Blick nach oben: Theologe Georg Magirius (Mitte) machte die Wanderung für die Teilnehmer zum spirituellen Erlebnis.
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Blick nach oben: Theologe Georg Magirius (Mitte) machte die Wanderung für die Teilnehmer zum spirituellen Erlebnis.

Stille im Fokus

Die Kostbarkeiten des Lebens im Blick

Eine meditative Wanderung durch den Stadtwald hat den Teilnehmern neue Perspektiven geschenkt.

Frankfurt. Der Weg führt durch die Tiefen im Frankfurter Stadtwald, dichtes, wenn auch durch die heißen Sommer ausgedünntes Grün wird gelegentlich von Straßen durchbrochen. Welche Schätze mag man hier vermuten? Doch dann leuchtet es zwischen den Baumkronen hindurch, wie ein verwunschenes Schloss mit grüner Kuppel und Nixe: Das alte Pumpwerk Hinkelstein, ein Urquell des Lebens im Frankfurter Wasserschutzgebiet.

Etwa 15 Neugierige haben sich der spirituellen Wanderung "Gang-Art" unter dem Motto "Verborgene Schätze des Waldes" angeschlossen, um zusammen mit dem Theologen und Schriftsteller Georg Magirius in die Tiefen der Natur hineinzulauschen. Rund zwei Stunden schweigende Waldwanderung liegen vor ihnen, mit gelegentlichen Impulsen und Pausen zur Rast und Stärkung.

Brücke in eine andere Welt

Doch zunächst scheint die erholsame Ruhe weit entfernt, als sich die Gruppe an der S-Bahn-Station Gateway Gardens trifft. Flugzeuge und Autos bestimmen den Geräuschpegel, der Weg über die Brücke Richtung Wald scheint in eine andere Welt zu führen. "Ich habe gerade einen mehrwöchigen Umzug hinter mir und möchte die Wanderung nutzen, um von dieser Zeit auf der Überholspur herunterzukommen", sagt Verena Müller-Wiebrecht.

Die Gruppe biegt in einen Waldpfad ein, als Magirius als ersten Impuls Amed Bick zitiert: "Von Menschen gemachte Geräusche nerven schneller als die Natur. Das Telefon klingelt, ich schrecke auf, nehme ab. Welche Geräusche nehme ich wahr?" Für Magirius muss Stille jedoch nicht Geräuscharmut bedeuten. Sondern sie sollte vielmehr das Verlangen ausdrücken, der inneren Stille nachzugehen. Für seine spirituelle Wanderung hat Magirius die Texte verschiedener Autoren in seinem 2019 erschienenen Buch "Stille erfahren" gesammelt.

Die Themen Stille und Pilgern beschäftigen ihn seit vielen Jahren. Magirius hat mit Hilfe seiner Veröffentlichungen in der hessischen und fränkischen Umgebung bereits mehrere meditative Wanderungen angeboten, darunter "Aufbruch in die Stille", "Wo Eisvogel und Bieber leben" und "Die Früchte meines Lebens". Derzeit arbeitet er an seinem Buch "Stilles Frankfurt", das nächstes Jahr erscheinen soll.

Immer tiefer geht es in den Wald hinein, nun wird der Geräuschteppich vom Rascheln des Laubes und den darunter lebenden Tieren bestimmt. "Still räume ich die überfüllte Herzkammer aus und lege Dir alles zu Füßen", zitiert Magirius die Autorin Manuela Fuelle. Schritt für Schritt wird das Herz leichter.

Goethebuche als verborgener Schatz

"Ich habe schon Erfahrung mit Exerzitien, bei denen man schweigt und in sich hineinhört, und wollte sehen, was Frankfurt mehr zu bieten hat außer Beton und lautem Asphalt", sagt Britta Landvogel aus Friedberg. Offenbar gebe es im Stadtwald blinde Flecken, deren wahre Kraft man zunächst nicht sieht und hört.

Dazu gehört auch das 1894 errichtete Pumpwerk Hinkelstein, benannt nach einem früheren, im 19. Jahrhundert zerstörten Menhir. "Der Wald muss das Wasser reinigen, hier fließt das Leben im Untergrund", sagt Magirius.

Der nächste verborgene Schatz ist die Goethebuche: Sie wurde in Goethes Geburtsjahr 1749 gepflanzt und 1999 von Stadtrat Tom Koenigs dem Dichterfürsten gewidmet. "Bereits in Kinderjahren streckte sie ihre Blätter in die Luft, nun hat sie den unsterblichen Dichter um 200 Jahre überlebt", stellt Magirius fest. Sie habe viele Unwetter überstanden und biete vielen heranwachsenden Bäumen Schutz. Dennoch sei ein Teil der Krone offenbar abgestorben. "Denn die Kostbarkeiten des Lebens sind auch zerbrechlich."

Magirius vergleicht die Buche, die aus einem Winzling emporwuchs, mit dem mächtigen König David, der als junger Bub zunächst die Ziegen hütete. Er erteilt seinen Abschluss-Segen und ehrt an der Unterschweinstiege symbolisch die 1000. Teilnehmerin an seinen Wanderungen, die noch viele weitere neue Entdeckungen zur Stille und den Kostbarkeiten des Lebens versprechen. red

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