Luftfahrt

Kranich droht lange Durststrecke

  • Panagiotis Koutoumanos
    vonPanagiotis Koutoumanos
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Nach Rekordverlust 2020 wird Lufthansa Jahre brauchen auf dem Weg zu alter Stärke

Frankfurt. Carsten Spohr ist ein Mann mit großer Vorstellungskraft. Das hat er in den vergangenen sieben Jahren als Vorstandschef der Lufthansa bewiesen. Nicht zuletzt mit der Neuausrichtung des Lufthansa-Konzerns, die er größtenteils vor der Corona-Krise initiierte: weg von der breiten Aufstellung des Konzerns mit der Catering-Tochter LSG, dem Wartungs-Geschäft LH Technik und dem Geschäftsreise-Dienstleister AirPlus - hin zu einer Fokussierung auf das Kerngeschäft mit den Fluglinien. Aber das Horror-Jahr 2020 hat offenbar auch die Vorstellungskraft des gelernten Piloten überstiegen: "Ich habe meine gesamte berufliche Laufbahn bei der Lufthansa absolviert. Ich hätte mir nie vorstellen können, dass unser Unternehmen in einem Jahr drei Viertel seiner Passagiere verliert, zwei Drittel seines Umsatzes einbüßt, ein Fünftel seiner Belegschaft abbauen muss und einen Nettoverlust von 6,7 Milliarden Euro erleidet", sagte Spohr bei der gestrigen Bilanzvorlage im First-Class-Terminal am Flughafen Frankfurt.

Dass der weltweit viertgrößte Luftfahrt-Konzern den höchsten Verlust in der Geschichte der Lufthansa "völlig unverschuldet" eingeflogen hat, wie der 54-Jährige betonte, ist angesichts der vielen Reisebeschränkungen in der Corona-Pandemie unstrittig. Da genügt ein Blick auf die großen europäischen Konkurrenten: Air France-KLM hat mit 7,1 Milliarden Euro Miesen ebenfalls einen Rekordverlust verbucht. Und auch der Verlust bei IAG - Mutterkonzern von British Airways, Iberia, Aer Lingus und Vueling - ist mit 7,4 Milliarden Euro Rekord. Dabei erlösten beide noch weniger als der Lufthansa-Konzern, dessen Fluggesellschaften Lufthansa, Swiss, Austrian Airlines, Brussels Airlines und Eurowings nur noch 13,6 Milliarden Euro einnahmen.

500 Flieger sind noch geparkt

Eine düstere Bilanz, die der Rekordgewinn der vergleichsweise kleinen Frachttochter Lufthansa Cargo kaum aufhellen konnte. Diese flog zwar einen bereinigten Gewinn vor Zinsen und Steuern (Ebit) von 772 Millionen Euro ein. Aber das reichte nur für eine kosmetische Verbesserung des Konzern-Ebit. 5,5 Milliarden Euro Miese schlugen da zu Buche.

Und an dieser insgesamt desaströsen Lage hat sich im bisherigen Jahresverlauf kaum etwas geändert - schließlich herrschen aufgrund anhaltend hoher Infektionszahlen und neuer Virus-Varianten nach wie vor umfangreiche Einreise-Beschränkungen und ein strenges Quarantäne-Regime. Wie die anderen Airlines in Europa versucht deshalb auch die Lufthansa weiterhin, ihre Kosten so weit zu drücken wie nur möglich. Nachdem der Konzern seit Beginn der Corona-Krise die Belegschaft von 141 000 Vollzeitstellen vor allem im Ausland um knapp 29 000 reduziert hat, sollen nun in Deutschland 10 000 Stellen wegfallen. Noch immer sind mehr als 500 der 800 Konzern-Flieger geparkt; davon werden 115 Maschinen nie mehr starten. Und im laufenden ersten Quartal des Jahres bieten die Konzern-Airlines lediglich 20 Prozent der Flugkapazitäten im Vergleich zum Vorkrisen-Niveau an. Entsprechend ist der Großteil der deutschen Belegschaft in Kurzarbeit.

Konzern verbrennt weniger Geld

"Flüge finden nur statt, wenn deren variable Erlöse die variablen Kosten mindestens ausgleichen", betonte Spohr gestern. Heißt: wenn dabei Geld in die Kassen fließt. So "verbrennt" der Konzern inzwischen deutlich weniger Geld als zu Beginn der Corona-Krise. Laut Vorstand fließen derzeit pro Monat Barmittel in Höhe von rund 300 Millionen Euro ab; 2020 waren es zeitweise mehr als doppelt so viel. Dass sich die Kassen schnell füllen werden, ist aber unwahrscheinlich. Spohr hatte zuletzt darauf verwiesen, dass der "operative Cashflow" erst wieder positiv wird, wenn das Flug-Angebot der Konzern-Airlines 50 Prozent des Vorkrisen-Niveaus erreicht. Dabei rechnete er damit, dass dies im Sommer der Fall sein werde. Einen Wert von "40 bis 60 Prozent" sagte er für die Hochsaison voraus, in der die Branche traditionell das Gros ihrer Gewinne erwirtschaftet. Gestern war aber nur noch von "40 bis 50 Prozent" die Rede.

EU-Impfpass ungewiss

Kein Wunder, sieht es doch ganz danach aus, als würde der von der EU-Kommission geplante Impfpass, mit dem Bürger ohne Beschränkungen innerhalb der EU reisen könnten, erst im Spätsommer zur Verfügung stehen. Wenn überhaupt. Denn wegen Bedenken bezüglich Diskriminierungsverboten, Datensicherheit und technologischer Hürden sprechen sich derzeit etliche EU-Staaten gegen die Einführung eines digitalen Impfpasses aus - auch Deutschland. "International anerkannte, digitale Impf-Nachweise und Testzertifikate müssen an die Stelle von Reiseverboten und Quarantäne treten", forderte gestern denn auch Spohr.

Kommt es nicht dazu und die derzeitigen Reisebeschränkungen bleiben für alle bestehen, droht der Lufthansa auch in diesem Jahr ein Milliarden-Verlust. Dann könnte der Konzern sogar erneut in akute finanzielle Not geraten, nachdem er 2020 staatliche Rettungsgelder von rund neun Milliarden Euro erhalten hat.

"Für dieses Jahr durchfinanziert"

Davon will Spohr nichts wissen. Er geht davon aus, dass der Konzern nicht die gesamten neun Milliarden Euro benötigen wird. Das Unternehmen sei mit einem Liquiditätspolster von 10,6 Milliarden Euro ins Jahr gestartet, von denen 5,7 Milliarden auf staatliche Hilfsgelder entfielen. "Für dieses Jahr ist der Konzern durchfinanziert", betonte Spohr. Allerdings ist das Eigenkapital auf 1,4 Milliarden Euro geschrumpft. Und dass sich der Konzern Ende 2020 und Anfang 2021 zu relativ niedrigen Zinssätzen 3,2 Milliarden Euro am Kapitalmarkt leihen konnte, ist nicht nur der 20-Prozent-Beteiligung des Bundes zu verdanken, sondern auch der Zuversicht des Marktes, dass mit zunehmenden Impfungen die Reisebeschränkungen fallen werden.

Schwindet diese Zuversicht, wird es dem Konzern zumindest sehr schwer fallen, wie geplant, in diesem Jahr weiteres günstiges Geld am Markt aufzunehmen. Das würde das Unternehmen finanziell zusätzlich belasten in den kommenden Jahren. Und die werden ohnehin schwer genug. Denn zum einen werden viele der besonders profitablen Geschäftskunden, die vor der Corona-Krise rund 45 Prozent des Umsatzes ausmachten, nicht mehr zurückkehren. Und ob es dem Konzern gelingt, im Gegenzug mit der im Sommer startenden "Eurowings Discovery" mehr Touristen anzulocken, muss sich erweisen. Spohr rechnet nun damit, dass die Konzern-Fluggesellschaften erst im Jahr 2024 rund 90 Prozent der vor der Corona-Krise angebotenen Flugkapazität erreichen werden. Zum anderen ist die von der Lufthansa langersehnte Konsolidierung der Branche, die den Preiskampf entschärfen würde, in weite Ferne gerückt, nachdem fast alle großen Luftfahrt-Konzerne in der Corona-Krise staatliche Hilfen erhalten haben.

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