sechs Jahren wieder ein angesagter Treffpunkt für Jung und Alt – das ist doch toll!“, sagt Simone Jach und schiebt ihre helle Wollmütze zurecht. Sie betreibt den winzigen „Hausfrauenstand“ mit Hausmannskost, den ihre Mutter Margarete vor fast 40 Jahren installierte. Sie kennt das „Gemecker einiger weniger Händler über angeblich zu viele Touristen.“ Und schimpft: „Wer kritisiert, dass hier zu viele Besucher durchmarschieren, der versteht sein Handwerk nicht.“ Sie sagt: „Jeder ist herzlich willkommen, ich sag’ bloß ,very welcome’. Wer hierher kommt, der lässt Geld da, der isst was, trinkt was, kauft was.“ Sie liebt es, „mit Besuchern aus Chile, Brasilien oder den USA zu quatschen“, erzählt, dass die Chinesen kaum Alkohol vertragen und dann immer etwas essen müssen. Dass die Kleinmarkthalle renovierungsbedürftig sei, findet sie nicht: „Das Alte macht doch den Charme aus.“ Nur die Haustechnik müsse in Schuss sein. Auch Weyershäuser nennt deren schrittweise Sanierung den „richtigen Weg, um den Geschäftsbetrieb möglichst wenig zu stören.“

Derweil beißen vier taiwanesische Studenten aus Leeds in Fleischwurstbrötchen: Sie sind für einen Kurztrip in Frankfurt. Sie mögen das englische Essen nicht, das deutsche sei viel besser. Sie fragen nach dem deutschen Wort für „delicious“ (köstlich) und kaufen Frikadellen.

Treffpunkt

„Die Kleinmarkthalle gehört zu den am besten funktionierenden Markthallen in Deutschland“, sagt Michael Lorenz, Abteilungsleiter Markt bei der städtischen Betreiber-Gesellschaft Managementgesellschaft Hafen und Markt (HFM). Der 2006 installierte „Schlemmermarkt“ auf dem 2014 sanierten Vorplatz sei anfangs nur „mäßig gelaufen“, inzwischen komme er gut an, auch ohne Musik oder Sitzgelegenheiten. Die Menschen wollten kommunizieren. Überall sei zu beobachten, dass Wochenmärkte zu Treffpunkten würden. „Auch die jungen Menschen mit dem ungezwungenen Ambiente zu erreichen, darüber sind wir froh.“ Zur Kritik, fotografierwütige Touristen würden Gänge verstopften und nichts kaufen, räumt Lorenz ein: „Manche Besuchergruppen sorgen schon für Probleme.“ Aber die seit 2000 denkmalgeschützte Halle sei nun einmal eine öffentliche, man könne nur mit Frankfurter Stadtführern „Agreements“ treffen. Das funktioniere gut.

Das bestätigt Viola Hacker, Werbeleiterin bei der Agentur „Frankfurter Stadtevents“. Diese bietet seit 2009 monatlich etwa acht Führungen mit maximal 25 Teilnehmern an, „und zwar samstags nur um 9.30 Uhr sowie unter der Woche nachmittags, wenn wenig los ist“. Auch Verena Roese, die seit zehn Jahren „vor allem Frankfurter oder Menschen aus der Region“ mehrmals pro Woche auf selbstständiger Basis oder für Stadtevents durch die Halle führt, achtet darauf, dies zu verträglichen Zeiten zu tun. Ihre Erfahrung: „80 Prozent aller Teilnehmer sind begeistert, gehen nach der Führung hier einkaufen oder essen – und kommen wieder.“ Sie sieht die Führungen eindeutig als „positive Werbung für die Halle.“ Ihrer Erfahrung nach empfänden manche Händler nur Großgruppen mit 50 Teilnehmern am Samstagmittag als störend, meist Chinesen: „Diese folgen einem Fähnchen, verstopfen die Gänge beim Essen einer Wurst, kaufen nichts und kommen nie wieder.“

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