+
In den Notaufnahmen vieler Krankenhäuser müssen Patienten auch mal länger warten, vor allem, wenn ein lebensbedrohlicher Fall eintrifft. Immer häufiger kommt es deshalb in den Kliniken zu Konflikten. Einige Häuser setzen deshalb mittlerweile Sicherheitspersonal in ihren Notaufnahmen ein.

Patienten pöbeln und prügeln

Kliniken klagen über wachsende Gewalt in Notaufnahmen

  • schließen

Immer häufiger haben es Ärzte und Pfleger in den Notaufnahmen mit unflätigen und gewalttätigen Patienten und Angehörigen zu tun. Einige deutsche Kliniken setzen mittlerweile Sicherheitskräfte in ihren Ambulanzen ein. Auch in Frankfurter Krankenhäusern kommt es regelmäßig zu Problemen.

Sie pöbeln, randalieren, gehen auf die Mitarbeiter los. „Es passiert immer mal wieder, dass einer völlig austickt“, sagt Dr. Peter-Friedrich Petersen, Leiter der Notaufnahme am Klinikum Höchst. Und es passiert immer häufiger. „Ich stelle fest, dass das über die Jahre mehr wird“, sagt Petersen, der Wert darauf legt, dass Gewalt in der Notaufnahme kein reines Höchst-Problem ist. „Die Kollegen aus den Ambulanzen erzählen alle das Gleiche“, sagt er.

Tatsächlich postieren immer mehr Kliniken in Deutschland Sicherheitskräfte in ihren Notaufnahmen, wie das Branchenmagazin Klinik Management Aktuell (KMA) berichtet. Auch in Höchst gibt es einen Wachdienst, dieser ist allerdings für die gesamte Klinik zuständig. „Wir haben Glück, dass wir das 17. Polizeirevier direkt nebenan haben“, sagt Petersen. Im Notfall seien die Beamten schnell zur Stelle. In den meisten Fällen bekomme man die Situation alleine in den Griff. Aber eben nicht immer.

Petersen hat schon viel erlebt, nicht nur in Höchst. „In Aachen stand einmal einer mit einem Messer vor mir“, erinnert er sich. Etwa ein bis zwei Mal im Monat raste ein Patient oder ein Angehöriger aus. „Manchmal sind das richtige Showeinlagen“, erzählt er von erwachsenen Männern, die sich vor dem Empfangstresen wie trotzige Kinder auf den Boden werfen und brüllen, weil sie das Gefühl haben, nicht schnell genug an der Reihe zu sein. „Wenn man dann hingeht und sagt: ,Solange Sie noch so laut schreien, können Sie nicht richtig krank sein‘, springen die auf und wollen einem an den Kragen“, erzählt Petersen, selbst ein Typ wie ein Baum.

„Gepöbelt“, sagt der Notfallmediziner, „wird reichlich. Wenn es nur Tiernamen sind, ist das noch okay.“ Womit er nicht gut zurecht kommt, ist, wenn er als Nazi beschimpft wird. „Da bin ich dünnhäutig. Dann sage ich klipp und klar, dass sie gehen sollen, weil sie hier nicht behandelt werden.“ Auch als er einmal von einem Patienten angespuckt wurde, habe er sich arg zusammenreißen müssen. Allergisch reagiert Petersen zudem, wenn jemand seine „Empfangsdamen“ bedroht. „Einer stand einmal vor ihnen und hat mit einer Handbewegung einen Kehlkopfschnitt simuliert. Das geht gar nicht.“ Erfahrungen wie diese machen auch die Mitarbeiter anderer Notfallambulanzen (siehe Info): Die Unternehmensberatung „openConsulting“ befragte im Jahr 2014 Mitarbeiter von 100 Kliniken im deutschsprachigen Raum. Drei von vier gaben an, dass sie im vergangenen Jahr körperliche und verbale Attacken in der Notaufnahme erlebt hätten. 43 Prozent waren darüberhinaus der Ansicht, dass die Zahl der Übergriffe in den Ambulanzen in den vergangenen Jahren gestiegen ist.

Aus Petersens Sicht ist die Zunahme der Gewalt in den Notaufnahmen ein gesellschaftliches Problem. Sowohl die Anspruchshaltung als auch die Gewaltbereitschaft sei bei einigen Bevölkerungsgruppen gewachsen. Das bekämen nicht nur die Kliniken zu spüren, sondern auch alle anderen, etwa die Arbeitsagenturen. Dem Mediziner bereitet diese Entwicklung zunehmend Sorge. „Ich will nicht dahin kommen, dass Ärzte Angst haben müssen, wenn sie die Klinik verlassen.“

Handfeste Probleme machen in der Regel weniger die Trinker. „Da haben wir unsere Stammkunden, die werden zwar mal laut, aber die sind nicht bösartig. Das sind arme Menschen“, erklärt der Ambulanz-Chef. Schwieriger seien Patienten, die Drogen genommen hätten, oftmals einen ganzen Cocktail unterschiedlicher Substanzen. „Die halten sich für die Helden, sind körperlich aber längst nicht so beeinträchtigt wie ein Patient im Alkoholrausch“, weiß Petersen.

Probleme bereiten auch immer häufiger Patienten, die einfach nicht warten wollen. „Am Montag erst war wieder einer total aggressiv, weil andere vor ihm behandelt wurden“, so Petersen. Der Mann stellte sich in den Türrahmen, brüllte herum und wollte keinen Zentimeter von der Stelle weichen, bis ihn jemand behandele. Immerhin: Als der Krawallmacher später tatsächlich an der Reihe war, entschuldigte er sich für sein Fehlverhalten.

Petersen hat durchaus Verständnis dafür, dass den Leuten das Warten schwer fällt: „Patienten in der Notaufnahme sind immer in einer Ausnahmesituation.“ Sie hätten Angst, oftmals auch Schmerzen, und von dem Notfallpatienten, der im Schockraum vielleicht gerade mit dem Tod ringt, bekommen sie in der Regel nichts mit. Dennoch würde Petersen den Wartenden manchmal gerne sagen: „Seien Sie froh, dass Sie warten dürfen. Die, die nicht warten müssen, sind die, die wirklich arm dran sind.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare