Gabi Gräf und Dieter Salentin betreiben einen Getränkemarkt mit Wohnzimmer-Flair. foto: faust
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Gabi Gräf und Dieter Salentin betreiben einen Getränkemarkt mit Wohnzimmer-Flair.

Niederrad: Einzelhandel

Köstlichkeiten, Kult und Kronleuchter

  • vonSabine Schramek
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Der etwas andere Getränkeladen mit Flohmarkt-Funden

Bei dem Wort "Getränkehandel" denkt man meist an einen kahlen Raum voller pragmatisch gestapelter Getränkekästen ohne Schnickschnack. Anders ist das bei Gabi Gräf Getränke. Seit 30 Jahren gibt es hier kunstvoll Gestapeltes voller Raritäten für den Genuss.

Regale selbst gezimmert

Dicke Hühner auf grüner Wiese, dazwischen Hasen und rot-weiße Tulpen. Ein Perlmutt-schimmernder Kronleuchter über einem antiken Apothekentresen, Birkenstämme, an denen an Schiffsseilen Glühbirnen baumeln und Regale, so weit das Auge reicht. "Die meisten haben wir selbst gemacht", sagt Gabi Gräf (67) und stellt noch ein paar Flaschen mit einzelnen orangenen Tulpen auf den Tresen.

Genau genommen ist sie in Rente. "Manchmal ist sie tatsächlich zwei Tage hintereinander nicht hier", sagt Dieter Salentin (57) augenzwinkernd. Seit mehr als 30 Jahren sind sie ein Paar und seit 30 Jahren verkaufen sie in der Gerauer Straße alles, was trinkbar ist.

Angefangen hatten sie auf 42 Quadratmetern Fläche neben ihrem jetzigen Laden, in dem früher ein Drogeriemarkt war. Seit 2016 strahlen Flaschen jeder Größe und Couleur auf 160 m² Verkaufsraum und in weiteren 300 m² Lager. Etwa 240 Biersorten, 180 bei Wein, 150 bei Gin, 60 unterschiedliche Whiskeys, 40 Rumsorten, sechs Sorten Tequila und Mezcal und Hunderte weitere Getränke. Hier kann Niederrad genießen. Oder sich einen Schwips holen.

Mehr als 2000 Artikel umfasst das Sortiment, das jeden, der zum ersten Mal den Laden betritt, innehalten lässt. Wasser, kunterbunte Limos in kunstvollen Flaschen werden durch die riesigen Schaufenster so beleuchtet, dass sie wie ein Gesamtkunstwerk wirken. Bierkästen sind wie Treppen aufgereiht, dicke Baumstämme, Antiquitäten und Dekoartikel machen den Raum gemütlich wie ein Wohnzimmer.

Die Spezialität des Paares sind Produkte von kleinen Herstellern. "Wenn kein Corona ist, machen wir regelmäßig Tastings und Lesungen", erzählt Salentin. Dann werden knallrote Platten auf Getränkekisten gelegt, und knallgrüne als Hocker auf Getränkekisten. "Dann kommt noch ein Teppich rein", so Gräf, die es liebt, zu dekorieren und zu sammeln. "Ganz viel ist von Flohmärkten, von Stammkunden und von überall", sagt sie und lacht. Ebenso wie ihr Sortiment. Fast nur Glasflaschen sind hier. Besonders beliebt zurzeit sind alkoholfreie Seccos, Weine und Gin. "Auch Apfelwein ohne Alkohol läuft gut."

95 Prozent selbst probiert

Was die beiden im Sortiment haben, kennen sie. "95 Prozent haben wir probiert", so Salentin. "Bei Weinen setzen wir uns mit Nachbarn zusammen und testen nach bestimmten Kriterien. Was uns am besten schmeckt und gefällt, wird mit aufgenommen." Bio und nachhaltig ist ihnen ebenso wichtig wie der Geschmack. Und auch die Flaschen selbst. In den Tasting-Regalen warten kunstvolle Buddeln auf die nächste Probe nach Corona. An fast jedem Getränk stehen Schildchen, die es beschreiben. "Manchmal verschwindet eins. Dann müssen wir es wieder neu machen", so Gräf.

Die Pandemie hat einiges im Laden verändert, aber den Händlern nicht geschadet. "Zum Glück haben wir sehr viele Stammkunden. Sie kommen auch aus dem Taunus, um sich Getränke abzuholen", weiß Gräf. "Im ersten Lockdown haben uns viele neue Kunden entdeckt, die die Zeit hatten, spazieren zu gehen." Mundpropaganda, Beratung und die Gemütlichkeit tragen den Rest dazu bei.

Vor zwei Wochen haben sie angefangen, einen eigenen Kaffee to go anzubieten. "Everbody's Darling" heißt der kräftige Bio-Cuvée, der von der Bohnerie geröstet wird. "Dazu gibt es frische Bauernvollmilch."

Und Limonaden, die sonst kaum jemand hat. Und Essig, Sugo und Trüffelbutter. Und ausgefallene Süßigkeiten. "Was wir mögen, kommt rein. Und irgendwie entdecken wir immer wieder Neues", erzählt das freundliche Paar überzeugt.

Seit kurzem gönnen sie sich einen Ruhetag. Den Mittwoch. Bis dahin war täglich geöffnet, der Sonntag wurde für Büroarbeit genutzt. "Jetzt machen wir mittwochs die Büroarbeit und haben den Sonntag für uns". Gräf ist ein wenig kürzer getreten. "Auch, um mein Enkelchen zu sehen. Die Zeit fliegt einfach."

GelernterFotograf

Sie blickt auf ein Schwarz-Weiß-Foto, das Salentin vor 30 Jahren vor der Öffnung mit Selbstauslöser gemacht hat. Der gelernte Fotograf und Gräf sitzen an einem kleinen Tisch mit Bier, Fleischwurst und Zeitungen. Er im Feinrippunterhemd und Hosenträgern, sie mit Haarklemmen unter einem Netz vor einer Blümchentapete. "Quatsch muss sein", sind sie sich einig.

Sie warten auf die Zeit nach Corona. "Wenn wir die Genehmigung bekommen, werden wir draußen Stehtische anbieten. Zum Trinken, sich freuen und quatschen. Für das, was wir alle während der Pandemie so sehr vermissen." Sabine Schramek

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