Caroline Schäfer weiß, dass einst auch in Frankfurt Wäsche in so genannten Bleichgärten gereinigt wurde. Im Schatten des Kuhhirtenturms soll es auch einen gegeben haben.
+
Caroline Schäfer weiß, dass einst auch in Frankfurt Wäsche in so genannten Bleichgärten gereinigt wurde. Im Schatten des Kuhhirtenturms soll es auch einen gegeben haben.

Sachsenhausens Geschichte

Als um den Kuhhirtenturm noch die Wäsche hing

Kulturwissenschaftlerin forscht im Frankfurter Süden zur Geschichte der Bleichgärten. Dabei fand sie auch heraus, was damals statt Waschpulver verwendet wurde - etwas, das fast jeder im Kühlschrank hat.

Saisonarbeiter, Kleiderdiebe, karikierte politische Bleichgärtner und kämpfende Wäscherinnen aus Neu-Isenburg: Wenn sich die Kulturwissenschaftlerin und Stadtteilhistorikerin Caroline Schäfer mit alltagsgeschichtlichen Themen wie den Frankfurter Bleichgärten beschäftigt, dann interessiert sie sich vor allem für die Auswirkungen auf das gesellschaftliche Leben.

Während aktuell Schlachthäuser in der Kritik stehen, mussten 1882 die Bleichgärten im Gebiet Sachsenhäuser- und Deutschherrnufer dem neuen Schlachthof weichen - die Kapazitäten im Schlachthaus in der Allerheiligenstraße reichten für wachsenden Fleischbedarf nicht mehr aus, wie Schäfer auf der Homepage von Rainer Linnemann recherchierte.

"Ich wollte nach meinem Masterabschluss an der Goethe-Uni praktische Erfahrung im Historischen Museum sammeln und arbeite dort nun an einem Ausstellungsprojekt über Frankfurter Gärten mit", sagt die 26-jährige gebürtige Baden-Badenerin, die über ein Freiwilliges Soziales Jahr in Konstanz zu ihrer Studienrichtung gefunden hat. Gemeint ist das Ausstellungsprojekt "Die Stadt und das Grün - Frankfurter Gartenlust", die vom 25. März bis 29. August 2021 zum 30. Geburtstag des Grüngürtels gezeigt werden soll.

Mit ihrem Aufsatz "Wäsche in den Grünflächen - Beobachtungen zu den historischen Bleichgärten in Frankfurt am Main" wird Caroline Schäfer ein altes Waschverfahren der Menschheit aufhellen, das vor der Erfindung moderner Waschmittel und Waschmaschinen noch bis zum Anfang des 20. Jahrhundert angewendet wurde.

"So sind Bleichwiesen zwischen Sachsenhäuser Ufer und Deutschherrnufer ab dem 18. Jahrhundert belegt", sagt Schäfer. Auch entlang der Wallanlagen ist eine größere Zahl dieser Bleichgärten anzunehmen. Erhalten ist ein Gemälde, auf der man Waschfrauen vorm Hintergrund des Kuhhirtenturms Wäsche ausbreiten sieht.

In Buttermilch

eingeweicht

Schäfer vermutet, dass es in der Nähe auch mehrere Waschhäuser aus Holz gab. Sie hat recherchiert, dass weiße Leinwäsche auf großflächigen Bleichflächen ausgebreitet und zum langsamen, intensiven Trocknen und Zusammenwirken von Sonnenlicht, Wind und Wasser immer wieder mit Wasser begossen wurde. "Genauso wie es für die heutigen Waschmittel bereits in der Antike seifenartige Vorläufer gab, so dürfte man auch zum Bleichen bereits sehr früh durch die Zugabe verschiedener Mittel nachgeholfen haben." Das Verfahren wurde allerdings auch für frisch gewebte Kleidungsstücke angewendet, wobei die Niederländer die Textilien sogar in Buttermilch einweichten.

Im Frankfurter Stadtgebiet finden sich erste Hinweise auf Bleichgärten bereits in der frühen Neuzeit. "So sind auf einem Belagerungsplan von Faber bereits im Nordosten stilisierte Hemden eingezeichnet, die auf solche Flächen hinweisen", so Schäfer. 1792 ist eine Bleiche vor dem Kuhhirtenturm belegt, 1852 eine Deutschhausbleiche.

Ab dem 17. Jahrhundert gibt es erste Hinweise auf Wäschediebstahl, wozu auch ein Eintrag in den Kriminalakten aus der Familie von Senckenberg gehört. Selbst Todesfälle sind auf den Bleichflächen verzeichnet. Da die Gärten deshalb bewacht werden mussten, forderte der Bleichgärtner Jonas Dörr, der zusätzlich als Bäcker arbeitete und sich politisch engagierte, sogar die Befreiung von der Hundesteuer , was ihm vom Rat der Stadt bewilligt wurde. "Die Bleichgärtner etablierten sich im 19. Jahrhundert als Berufsstand in der Gesellschaft. Und da ihnen in den Gärten Gegenstände von größerem Wert anvertraut waren, forderten sie eine entsprechende Gleichbehandlung", erläutert Schäfer.

Auch der Arbeitskampf der Neu-Isenburger Wäscherinnen zeugt vom Selbstbewusstsein eines Berufsstandes, während einige Bleichplätze offenbar einen Bedeutungsverlust erfahren. "Immer mehr konkurrierten die genutzten Flächen mit Bauprojekten, wozu neben dem Schlachthof in der Deutschherrnbleiche auch der ursprüngliche Standort des Bürgerhospitals am Eschenheimer Turm zählt", stellt Schäfer fest. So forderte und fordert das Wachstum Frankfurts seinen Tribut in Grünflächen: Damals waren es die Bleichgärten, heute sind es die Kleingärten, die immer wieder dem Fortschritt weichen müssen. Gernot Gottwals

Bewerben sie sich für die nächste staffel

Während des 18-monatigen Programms erforschen seit 2007 bis zu 25 geschichtsinteressierte Frankfurter pro Staffel ehrenamtlich die Stadt- und Stadtteilgeschichte. Die Stadtteil-Historiker wählen die Themen selbst. Dabei können, je nach Interesse, die Geschichten von Personen, Familien, Unternehmen oder Ereignissen behandelt werden.

Nach Ende der eineinhalbjährigen Projektlaufzeit werden die Ergebnisse der Öffentlichkeit vorgestellt: Ob in Form einer Ausstellung, eines Films, eines Buches oder einer Website entscheiden die Stadtteil-Historiker.

Die Teilnehmer werden von der Stiftung Polytechnische Gesellschaft begleitet und unterstützt. Pro Kopf wird von der Stiftung einmalig 1500 Euro für Recherche und Kosten der Präsentation zur Verfügung gestellt. Ferner werden zur fachlichen Qualifizierung zwei Werkstatt-Treffen angeboten. Medienpartner ist die "Frankfurter Neue Presse", die während der Projektlaufzeit über die Projekte berichtet.

So bewerben Sie sich

Erster Schritt: Ideenfindung & Beratung: Wenn Sie als Stadtteil-Historiker aktiv werden möchten, kontaktieren Sie die Stiftung Polytechnische Gesellschaft, die Sie gerne schon bei der Auswahl und Eingrenzung Ihres Themas und bei der Vorbereitung Ihrer Bewerbung unterstützt. Am Samstag, 15. August, findet ein allgemeiner Beratungstermin im Polytechniker-Haus statt (Untermainanlage 5, 60329 Frankfurt; Uhrzeit nach Vereinbarung mit dem Projektkoordinator).

Zweiter Schritt: Sie reichen die Bewerbung ein mit: Projektskizze (maximal zwei Seiten): Was wollen Sie in Ihrem Projekt erforschen? Wie sind Sie auf Ihr Thema gestoßen? Wie möchten Sie vorgehen? Was erwarten Sie von Ihrer Recherche? In welcher Form werden Sie die Ergebnisse präsentieren?

Darstellung der Quellenlage (maximal eine Seite), dazu ein tabellarischer Lebenslauf.

Bewerbungsschluss ist 18. August 2020. Die Website des Programms finden Sie hier: www.stadtteil-historiker.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare