Ein weiteres Motiv: Der prächtige König Erdogan lässt sich von seinem Volk hofieren.
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Ein weiteres Motiv: Der prächtige König Erdogan lässt sich von seinem Volk hofieren.

Fastnacht

Künstler der Motivwagen: Der Mann, der Köpfe rollen lässt

  • Thomas J. Schmidt
    VonThomas J. Schmidt
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Was wäre des Fastnacht ohne den Umzug, was wäre der Umzug ohne die Motivwagen? Jedes Jahr werden neue Köpfe aus Politik, Wirtschaft, Sport und Kultur auf die Anhänger montiert. Der Mann, der in Frankfurt dafür verantwortlich ist, ist Sven Tadic.

Zwei Hallen im Industriegebiet an der Hanauer Landstraße sind das Reich von Sven Tadic. Der Künstler ist der Herr des Frankfurter Fastnachtszuges. Bauherr, um genau zu sein. „Im November fange ich an“, berichtet der 52-Jährige. „Die Arbeit erstreckt sich über mehrere Monate.“ Jetzt, für die Kampagne 2018, nähert sie sich dem Ende. Fünf Wagen musste Tadic bauen, jetzt sitzt er am letzten.

„Es wird ein Motivwagen, in dem Frauke Petri, Alexander Gauland und Björn Höcke in den Allerwertesten tritt“, verrät Tadic. Seine Aufgabe: Die drei Köpfe zum AfD-Theater herzustellen, dann mit Dachlatten die Gestelle zimmern. In Bündeln lehnen die vier Meter langen Dachlatten an der Hallenwand. Gut 250 laufende Meter, schätzt Tadic, verbraucht er jedes Jahr. „Früher haben wir alles gehämmert. Das war eine Riesenarbeit.“ Heute geht’s schneller. Die Dachlatten werden mit Akku-Schrauber verschraubt.

Petra Roth ist schwierig

Auf den Gestellen, gewissermaßen das Knochengerüst der Figuren, wird später der Kopf montiert. „Zuerst muss ich die Figur gestalten“, verrät Tadic. Dazu nimmt er Hasendraht, eine Art Netz, das es ermöglicht, die Kontur der Figuren frei und leicht zu formen. Darauf kommt dann das gute alte Zeitungspapier, das Sven Tadic zuvor mit Kleister bestrichen hat. „Drei bis vier Lagen, das reicht meist“, verrät er. „Was dauerhaft sein soll, bekommt zum Schluss eine Lage Baumwollgewebe darüber.“ Dann fehlen nur noch die Farben.

Zwei Hallen hat der Große Rat der Frankfurter Karnevalsvereine, Tadics Arbeitgeber, in der Schielestraße gemietet. In einer ist Tadics Werkstatt mit allen Geräten, Materialien, Tischen und Farbeimern. In der anderen stehen die Wagen des Zuges. Altbekannte Motive, gegen Staub abgedeckt mit dicken Planen, stehen neben neuen, frisch lackierten Anhängern, die die Bühne sind für Tadics neue Figuren. „Manchmal mache ich fünf Wagen pro Saison, so wie jetzt, manchmal sind es mehr, bis zu acht.“

Was ist schwer, was ist leicht an der Arbeit? Tadic zuckt mit der Schulter. Neben dem Kopf Frauke Petris hängen an einem Ständer Dutzende Fotos von ihr. „Petri hat einen markanten Kopf. Gauland auch. Höcke hingegen war schwer darzustellen“, sagt Tadic. Peter Feldmann zum Beispiel sei auch gut umzusetzen – anders als seine Vorgängerin: „Petra Roth zu porträtieren ist sehr schwer.“

„Mir redet keiner rein“

Wie viele Wagen Tadic für einen Fastnachtszug bauen muss, steht am Anfang nicht immer fest. „Ich beginne, wenn die ersten Motive feststehen. Während ich daran arbeite, kommen vom Großen Rat schon weitere Vorschläge, oder aber ich kann vorschlagen, was ein Motiv oder eine Gestaltungsform wäre.“ Tadic ist mit der Zusammenarbeit, wie sie jetzt läuft, sehr zufrieden. „Ich kann hier arbeiten, wie ich will, mir redet keiner rein. Ich muss nur zum Umzug fertig werden.“

Es war nicht immer so ganz unproblematisch. Seit 25 Jahren ist Tadic schon bei den Wagenbauern, anfangs als Helfer, seit einigen Jahren als Alleinveranwortlicher. „Ich habe schon mehrere Zugmarschälle erlebt, und nicht alle ließen mir so viel Freiheit.“

Tadic arbeitet alleine. Nur manchmal, wenn er Hilfe braucht, ruft er einen Künstlerkollegen an. „Für mich als freier Künstler ist diese Auftragsarbeit beim Großen Rat ein wichtiger Teil meiner Einnahmen“, sagt er. Oft kommt er morgens mit dem Fahrrad hergeradelt, um für den nächsten Fastnachtsumzug zu arbeiten. Durch einen Schlauch bläst warme Luft in die Halle, vertreibt die Winterkälte.

Wenn die Fastnachtssaison vorbei ist, widmet Tadic sich wieder seiner Malerei. „Mein Hauptmotiv sind Pferde“, sagt er, und die Körbe voll trockenen Brotes, die in der Werkstatt stehen, verraten diese Leidenschaft. „Ich bin auch Reittrainer.“ Ein Leben für die Pferde also – und für den Frankfurter Fastnachtszug.

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