Grauer Klotz war gestern: Mit den bewachsenen Wänden wird das neue Rechenzentrum FR8 - hier der finale Ausbauzustand - das grünste Gebäude im Griesheimer Gewerbegebiet Lärchenstraße.
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Grauer Klotz war gestern: Mit den bewachsenen Wänden wird das neue Rechenzentrum FR8 - hier der finale Ausbauzustand - das grünste Gebäude im Griesheimer Gewerbegebiet Lärchenstraße.

Umwelt

Klimaschutz trotz gigantischen Stromverbrauchs: Frankfurts Rechenzentren werden grün

  • Dennis Pfeiffer-Goldmann
    VonDennis Pfeiffer-Goldmann
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Sparsame Technik, bewachsene Fassaden, Energie-Umwandlung: Die Betreiber von Datenburgen in Frankfurt wollen Vorreiter beim Klima-Schutz sein.

Frankfurt – Rechenzentren sind der größte Stromverbraucher in Frankfurt. Doch das könnte eher Nutzen statt Schaden für die Umwelt sein. Darauf verweisen nicht nur die Betreiber, sondern auch Fachleute. Umweltschutz-Forderungen und Kritik von Nachbarn zeigen zudem erste sichtbare Wirkung: Die Datenburgen werden grüner - auch im Stadtbild.

In der Lärchenstraße in Griesheim eröffnet die Firma Equinix morgen ihr neues Rechenzentrum FR8. Firmen stellen darin ihre IT-Technik auf, ultraschnelle Datenkabel verbinden die Firmen untereinander. Equinix stellt "nur" Infrastruktur wie Gebäude und Datenleitungen. "Co-Location" nennt sich das.

Frankfurt ist Deutschlands Hauptstadt der Rechenzentren

Viele der weit mehr als 60 Frankfurter Rechenzentren bieten das. So ist die Stadt Deutschlands Rechenzentrumshauptstadt, weil hier der weltgrößte Internetknoten liegt. Und noch mehr, weil vorhandene Datenströme immer neue Firmen anziehen, die ultraschnell mit den anderen verbunden sein wollen. "Datengravität" nennt die Fachwelt das. Auf Banken und Börse folgen Versicherungen und Automobilkonzerne.

In der Stadt sprießen die Rechenzentren wie Pilze aus dem Boden. In Seckbach beschweren sich Anwohner im Gewerbegebiet darüber, weil Equinix dort wächst und wächst. Die Stadtpolitik sieht zwar den Nutzen durch Milliardeninvestitionen, Steuereinnahmen, viele Jobs bei Dienstleistern. Doch Flächenverbrauch und mögliche Verdrängung anderer Betriebe stehen auf der anderen Seite. Und der große Stromverbrauch.

Frankfurt: Neue Technik soll sparsamer sein - "Großrechenzentren sind effizienter"

Zwar laufen die Rechenzentren meist rein mit regenerativer Energie, bei Equinix zum Beispiel seit 2014, bei Mitbewerber Interxion seit 2018. Umweltschützer wiederholen dennoch immer wieder Kritik am hohen Verbrauch. Eine Fehleinschätzung, warnt Ralph Hintemann, Forscher am gemeinnützigen und unabhängigen Berliner Borderstep-Institut für Innovation und Nachhaltigkeit.

Die großen, modernen ersetzten meist viele kleinere, ältere Rechenzentren, etwa direkt im Gebäude der Unternehmen. "Großrechenzentren sind vom Grundsatz her effizienter", sagt Hintemann. So sei die neuere Technik sparsamer. Auch laufe die Datenverarbeitung durch die pure Größe umweltfreundlicher: "Bei kleinen Rechenzentren lohnt sich zum Beispiel Personalaufwand für Energieeinsparung oftmals nicht."

Für Equinix lohnt er sich. Volkan Öztokac vom Krifteler Gartenbaubetrieb Stefan Klingels steht im Korb eines Hubwagens. In XXL-Blumenkästen an der Fassade von FR8 in Griesheim pflanzt er das Grün ein, das bald 2300 Quadratmeter Wandfläche bedecken soll. Etwa Clematis montana, die Berg-Waldrebe, das Immergrüne Geißblatt und Geranien.

Neue Rechenzentren für fast eine Milliarde Euro in Frankfurt geplant: Der US-Betreiber Equinix plant massive Investition für Cloud-Anbieter.

Frankfurt: Auch die Rechenzentren in Seckbach sollen begrünt werden

"Es soll mehrfach im Jahr blühen", sagt Jens-Peter Feidner, Deutschland-Geschäftsführer von Equinix. Nicht nur, weil es schön aussieht und wegen des kleinklimatischen Effekts lässt die Firma das Dach sowie Nord- und Ostfassade bewachsen - und die Südfassade, sobald die nächsten Bauabschnitte folgen. Der Bewuchs halte die Innentemperatur konstanter, wodurch weniger Energieaufwand fürs Kühlen nötig sei, erklärt Feidner.

Seit längerer Zeit hat Planungsdezernent Mike Josef (SPD) ein Konzept angekündigt, das die Ansiedlung der Rechenzentren steuern soll. Das warten die Betreiber nicht ab. So begrünt Equinix neben FR8 auch die derzeit in Bau befindlichen Rechenzentren in Seckbach. Allein in diesen Standort steckt das US-Unternehmen mit Hilfe aus Singapur in den nächsten Jahren eine Milliarde Euro.

Ebenso viel investiert Interxion bis 2030 in eine Erweiterung seines Campus' an der Hanauer Landstraße. Dort baut die Firma das alte Neckermann-Gebäude um. Laut Expansionschef Thomas Wacker will Interxion außer begrünten Fassaden große Wasserflächen anlegen, 10 000 Quadratmeter entsiegeln und mit Neupflanzungen die Zahl der Bäume auf dem Gelände von 155 auf 260 erhöhen.

Abwärme könnte in Frankfurt zum Heizen genutzt werden

Betreiber Telehouse will die Abwärme seines Rechenzentrums an der Kleyerstraße im Gallus ins Heizungsnetz des gegenüber entstehenden Quartiers Westville mit 3000 Bewohnern einspeisen. Das könnte Schule machen: Überall in der Stadt würde Energieversorger Mainova gern Rechenzentren ans Fernwärmenetz anschließen, um überschüssige IT-Wärme andernorts zum Heizen nutzbar zu machen. "Alle wollen sich gerne anschließen, wir sind bereit", sagt Jens-Peter Feidner. Platz für Wärmepumpen werde bei Neubauten längst freigehalten. Doch fehle noch "die gesamthafte Planung" und "der große Partner im Boot", seufzt der Equinix-Chef. Damit meint er die Stadt und ihre Richtungsvorgabe.

Auf ein weiter sehr starkes Wachstum bei den Rechenzentren müsse sich Frankfurt einstellen, sagt Ralph Hintemann. "Sie werden gebraucht", da wir Menschen ja immer mehr Daten nutzten. "Und irgendwo müssen sie ja stehen." Der Drang in die Mainmetropole sei unumkehrbar, betont er. "Es macht wenig Sinn, Rechenzentren in Schleswig-Holstein zu bauen, wenn in Frankfurt die Musik spielt." (Dennis Pfeiffer-Goldmann)

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