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Kröten küsst man nicht

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Von: Sabine Schramek

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Christian Haak rollt den Krötenzaun aus; Sue Watson und Nadja Kasperczyk stecken die Trasse fest. Seit 25 Jahren rettet der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) liebestolle Kröten davor, unter den Reifen der Autos auf der Oeserstraße zu enden. FOTO: Maik Reuß
Christian Haak rollt den Krötenzaun aus; Sue Watson und Nadja Kasperczyk stecken die Trasse fest. Seit 25 Jahren rettet der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) liebestolle Kröten davor, unter den Reifen der Autos auf der Oeserstraße zu enden. © Maik Reuss

BUND-Helfer retten nun seit 25 Jahren die Amphibien im Niedwald - "Waldwerk" hilft

Noch sind sie vergraben und schlafen. Bis zu 80 Zentimeter tief im Auwaldboden überwintern Erdkröten. Doch sobald die Nächte im Niedwald wärmer werden, krabbeln alle geschlechtsreifen Amphibien im Alter ab etwa vier Jahren gleichzeitig an die Oberfläche. Die Männchen bespringen Weibchen, klammern sich an ihnen fest und lassen sich zum Grill'schen Altarm und anderen Gewässern tragen, wo sie selbst vor mindestens drei Jahren als Kaulquappen mit Kiemen rund drei Monate lang zwischen Aalen, Bachforellen, Brassen, Hechten, Karpfen, Regenbogenforellen, Rotaugen, Schleien und Zandern geschwommen sind - bevor sie ihre Lungen entwickelt haben und zum Landgänger wurden.

Das Problem: Kröten sind Gewohnheitstiere. Zum Laichen wandern sie ausschließlich dorthin, wo sie einst selbst Kaulquappen gelebt haben. Im Niedwald müssen sie dafür die Oeserstraße überqueren. Für viele der Amphibien endet das tödlich.

Doch es gibt Unterstützung: Seit 25 Jahren retten sie Helfer des Bunds für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND); Unterstützung gibt's vom Verein "Waldwerk". Jetzt am Wochenende haben die Helfer wieder ihren Krötenfangzaun aufgestellt. Er versperrt den Tieren den Weg, und wenn sie sich daran entlangarbeiten, fallen sie in vergrabene Eimer.

Dort werden sie täglich zwei Mal von den Helfern herausgeholt, über die Straße getragen und wieder freigelassen.

Fast 30 Helfer sind diesmal aktiv

Kröten sind viel zu klein und viel zu langsam, um nicht beim Überqueren überrollt zu werden", sagt Naturschützer Christian Haak vom BUND, der die Kindergruppe des Ortsverbands West leitet und auch beim Verein "Waldwerk" aktiv ist. Damit die Huckepack-Kröten sicher den zumindest für die Weibchen beschwerlichen Weg zwischen dem Hotel und der Gasstation über die Straße meistern, haben Haak und fast 30 Helfer am Samstag die wadenhohen Zäune aufgebaut, sie mit Heringen befestigt und die Löcher gegraben, in die sie die Eimer stellen. Jolanda (10) und Johanna (11) wissen genau, warum. "Der Zaun ist zu hoch für die Kröten, um drüber zu springen. Sie hopsen in die Eimer oder bleiben am Zaun. Dann können sie morgens und abends eingesammelt werden und über die Straße gebracht werden. An da finden sie den sicheren Weg zu ihrem Laichgewässer", erzählen die Mädchen aufgeregt, während sie Löcher buddeln und Heringe in den leicht gefrorenen Waldboden hämmern.

So viele Kröten wie noch nie

Haak nickt und lacht, während er die Kinder und Erwachsenen beobachtet, die mit Feuereifer Rund 500 Meter Krötenzaun entrollen und befestigen. Valentin (7) schiebt stolz eine große Schubkarre voller Metallstangen zum nächsten Aufbauplatz und strahlt. "Den Kröten kann jetzt nur noch was passieren, wenn sie zufällig die Wege nehmen, die frei bleiben müssen. Aber das sind nicht viele", meint er.

Seit 1997 setzt der BUND seine Krötenzäune; in jüngerer Zeit gibt's Unterstützung vom "Waldwerk", dem Verein, der im ehemaligen Pumpwerk im Niedwald seinen Sitz hat und Menschen an die Natur heranführen möchte. "Letztes Jahr haben wir fast 1600 Krötenpaare bei der Laichwanderung eingesammelt. So viele, wie noch nie", berichtet Haak. Er hofft, dass die Zäune bald nicht mehr nötig sind. Nicht, weil die Oeserstraße für die Krötenwanderung zwischen Februar und Mai gesperrt wird, wie es den Umweltschützern eigentlich lieber wäre, sondern weil nun seit 2017 der Versuch unternommen wird, die Kröten an ein neues Laichgewässer zu gewöhnen (wir berichteten).

Dazu werden einige der eingesammelten Kröten in großen Käfigen aus Holz und Hasendraht im Lindensee nahe der Waldschulstraße ausgesetzt, der auch als Scheidloch bekannt ist. Wenn sie dort laichen, werden ihre Nachkommen immer dorthin zurückkehren - was den Weg über die Oeserstraße überflüssig macht. Gemeinsam mit dem Stadtentwässerungsamt und dem Senckenberg-Forschungsinstitut wurde der flache Tümpel dafür extra etwas vertieft.

Die ersten Kröten, die dort seitdem geschlüpft sind, werden jetzt geschlechtsreif. "In diesem Jahr werden wir sehen, ob die Kröten, die im Lindensee abgelaicht wurden, dorthin wandern", sagt Haak gespannt. "Das Projekt ist toll, auch für andere Tiere. Grasfrösche könnten sich ansiedeln, und Teichmolche haben wir dort auch schon gesehen", sagt er. "Bis alle Kröten dorthin zum Laichen wandern, wird es noch einige Jahre dauern", ist er sicher, da die Lebenserwartung der bräunlich-grünen Hüpfer, die so gut wie keine Fressfeinde haben, bis zu zwölf Jahre beträgt.

Kröten leben von Würmern, Asseln und Spinnentieren. Die Kinder stört das nicht. Sie legen Stöcke in die eingegrabenen Eimer, damit Mäuse und andere kleine Tiere, die versehentlich ebenfalls hineinfallen, leicht wieder herausklettern können. Die Kröten sind dafür zu ungeschickt. Mit dem ASufbau des Zaunes ist es nicht getan: "Jeden Morgen und jeden Abend muss jetzt kontrolliert werden. Und wenn die Wanderung beginnt, müssen die nachtaktiven Kröten über die Straße getragen werden", erklärt Christian Haak. Die Kinder sind völlig verzaubert, obwohl sie wissen. Verwunschene Froschkönige wie im Märchen sind die Kröten nicht. Ihre Haut enthält Sekrete, die Fressfeinde abschrecken. Haak hat deshalb einen guten Hinweis parat: "Kröten küsst man nicht." Sabine Schramek

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