+

Weltkrieg

Das Kriegsende vor 100 Jahren: Rote Fahnen auf dem Römer und dem Hauptbahnhof

  • schließen

Sie kamen mit dem Zug. 250 bewaffnete Matrosen und Werftarbeiter brachten vor 100 Jahren die Revolution in die Stadt, bezogen Stellung im Frankfurter Hof. Zwei Tag später, am 9. November, wurde in Berlin die Republik ausgerufen.

Für Hauptmann Collischon und sein 40 Mann starkes Bereitschaftskommando vom 1. Kurhessischen Infanterie-Regiment Nr. 81 waren es nur ein paar Schritte zum Einsatzort. Die Soldaten eilten von der Gutleutkaserne zum Hauptbahnhof mit dem Auftrag, nichts Geringeres als die Revolution zu stoppen. In Frankfurt hatte sich herumgesprochen, dass an diesem Donnerstag gegen 19.30 Uhr mit dem fahrplanmäßigen Zug aus Kiel etwa 250 bewaffnete Matrosen und Werftarbeiter ankommen würden, die vier Tage zuvor beim Matrosenaufstand an der Küste mitgemacht hatten.

Collischon hatte den Befehl, mit seinen Leuten die Aufrührer zu entwaffnen und in der Gutleutkaserne zu inhaftieren. Das misslang jedoch, weil nicht nur das Bereitschaftskommando in den Hauptbahnhof gekommen war, sondern auch etwa 1000 Frankfurter auf den Bahnsteig drängten, um die Revolutionäre willkommen zu heißen. Die Bevölkerung hatte genug vom Krieg und sehnte sich nach Frieden. Als der voll besetzte Zug einlief, kam es zu einem größeren Tumult und Collischons Soldaten hatten keine Chance, die Matrosen in der Menge festzunehmen.

Friede, Freiheit, Brot

Vor 100 Jahren, am 7. November 1918, rollte die Revolution mit dem Dampfzug nach Frankfurt. Nach ihrer Ankunft marschierten die Matrosen über die Kaiserstraße in die Stadt, begleitet und umjubelt von Frankfurter Bürgern. „Friede, Freiheit, Brot“ und „Hoch die Republik, nieder mit den Hohenzollern“ forderten die Aufständischen. Mit blauen Bändern zeigten die Frankfurter ihre Solidarität mit den Revolutionären.

Am nächsten Tag schlug die große Stunde des Vizewachtmeisters Heinrich Moser. Der Sohn eines badischen Fabrikbesitzers hatte auf der Reise nach Berlin in Frankfurt Station gemacht und setzte sich spontan an die Spitze der Revolutionäre. „Auf in den Frankfurter Hof!“, rief er. Das Nobel-Hotel wurde von den Matrosen und Werftarbeitern zu ihrem Hauptquartier gemacht, Moser übernahm das Kommando. Vor dem Eingang am Kaiserplatz wurden Maschinengewehre in Stellungen gebracht, schwer bewaffnete Soldaten patrouillierten vor dem Hotel, die Eingänge wurden abgeriegelt – der Frankfurter Hof war eine Festung.

Der Rat im Hotel

In der Nacht zum 9. November konstituierte sich im Hotel der Arbeiter- und Soldatenrat und setzte einen Vollzugsauschuss als politische Exekutivgewalt der Stadt ein. Am Morgen kam Oberbürgermeister Georg Voigt (DDP) in den Frankfurter Hof und ließ sich vom Revolutionsrat im Amt bestätigen. Auf dem Römer wehte die rote Fahne, ebenso auf vielen anderen Gebäuden wie dem Polizeipräsidium und dem Hauptbahnhof.

Um die öffentliche Sicherheit und Ordnung zu gewährleisten, richtete der Arbeiter- und Soldaten-rat den Marinesicherheitsdienst ein, der von dem erst 22-jährigen Frankfurter Wilhelm Grönke geleitet wurde.

Die Novemberrevolution begann am 3. November 1918 im Kieler Hafen, wo Matrosen gegen weitere Kriegseinsätze meuterten. Als bei den Protestaktionen sieben Arbeiter und Soldaten erschossen wurden, kam die revolutionäre Bewegung im ganzen Land ins Rollen. Die Sympathie der Frankfurter für die Revolutionäre hing – wie in ganz Deutschland – eng mit der Kriegsmüdigkeit der Bevölkerung zusammen. Die damals etwa 400 000 Einwohner zählende Stadt Frankfurt hatte 10 753 Kriegstote zu beklagen; bei 109 Bombenangriffen starben 21 Menschen, 48 wurden verletzt.

Am 9. November erreichte die Revolution Berlin. An diesem kühlen, regnerischen Tag überschlugen sich die Ereignisse in der Hauptstadt. Vormittags verkündete Reichskanzler Prinz Max von Ba-den eigenmächtig die Abdankung von Kaiser Wilhelm II., nachmittags rief der sozialdemokratische Reichstagsabgeordnete Philipp Scheidemann die Republik aus. In Frankfurt kamen an diesem Tag Zehntausende zu einer Großkundgebung des Arbeiter- und Soldatenrats in den Ostpark, um das Ende des Kaiserreiches und die Proklamation der Republik zu feiern. Am 11. November 1918 war der Erste Weltkrieg offiziell zu Ende: Morgens um 5 Uhr wurde im Wald von Compiègne (Nordfrankreich) der Waffenstillstand unterzeichnet.

Günstige Tarife

Im Frankfurter Hof war auch im Krieg der Hotelbetrieb weitergegangen. Wegen der Seeblockade der Briten in der Nordsee blieben allerdings die betuchten amerikanischen Gäste aus. Das Hotel lockte daher in einer Anzeige mit dem Angebot: „Während der Kriegszeit besonders günstige Bedingungen für längeren Aufenthalt.“ Ob die Kieler Matrosen die Anzeige gelesen hatten, ist nicht bekannt.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare