Eine S-Bahn fährt in Frankfurt am Main vor dem Hauptbahnhof über eine Eisenbahnbrücke.
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Eine S-Bahn fährt in Frankfurt am Main vor dem Hauptbahnhof über eine Eisenbahnbrücke.

In Frankfurt

Kranke Lokomotivführer legen S-Bahn-Linie lahm

  • Thomas J. Schmidt
    VonThomas J. Schmidt
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Wegen Personalmangels hat die Bahn gestern eine komplette S-Bahn-Linie eingestellt. Zu viele Lokführer waren kurzfristig erkrankt. Fragen nach der Professionalität des Managements werden laut.

Urlaubszeit, ein Brückentag und kurzfristig ungewöhnlich hohe Krankenstände: Die Leitung der S-Bahn Rhein-Main reagierte gestern früh ungewöhnlich. Wegen des Mangels an Zugführern wurde eine S-Bahn-Linie komplett vom Netz genommen. So etwas hat es in der Geschichte der deutschen S-Bahnen bislang noch nicht gegeben.

Kranke nicht zu ersetzen

„Es gibt hier keinen Personalmangel“, erklärt ein Bahn-Sprecher tapfer. „Im S-Bahn-Netz gibt es genügend viele Fahrer.“ So sei auch die Ausweitung des Fahrplans mit Fahrplanwechsel vor drei Wochen kein Problem gewesen. Doch: Kurzfristig seien nach Silvester so viele Zugführer erkrankt, dass dies nicht mehr zu kompensieren war.

Die Mitarbeiterorganisationen sehen das anders: Die Bahn kämpfe seit Jahren mit Personalengpässen. Die Gewerkschaften sprechen offen von vielen fehlenden Lokführern

Immerhin scheint die Chefebene der Bahn nun aufgewacht zu sein: „Die Personalleitung wird in den kommenden Tagen mit Sicherheit analysieren, ob es langfristige Konsequenzen geben muss“, sagt der Sprecher. Auf die Nachfrage, wie diese aussehen könnten, gibt es aber als Antwort lediglich ein Schulterzucken.

Also wird das Missmanagement auf dem Rücken der Fahrgäste ausgetragen. Kurzfristig wurde am Freitagmorgen entschieden, die S 4 (Langen-Kronberg) komplett vom Netz zu nehmen. Von Kronberg nach Niederhöchstadt wurden Busse eingesetzt, in Niederhöchstadt konnten die Fahrgäste mit der S 4 nach Langen fahren.

Ungewöhnliche Situation

„Wir sind eigentlich sehr flexibel“, sagte der Sprecher. Ein Lokführer muss nicht nur die generelle Lizenz haben, er muss auch für bestimmte Züge Prüfungen ablegen und außerdem für seine Strecke. Flexibel ist die Bahn insofern, als fast alle Lokführer im S-Bahn-Netz sowohl die 423er-Züge fahren dürfen als auch die neuen 430er. Außerdem können alle Zugführer auf allen Strecken eingesetzt werden. So hat sich angesichts des Engpasses am Freitagmorgen angeboten, die S 4 gar nicht mehr zu bedienen. Dieses Personal konnte dann auf den anderen Strecken aushelfen. Weil für viele Lokführer der Urlaub endet, sind sie am Montag im Einsatz, so dass, wie der Bahnsprecher sagte, „fast mit Sicherheit“ feststeht, am Montag läuft der Betrieb normal. Am Montag werden auch wieder sehr viele Pendler mit der S-Bahn zur Arbeit fahren, so dass ein erneuter Ausfall einer Linie verhängnisvoll wäre.

Lokführer gesucht

Personalmangel hat bei der Bahn schon öfter für Engpässe gesorgt, so in Berlin und in Nordrhein-Westfalen. Im Sommer 2013 mussten Züge wochenlang den Bahnhof in Mainz meiden, weil dort wegen Urlaubszeit und Krankheit nicht genügend Personal auf dem Stellwerk war.

2800 Lokführer hat die Bahn in Hessen und Rheinland-Pfalz, bundesweit fahren etwa 16 000 Mitarbeiter die Züge. Die Tendenz ist steigend. Die Bahn hat im vergangenen Jahr nach eigenen Angaben 400 Lokführer angestellt. 1300 weitere befinden sich in Ausbildung, davon 240 in Hessen und Rheinland-Pfalz.

Die Bahn betreibt die S-Bahn im Auftrag des Rhein-Main-Verkehrsverbunds (RMV). Deren Sprecher Sven Hirschler versicherte, der Bahn „werden ausgefallene Fahrten auch nicht vergütet“. Allerdings habe der RMV keine eigenen Lokführer, könne deswegen auch nicht zur Lösung des Problems beitragen.

Winfried Staub, einer von zwei Sprechern des Landesverbands Hessen der Verbraucherorganisation Pro Bahn, wundert sich nicht über den Ausfall: „Der RMV hat mit dem Fahrplanwechsel das Angebot ausgeweitet. Jetzt werden noch mehr Lokführer benötigt.“ Sobald der Krankenstand über ein bestimmtes Maß steige, breche das System zusammen. „Es fehlt überall, auch Busfahrer fehlen.“

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