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Junge Menschen erfrischen sich am Fontänenbrunnen auf dem Walther-von-Cronberg-Platz - eine Betonwüste, davon können auch die Wasserspiele nicht ablenken.

Lebensbedingungen werden beeinflusst

Klimawandel: Das sind die Folgen für Frankfurt - wird die Stadt autofrei? 

Mehr Hitze und Trockenheit im Sommer, häufigere Starkregen und Unwetterereignisse, feuchteres Wetter und Hochwasser im Winter: Der Klimawandel wird auch in Frankfurt die Lebensbedingungen beeinflussen. Claus-Jürgen Göpfert hat mit den Stadtplanern Torsten Becker und Johannes Cox sowie mit Stadtrat Mike Josef über den Kampf gegen den Klimawandel gesprochen.

Herr Becker, Herr Cox, Herr Josef, 100 Aktivisten von "Fridays for Future" haben gerade im Planungsausschuss des Römers gefordert, dass die Stadt den Klimanotstand ausruft. Was halten Sie von einem solchen Schritt?

JOSEF: Von Notstandsgesetzen und Schlagworten halte ich wenig. Ich glaube, dass die Stadt die gestalterische Kraft hat, sich dem Klimawandel zu stellen. Wir brauchen eine soziale und ökologische Stadtplanung und eine Mobilitätswende. Das ist doch auch eine Chance für die Stadtentwicklung, die wir optimistisch angehen sollten. Wir haben gerade als Stadt entschieden, das Radwegenetz großzügig auszubauen. Wir werden das nördliche Mainufer für Fußgänger und Radfahrer öffnen. Die Herausforderung der nächsten Jahre wird sein, gerade in der Kernstadt den urbanen Raum für die Menschen zurückzugewinnen. Diese Erkenntnis haben wir von unserem gemeinsamen Besuch in Paris mitgenommen. Ich habe mit Städten telefoniert, die den Klimanotstand ausgerufen haben. Keiner konnte mir sagen, was das konkret bedeutet.

BECKER: Notstand hört sich für mich nach etwas Temporärem an. Beim Klimawandel geht es aber um etwas anderes. Wir brauchen fundamentale, grundlegende Änderungen. Wir müssen die Städte radikal umbauen. Wir wohnen zentral, in einem ungedämmten Haus, unter einem schwarzen Schieferdach. Das ist unerträglich gewesen im letzten Sommer.

Klimawandel: Mehr Bäume, mehr Wasserflächen

Haben wir denn noch Jahre Zeit, Herr Cox? Muss es nicht viel schneller gehen mit den Veränderungen?

COX: Für mich hört sich Notstand nach Militär an. Meine eigenen Kinder sind in dem Alter der "Fridays for Future"-Aktivisten. Ich höre von denen auch viel Kritik. Wir müssen bei der Umsetzung viel schneller werden. Was wir machen müssen in den Städten, ist doch seit Jahrzehnten bekannt: mehr Bäume, mehr Wasserflächen. Wir machen es nur nicht.

Lassen Sie uns beim Verkehr bleiben. Seit den 70er Jahren diskutieren wir in Frankfurt über eine autofreie Innenstadt. Das war damals eine Idee, die von Sozialdemokraten entwickelt wurde. Wäre es jetzt nötig, die autofreie Innenstadt innerhalb des Anlagenrings sofort umzusetzen?

BECKER: Viele attraktive und wirtschaftlich erfolgreiche Städte haben bei der Mobilität schon vor Jahren angefangen umzudenken. Kopenhagen, Zürich, Melbourne: Die haben den Autoverkehr sukzessive aus den Innenstädten rausgedrängt und mehr Raum für Fußgänger geschaffen. Das Gegenargument, das immer kommt, man schade der Wirtschaft, ist nicht belegbar. Das Gegenteil ist der Fall. Wir sollten die autofreie Innenstadt machen und nicht mehr länger warten.

COX: Ich sehe das genauso. Wir müssen mehr Platz für Bäume und für Grünflächen schaffen, wenn wir den Verkehr rausgedrängt haben. Wir müssen mehr Platz für Menschen schaffen.

Herr Josef, was halten Sie von der autofreien Innenstadt?

JOSEF: Eine urbane Stadt sollte auch eine klimagerechte Stadt sein. Eine Stadt der kurzen Wege. Wir brauchen mehr Dichte, damit wir mehr Freiraum bekommen, Parks, Alleen und Vorgärten. Bei unserem Besuch in Paris haben wir gesehen, dass dort die Stadt sehr vom öffentlichen Raum her gedacht wird. Große Parkanlagen, breite Bürgersteige. Aber zur autofreien Innenstadt in Frankfurt: Unsere jüngste Verkehrszählung hat ergeben, dass innerhalb des Alleenringes der Individualverkehr um 30 Prozent abgenommen hat. Die Mobilität hat sich längst verändert. Madrid hat gerade die autofreie Innenstadt 2018 beschlossen.

Klimawandel: Autofreie Stadt ist die Zukunft

Also müssen Sie jetzt in der Römer-Koalition die autofreie Innenstadt fordern.

JOSEF: In unserer Koalition hat sich die CDU gerade stark bewegt bei den Verbesserungen für den Radverkehr. Das war anfangs nicht zu erwarten. Die nächsten Kommunalwahlen 2021 werden die Abstimmung über die sozial-ökologische Stadt werden. Über die klimagerechte und sozial gerechte Stadt. Zur autofreien Innenstadt sage ich: Das ist die Zukunft. Sehr viele europäische Städte beschränken den Autoverkehr bereits jetzt schon enorm.

Bei Ihrem Besuch in Paris haben Sie gesehen, dass die Stadt ihre großen Plätze stark umgestaltet und den Raum für den Autoverkehr verkleinert. Ist das ein Vorbild für Frankfurt?

BECKER (zeigt eine Planskizze): Das ist der Place de la Bastille. Die große graue Fläche wird dem Autoverkehr weggenommen.

Machen wir es doch mal konkret für Frankfurt. Unser verkehrsreichster Platz ist der Baseler Platz mit 80 000 Fahrzeugen am Tag. Müsste man nicht sofort beginnen, ihn umzugestalten und den Raum für Autos zu verkleinern?

BECKER: Absolut. Man muss die Verkehrsflächen anders organisieren. So könnte der Platz an einer Seite an die Randbebauung angebunden werden. Damit bekäme er eine ganz andere Aufenthaltsqualität. Es könnten Bäume gepflanzt werden. Es könnten Wasserflächen entstehen. Bei uns gibt es nur eine Handvoll Wasserdüsen auf dem Goetheplatz. Die sind sowieso meistens abgestellt. Die Wasserspiele in unseren Parks sind meistens dann kaputt, wenn es heiß wird. In Paris gibt es auf vielen Plätzen große Wasserspiele, Wassernebelanlagen. Die kühlen enorm.

COX: Die kleine Grünfläche auf dem Baseler Platz kann heute kaum genutzt werden, weil man sie gar nicht erreichen kann. Die liegt da völlig isoliert. Die Aufenthaltsqualität ist nahe null. Der Platz muss an einer Seite an die Häuser angebunden werden, damit man nicht über eine vierspurige Straße rennen muss, um ihn zu erreichen.

JOSEF: Wir müssen in Frankfurt mehr Geld in die Hand nehmen bei der Gestaltung des öffentlichen Raumes. In Paris werden richtig große Bäume gepflanzt. Das kostet 300 bis 400 Euro mehr pro Baum, aber es lohnt sich.

In Frankfurt stellen wir kleine grüne Wände an den Plätzen auf. Das wirkt auf mich hilflos.

BECKER: In dem neuen Ökoquartier Clichy Batignolles in Paris wurde der Park angelegt und war fertig, bevor die ersten Häuser bezogen wurden.

Hier in Frankfurt läuft es genau umgekehrt. Der Europapark im Europaviertel ist heute noch nicht fertig.

JOSEF: Der Europapark ist schon fertig und ist auch gelungen. Aber in Städten wie Wien oder Paris sind die Parks das Zentrum eines neuen Baugebietes. Das ist eine städtebauliche Entscheidung. Das müssen wir machen. Und wir müssen mehr Photovoltaik auf den Dächern anbringen, das haben wir in Paris auch gelernt. Mindestens 40 Prozent in neuen Quartieren sind es dort. Grundsätzlich ist Klimaschutz mehr auf Ebene eines Quartiers als vom Einzelgebäude her zu denken.

Wie ist es hier in Frankfurt bei der Photovoltaik, bei welchem Anteil sind wir?

JOSEF: Auf jeden Fall deutlich darunter.

BECKER: Das ist alles keine Zauberei, sondern gutes Handwerk. Wir können das auch, wir machen es nur nicht. Bei uns läuft es auch sehr segregiert ab: Die Verkehrsplanung arbeitet getrennt von der Grünplanung, da bleiben einfach Restflächen übrig, die dann begrünt werden. In Paris arbeiten die verschiedenen Disziplinen Hand in Hand.

Klimawandel ist kein Problem, sondern eine Chance

Wir müssen in Frankfurt also auch über die Grenzen der Dezernate hinweg denken?

JOSEF: Stadtplanung ist keine Frage eines Dezernates.

BECKER: Es ist eine Frage der Mentalität. Wir sehen den Klimawandel als Problem: Große Schwierigkeiten, bekommen wir nicht gelöst. Wir beißen in die Tischkante. In Paris sieht man den Klimawandel als Chance, etwas gestalten zu dürfen. Eine Aufgabe, die man gerne annimmt.

Kostet die Bekämpfung des Klimawandels nicht sehr viel Geld?

JOSEF: Ein Beispiel: Paris gibt 34 Milliarden Euro aus, um in der Region 68 neue Bahnhöfe zu bauen. Wir in Frankfurt investieren jetzt in den Ausbau des Radwegenetzes 75 Millionen Euro.

BECKER: Der Kampf gegen den Klimawandel kostet etwas, aber es lohnt sich auch. Wir haben in Paris gesehen, dass die Investitionen des Staates wiederum sehr viele private Investitionen ausgelöst haben.

Müssen wir in Frankfurt also viel mehr als bisher auch private Investoren gewinnen, um etwas gegen den Klimawandel zu tun?

COX: Aus meiner Arbeit als Landschaftsarchitekt kann ich sagen, dass die privaten Investoren bei der Grünplanung, bei neuen Grünflächen schon viel größer denken als die Stadt. Ich musste mich vor 15 Jahren noch dafür rechtfertigen, dass ich überhaupt einen Baum pflanzen wollte. Inzwischen sagen uns die Investoren: "Erst wenn ich die Bäume gepflanzt habe, finde ich Käufer für die Wohnungen." Das hat sich gewandelt.

Brauchen wir eine bessere Koordination in Frankfurt zwischen den einzelnen Dezernaten?

BECKER: Auf jeden Fall. Das ist unsere Erfahrung. Es wird in Frankfurt immer noch sehr stark in den einzelnen Ämtern isoliert gedacht. Städtebau ist aber eine Gemeinschaftsaufgabe.

Warum setzt man sich nicht zusammen?

JOSEF: Wir müssen integrierter arbeiten. Aber wir haben das jetzt schon getan bei unserem Integrierten Stadtentwicklungskonzept. Da haben elf Ämter zusammengearbeitet und werden das auch zukünftig tun.

Fehlt es in Frankfurt am politischen Willen, schärfer gegen den Klimawandel vorzugehen?

COX: Als Bürger frage ich mich schon öfter: Warum dauert das so lange? Warum streiten die sich im Römer die ganze Zeit, ohne dass es eine Einigung gibt?

BECKER: Wir brauchen jetzt dringend das Integrierte Stadtentwicklungskonzept, damit wir eine gemeinsame Grundlage zur Umgestaltung der Stadt haben. Dabei dürfen wir die sozialen Projekte nicht vergessen. In Paris haben wir zum Beispiel ein Projekt gesehen, da durften Studenten billiger wohnen, wenn sie zugleich Nachhilfeunterricht für die Kinder der Armen gegeben haben. Toll.

Torsten Beckerist Stadtplaner mit einem eigenen Büro in Frankfurt und Vorsitzender des Städtebaubeirats, in dem Architekten und Planer die Stadt beraten.

Johannes Coxist Landschaftsarchitekt und Geschäftsführender Gesellschafter eines Büros für Landschaftsarchitektur.

Mike Josef(SPD) ist seit 2016 Planungsdezernent der Stadt Frankfurt. Becker, Cox und Josef haben sich gerade in Paris über den Kampf gegen den Klimawandel informiert. jg

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