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Kliniken fürchten noch mehr Covid-Patienten

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Von: Sarah Bernhard

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Die Lage auf den Intensivstationen wie hier an der Uniklinik bleibt angespannt.
Die Lage auf den Intensivstationen wie hier an der Uniklinik bleibt angespannt. © F.A.Z. Foto Frank Röth

Bisher wird in Frankfurt nur ein Teil der geplanten Operationen verschoben, doch das könnte sich bald ändern

Noch funktionieren die Frankfurter Kliniken in etwas, das man einen "leicht verschärften Corona-Modus" nennen könnte: Weil seit Pandemiebeginn eine bestimmte Anzahl der Stations- und Intensivbetten für Corona-Patienten vorgehalten werden muss, sank die Zahl der verfügbaren Betten für Nicht-Corona-Patienten. Noch gibt es davon genug, so dass viele Operationen stattfinden können, auch geplante. Notfälle können ebenfalls versorgt werden. Doch auch Frankfurts Kliniken stehen kurz davor, wegen Überlastung einen Großteil der Operationen verschieben und Patienten abweisen zu müssen. Und sie rechnen damit, dass das in Kürze auch passieren wird.

Was das in der Realität bedeutet? Ein Beispiel: Herzinfarkt, ein Notfall, der Patient muss reanimiert werden. Je schneller er in einem Krankenhaus versorgt wird, desto besser. Die Rettungssanitäter geben seine Daten in Ivena ein, ein System, das Patienten in Hessen in guten Zeiten das geeignetste und vor allem nächstgelegene Krankenhaus zuweist. Doch schon seit Wochen zeigt es vor allem an, wo überhaupt noch ein Platz auf einer Intensivstation frei ist.

Grund dafür ist, dass jede Klinik eine bestimmte Anzahl an Betten für Corona-Patienten freihalten muss. Wie viele, berechnet das Land Hessen unter anderem auf Basis der Hospitalisierungsinzidenz, für die Normalstationen wöchentlich, für die Intensivbetten täglich. Das Klinikum Höchst etwa musste am Montag neun Corona-Intensivbetten vorhalten, am Dienstag zehn. Jeweils alle waren belegt. In diesen Fällen melden sich die Krankenhäuser in Ivena von dieser speziellen Leistung ab, die Spalte wird rot, Patienten müssen in eine andere Klinik.

Rettungswagen fahren entferntere Kliniken an

Am Mittwochnachmittag ist ein Großteil der Tabelle für Nicht-Corona-Intensivbetten rot, nur ein einziges der zwölf gelisteten Frankfurter Krankenhäuser hätte ein freies Bett für den Herzinfarkt-Patienten, um 22 Uhr wären es zwei. Bisher fände sich für jeden Notfall in der Regel noch eine grüne Tabellenspalte, sagt Jens Büttner, der stellvertretende Rettungsdienstleiter des DRK. Es komme aber mittlerweile auch "durchaus häufiger" vor, "dass weiter entfernte Krankenhäuser angefahren werden müssen".

Sollte die Zahl der Corona-Patienten weiter steigen, könnte das Höchster Klinikum, wenn das Land das fordert, um zwei weitere Corona-Intensivbetten aufstocken, ohne dass Nicht-Covid-Patienten darunter leiden. "Eine weitere Steigerung ginge jedoch klar zulasten der Versorgung der Nicht-Covid-Patienten und würde durch die nötige Umwidmung von Nicht-Covid-Kapazitäten zu Covid-Kapazitäten auch eine Einschränkung des OP-Betriebs bedeuten", sagt Robert Eberle, Sprecher des Höchster Klinikums. Das sei "zu befürchten".

Und es gilt nicht nur für das Höchster Krankenhaus. "Auch wenn die Lage in Hessen noch nicht so kritisch wie zum Beispiel in Bayern ist, verschärft sie sich auch hier zunehmend", sagt Christoph Lunkenheimer, Sprecher des Uniklinikums. "Steigen die Fallzahlen weiter deutlich, werden Patienten, die eine akutmedizinische Versorgung brauchen, unter Umständen nicht im angestrebten Zeitintervall die geeignete Versorgung finden." In diesem Fall könnte es auch dazu kommen, dass "tagesaktuell Leistungen priorisiert werden müssen", sprich: zu Triagen. Bisher blieb Frankfurt davon verschont.

Während Akut-Patienten zumindest im Moment noch versorgt sind, werden manche derer, die auf eine Operation warten, wie schon in der zweiten und dritten Welle, bereits auf die Zeit nach der vierten Welle vertröstet. In der ersten Welle war die Beschränkung auf Covid- und Notfall-Patienten staatlich vorgegeben. In diesem Zeitraum wurden laut einer AOK-Auswertung deutschlandweit 79 Prozent weniger künstliche Hüftgelenke eingesetzt, 31 Prozent weniger Menschen mit Herzproblemen behandelt und 18 Prozent weniger Schlaganfälle, zudem war die Verweildauer deutlich kürzer. "Die damals entstandenen Wartelisten sind mittlerweile abgearbeitet worden", sagt Robert Eberle aus Höchst. "Doch nun entstehen schon wieder neue."

Seit 20 Monaten am Anschlag

Klar ist: In Frankfurt sind bisher sehr viel weniger Patienten von OP-Verschiebungen betroffen als in den deutschen Corona-Hotspots. Wie viele und welche OPs das sind, variiert von Klinik zu Klinik. Im Uniklinikum etwa "sind die meisten Behandlungsfälle nicht geplante Not- und Akutfälle. Sie werden nach Dringlichkeit versorgt."

Im Höchster Klinikum werden vor allem solche OPs nach hinten verschoben, die "klar absehbar eine intensivmedizinische Therapie benötigen". Allerdings nicht primär wegen Corona: "Bei einem zunehmenden Mangel an Pflegekräften in der OP-, Anästhesie- und Intensivpflege werden auch die Kapazitäten für eine adäquate Krankenversorgung geringer", sagt Eberle. Hinzu komme, dass das Infektionsschutzgesetz als "Bürokratiemonster" gelte, eine steigende Zahl von Kindern mit dem respiratorischen Synzytial-Virus (RSV) versorgt werden müsse und Ärzte und Pflegende seit 20 Monaten "am Anschlag" arbeiteten.

Kliniken und Rotes Kreuz appellieren deshalb weiterhin an alle, sich so bald wie möglich impfen zu lassen. Nicht nur, um andere vor der Ansteckung mit Corona zu schützen. Sondern auch aus Rücksicht auf Patienten "mit anderen schweren Erkrankungen, für die es keinen Impfstoff und zu wenige freie Behandlungskapazitäten gibt".

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