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?Es ist schlimm?: Ortsvorsteher Werner Skrypalle in der Wilhelmshöher Straße in Seckbach. Seit Jahren dringen die Bewohner darauf, dass die Autos weniger werden. Doch sie werden immer mehr. Die Stadtteilpolitik ist hilflos.

Interview mit Ortsvorsteher

Wie können Verkehrsprobleme im Frankfurter Osten gelöst werden?

Der Ortsbeirat 11 (Fechenheim, Riederwald, Seckbach) diskutierte wieder einmal über Schadstoffmessungen am Erlenbruch und den Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV). Alle Hauptzufahrtsstraßen im Frankfurter Osten nördlich des Mains führen durch den Ortsbezirk. Über die Verkehrsprobleme und Lösungen sprach unser Redakteur Andreas Haupt mit Ortsvorsteher Werner Skrypalle (SPD).

Die ständigen Staus in der Wilhelmshöher, der Wächtersbacher und der Bebraer Straße sowie in der Borsigallee und am Erlenbruch ärgern die Menschen in den betroffenen Stadtteilen. In Seckbach, Fechenheim-Nord und Riederwald bemühen sich Bürgerinitiativen um eine Verkehrsberuhigung. Wie schlimm ist die Situation?

WERNER SKRYPALLE: Sehr schlimm. Die Seckbacher bemühen sich bereits seit 40, 50 Jahren, den Durchgangsverkehr aus ihrer Hauptstraße herauszubekommen und den Stadtteil verkehrlich zu beruhigen. Auch wir Politiker versuchen immer wieder, kleine Maßnahmen durchzusetzen. Etwa Blitzer und Poller aufstellen oder Schikanen einzubauen.

Aber das hilft offenbar nichts.

SKRYPALLE: Nein. Wir müssen endlich Lösungen finden, um einen attraktiven öffentlichen Nahverkehr anzubieten. Und zwar schnell. Das wird seit gefühlten tausend Jahren gefordert, ich weiß – aber ich sehe keine andere Möglichkeit. Die kleinteiligen Lösungsversuche helfen immer nur ein bisschen. Wir haben ja mehrfach Anträge gestellt, den Verkehr aus den Stadtteilen hinauszudrängen und auf großen Straßen wie der Vilbeler, Hanauer oder Friedberger Landstraße zu kanalisieren. Aber so schieben wir den Verkehr einfach anderswohin. Eigentlich müssten wir ihn reduzieren. Und wir müssen neue Straßen- und U-Bahn-Strecken bauen. Diskutiert wird ja auch eine Ringlinie. Sie könnte von Bad Vilbel über Bergen-Enkheim nach Fechenheim führen. So könnte man viele Pendler einfangen und zu den sternförmig in die Innenstadt fahrenden Straßen-, U- und S-Bahnlinien leiten. Gerade im Frankfurter Osten kann das für Entlastung sorgen.

Das funktioniert aber nur, wenn man neue Park-&-Ride-Plätze baut.

SKRYPALLE: Ja. Man müsste sich mit dem Umland ins Benehmen setzen, um am Stadtrand oder sogar außerhalb Frankfurts Park-&-Ride-Parkplätze zu schaffen. So wie es in den 1970er und 1980er Jahren bereits intensiv gemacht wurde. Heute habe ich den Eindruck, dass sich das Umland vornehm zurückhält und sagt: „Die Autofahrer wollen nach Frankfurt hinein, also ist das ein Frankfurter Problem. Sollen die das doch lösen.“ Aber so etwas funktioniert nicht, ohne das Umland einzubeziehen.

Welche Linien schweben Ihnen vor?

SKRYPALLE: Die nordmainische S-Bahn muss dringend gebaut werden. Aber das Feststellungsverfahren läuft ja noch.

In der letzten Ortsbeiratssitzung wurde wieder eine Verlängerung der U 4 nach Bergen über die frühere Straßenbahntrasse und der U 7 die Leuchte entlang zum Riedbad angesprochen.

SKRYPALLE: Beides fordern wir seit Jahren. Im Generalverkehrsplan ist die Option, die U-Bahn wieder über die alte Straßenbahntrasse nach Bergen fahren zu lassen, immer noch enthalten. Als der Fuß- und Radweg auf der alten Trasse entstand, lehnten wir eine Allee ab, damit die Strecke ohne großen Aufwand und ohne Bäume zu fällen reaktiviert werden kann. Damals hieß es, die Kosten-Nutzen-Analyse zeige, dass eine Wiedereröffnung sich finanziell nicht lohne. Unter dem steigenden Verkehrsdruck könnte das ja heute anders sein. Man könnte oberirdisch bis zur alten Endhaltestelle der Straßenbahn fahren und dann unterirdisch unter Bergen hindurch bis zu einem Park-&-Ride-Parkhaus an der Umgehungsstraße nördlich von Bergen. Oder man könnte das Parkhaus in Bergen per Schnellbus an die U-Bahn-Haltestelle in Enkheim anbinden. Bisher ist das immer als Nonsens abgelehnt worden, weil das Umsteigen diese Variante unattraktiv mache. Eine Verlängerung der U-Bahn zur Leuchte fände ich auch gut, aber viele Enkheimer wollen das nicht.

Viele plädieren dafür, das Radwegenetz zu erweitern.

SKRYPALLE: Natürlich muss man den Radverkehr ausbauen, das wird seit einigen Jahren ja auch gemacht. Aber damit bekommt man nicht Tausende von Autofahrern dazu, aufs Rad umzusteigen.

Der Riederwaldtunnel wird doch den Erlenbruch entlasten.

SKRYPALLE: Er bringt erst einmal zusätzlichen Verkehr. Durch ihn werden täglich 120 000 Autos fahren. Angesichts solcher Horrorzahlen muss ich mich doch noch vehementer als bisher bemühen, die Zahl der Fahrzeuge zu verringern.

Am Erlenbruch und auf der Hanauer Landstraße soll es weniger Verkehr geben.

SKRYPALLE: Aber nicht viel weniger. Und auf der Wilhelmshöher Straße bleibt alles, wie es ist.

Was wäre, wenn der Erlenbruch durch den Riederwaldtunnel – wie errechnet – ein Drittel weniger Verkehr hat? Sehen Sie dann ein Chance, den Erlenbruch sowie die Wächtersbacher und die Bebraer Straße zu beruhigen?

SKRYPALLE: Nur wenn wir ein attraktives ÖPNV-Angebot haben. Kurzfristig sehe ich dafür aber keine Chance. Noch ist der ÖPNV-Ausbau nur eine Idee, die noch nirgendwo in eine Planung mündete.

Wenigstens wird die Wilhelmshöher Straße umgestaltet. Sie soll enger werden, um den Verkehr auszubremsen.

SKRYPALLE: (schüttelt den Kopf): Viel enger kann die Straße nicht werden, weil sich hier Linienbusse begegnen. Schon heute muss ein Bus oft warten, damit der entgegenkommende vorbeikommt. Viele Busfahrer fahren dann über den Bürgersteig. Die Aktionsgruppe Wilhelmshöher Straße sagt zu Recht: Das darf so nicht sein.

Also hilft nur der „große Wurf“, den ÖPNV endlich auszubauen? Das scheiterte bislang oft daran, dass sich Kosten und Nutzen zumindest die Waage halten müssen.

SKRYPALLE: Ja, aber auch das muss man überdenken. Die Infrastruktur nur mit spitzem Bleistift zu rechnen geht nicht. Das ist ein Stück Daseinsvorsorge der öffentlichen Hand. Kultureinrichtungen oder Schwimmbäder könnten ohne viel öffentliches Geld auch nicht überleben – warum sollen wir nicht auch den ÖPNV noch stärker subventionieren?

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