Brandserie in Frankfurt

Kriminologe Christian Pfeiffer geht von mehreren Tätern aus

Erst standen Holzbauten in Flammen, dann wurden im Dezember nachts mehrere Autos angezündet. In der Bevölkerung geht die Sorge um, dass es sich um einen Serientäter handelt. Der Experte Christian Pfeiffer glaubt, dass es unterschiedliche Täter sind. Das Gespräch mit ihm führte Jörn Tüffers.

Erst haben Holzbauten gebrannt, dann Autos. Darf man von einer Brandserie und ein und demselben Täter ausgehen?

CHRISTIAN PFEIFFER: Nicht zwingend. Leider gibt es mehr Menschen, als es uns lieb ist, die sich ohnmächtig fühlen und denen es ein Gefühl der Macht verleiht, wenn sie die Puppen tanzen lassen, und die sich am Schein des Feuers ergötzen. Derjenige, der die Autos anzündet, kann ein Nachahmer sein, der sich durch die Berichterstattung in den Medien und die öffentliche Wahrnehmung vor allem nach dem Brand des Goetheturms ermutigt fühlt, seinem Drang nachzugeben. Es kann natürlich auch eine Gruppe sein, vielleicht mehrere Jugendliche.

Das erschwert die Arbeit der Ermittler, wenn sie nach zwei Tätern oder Tätergruppen suchen müssen. Wie groß ist die Chance, die Brände aufzuklären?

PFEIFFER. Sie ist nicht groß. Aber es gibt sie. In Berlin konnte vor sieben Jahren ein junger Mann festgenommen werden, der 67 Autos angezündet hatte. Er hatte kein politisches Motiv, er war lange arbeitslos und frustriert. Gefasst wurde er durch Hinweise aufmerksamer Anwohner.

Also doch Kommissar Zufall?

PFEIFFER. Nicht ganz. Die Berliner Polizei hatte die Bürger damals zu verstärkter Wachsamkeit aufgefordert – innerhalb eines Jahres hatten dort mehr als 300 Autos gebrannt. Das hatte Wunder gewirkt: Menschen sind nachts zu ihren Fenstern gegangen, ohne Licht zu machen, und haben nach etwas Verdächtigem geschaut.

Einen solchen Aufruf hat es in Frankfurt noch nicht gegeben.

PFEIFFER: Dafür wird die Polizei gute Gründe haben. So ärgerlich es für die betroffenen Autobesitzer natürlich ist – aber das Ausmaß in Frankfurt ist ja jetzt noch nicht so groß. Die Polizei wird ihre Spuren haben. Wenn die zu nichts führen, kann sie sich immer noch überlegen, die Bevölkerung um Mithilfe zu bitten. Das ist ja auch kein ganz unproblematischer Schritt: Denn damit gesteht sie ihre eigenen Ermittlungsprobleme ein. Aber nach meiner Einschätzung hilft an einem gewissen Punkt nur die Flucht nach vorn.

Kehren wir noch einmal zurück zu den ersten Bränden. Da hatten wir zuerst asiatische Bauten in Parks, dann die spektakuläre Vernichtung des Goetheturms und schließlich brennende Kindertagesstätten. Sehen Sie darin eine Steigerung?

PFEIFFER. Da ist kein Kinderhasser am Werk, wenn Sie das meinen. Das Verbindende ist die Holzbauweise. Mehr sollte man da nicht hineininterpretieren.

Aber das Risiko, dabei erwischt zu werden, eine Kita in einem Wohngebiet anzuzünden, ist doch größer, als in einem Wald einen Turm anzuzünden. Wird der Täter unvorsichtig?

PFEIFFER. Das sehe ich nicht so. Schauen Sie: Um eine Holzkonstruktion anzuzünden, bedarf es ja nicht viel, und es dauert nicht lange, bis sie Feuer fängt. Und dennoch bleibt genügend Zeit, um sich vom Tatort zu entfernen und aus gesicherter Distanz zu beobachten, wie sich die Flammen ausbreiten, die Feuerwehr kommt und gegen das Inferno kämpft.

Und bei Autos?

PFEIFFER. Da läuft es genauso. Aber ich möchte hier keine Handreichung geben. Um ein Auto in Brand zu setzen, muss man leider kein Genie sein.

Spricht nicht die Tatzeit von 3 Uhr in allen Fällen dafür, dass es ein Serientäter ist?

PFEIFFER. Das glaube ich nicht. Es ist relativ simpel: Das ist die beste Uhrzeit, um nicht entdeckt zu werden. Diejenigen, die abends ausgehen, schlafen schon, und die, die morgens früh zur Schicht müssen, sind noch nicht wach. Klar, da sind Nachtschwärmer, die noch Fernsehen schauen, oder die junge Mutter, die aufsteht, weil ihr Baby weint. Aber bei denen ist in der Regel durchs Fenster Licht zu sehen – und dann geht der Brandstifter halt eine Straße weiter. Auch ein weiterer Aspekt spricht nach meiner Erfahrung gegen ein und denselben Täter.

Woran denken Sie?

PFEIFFER. Wer ein Wahrzeichen wie den Goetheturm vernichtet hat, gibt sich nicht mit so etwas Alltäglichem wie einem Auto zufrieden. Zumal es sich ja nicht mal um Luxusfahrzeuge gehandelt hat. Nein, das trägt eine andere Handschrift. Der Effekt ist bei beiden Täterkreisen jedoch derselbe: Sie verspüren einen sinnlichen Genuss, wenn sie durch ihr kriminelles Tun ein solches Schauspiel inszenieren und nachts die Menschen aufwecken.

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