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Am Mittwoch (22.03.) schließt der Frankfurter Zweitausendeins-Laden. Felix Hormel war dreieinhalb Jahre lang mit viel Herz und Leidenschaft Aushilfe.

Ein ganz persönlicher Nachruf

Das Kultgeschäft "Zweitausendeins" schließt – und das tut weh!

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Für das Team von „Zweitausendeins“ heißt es Abschied nehmen. Nach mehr als 40 Jahren öffnet der Laden am Kornmarkt heute zum letzten Mal. FNP-Mitarbeiter Felix Hormel arbeitete bis zuletzt als Aushilfe in dem Geschäft. Für ihn ist es ein Abschied mit vielen Facetten. Ein sehr persönlicher Nachruf auf die einstige Kultinstitution.

Es ist zehn Jahre her, fast auf den Tag genau, seit ich als Neuntklässler in meinem Praktikumsbericht notiert habe: „Die Filiale ist mit Feuerlöscher und Verbandskästen ausgerüstet, doch im Ernstfall besteht keine Schutzgarantie.“ Den Ernstfall, der am Ende des heutigen Tages eintritt, hatte ich dabei nicht im Sinn. Trotzdem hat der Satz aus der Feder meines 15-jährigen Ichs seine Berechtigung. Denn, Institution hin oder her, der Kultstatus schützt nicht vor den Gesetzen des freien Marktes. Und so öffnet heute der Frankfurter Zweitausendeins-Laden ein letztes Mal, bevor er für immer schließt.

Aus der Traum. Dieser endgültige Ernstfall tut weh wie die hämischen Strahlen der Sonne nach einer Nacht ohne Schlaf.

Damals, vor zehn Jahren, betrat ich das Geschäft am Kornmarkt 14 zum ersten Mal. Bis zuletzt kam mir der Schritt durch die elektrische Schiebetür vor wie die Schwelle zu einer anderen Welt. Nirgends klang „Ramsch“ so nobel wie hier. Auf CDs und Büchern stand „Statt 49 Euro, hier nur zwofuffzig“ – davon war ich rückhaltlos begeistert.

„Politisch korrekt Kohle machen“ lautete die Maxime der Zweitausendeins-Gründer Lutz Reinecke und Walter Treumann, als sie 1969 bei Tütensuppe und billigem Chianti, so will es die Legende, den Entschluss fassten, einen Versand zu starten. Sie hatten sicher nicht vor, ein sinnstiftendes Refugium für Kunden, Künstler und Autoren zu gründen und dort Generationen von Alternativlingen und Nischen-Enthusiasten für intellektuelle Revolutionen auszustatten. Aber so kam es.

Ich konnte ja auch nicht wissen, dass mein Praktikum im Frankfurter Stammgeschäft mein Leben völlig umkrempeln würde. Aber so kam es. Das Praktikum war rum, die Regale in meinem Zimmer nach nur drei Wochen um einige Kilo Kultur schwerer und ich wollte unbedingt auch weiter im Laden aushelfen. Ich bestand darauf. Zu der Zeit war mein Ansinnen jedoch aussichtslos, es herrschte Einstellungsstopp.

2012 gab die Zweitausendeins-Leitung bekannt, sich von dem kostspieligen Filialnetz trennen und fortan nur noch auf Versandhandel setzen zu wollen. Konny Künkel und Robert Egelhofer waren es, die 2013 den Schritt in die Selbständigkeit wagten und den Frankfurter Laden als Franchise-Betrieb auf eigene Faust fortführten. Es war ein mutiger Schritt, aber er war notwendig. Einen Laden wie diesen schickt man nicht einfach vor die Hunde.

2013 also klingelte mein Telefon, Ladenpapa Konny war dran. „Willst Du immer noch mitmachen?“ Und es begann meine eigene Odyssee.

Die vergangenen dreieinhalb Jahre über war ich als Aushilfe im Laden beschäftigt, und meine Kollegen und Mitstreiter im Kampf gegen das Ladensterben sind zur Familie geworden. Konny, der 1981 nach Abitur und Zivildienst erst im Lager in Fechenheim, dann im Frankfurter „Zweitausendeins“ angeheuert hatte, hat bereits vor einem Jahr seinen Hut genommen. Schon damals hat der Laden keine zwei Geschäftsführer-Gehälter mehr erwirtschaftet. Mit ihm und Heinz Hess, der seit knapp dreißig Jahren hinter der Theke im Laden gearbeitet hat, habe ich bis zuletzt lange Feierabende bei gutem Wein und besseren Gesprächen verbracht.

Es ist schon unheimlich, denke ich mir, wie sehr mich meine Jahre bei „Zweitausendeins“ geprägt haben, wie viel von dem Esprit des Ladens in der kurzen Zeit auf meine Identität abgefärbt hat. „Das ist doch gar nicht Ihre Zeit“, bekam ich im Gespräch mit Kunden häufig zu hören, „dafür sind Sie zu jung.“ Zu jung für gute Musik? Zu jung für relevante Literatur? Eine Renaissance der Inhalte ist längst überfällig. Deshalb ist man noch lang kein Ewig-Gestriger. Als Zwanzigjähriger mit Smartphone war ich der Stamm-Klientel von „Zweitausendeins“ anfangs so geheuer wie dem CSU-Wähler die „taz“. Doch die Jahre und Begegnungen bargen Raum für Dialog und aus Bekanntschaften wurden Gunst und enge Freundschaft.

Als ich vor einigen Tagen mein Hab und Gut, das sich über die Zeit im Laden angesammelt hatte, in braune Pappkartons verpackte, fühlte sich das wie Schlussmachen an. Aus den Boxen der Musikanlage floss die Musik von „Grateful Dead“ wie flüssige Seide. Mantrisch und tröstend versicherte Jerry Garcias Stimme: „We will get by“, Eintracht-Legende Dragoslav „Stepi“ Stepanovic hätte das mit „Lebbe geht weider“ übersetzt.

Ich nehme meine Grateful Dead-CD aus dem CD-Spieler und lege sie zu meinen Jazz- und Klassik-Platten, zu Bob Dylan, „Crosby Stills and Nash“ und Neil Young in meine Umzugskiste. Dann muss ich schmunzeln. 2007, dem Jahr meines Schülerpraktikums bei „Zweitausendeins“, führte DJ Ötzi mit seinem Stück „Ein Stern (… der deinen Namen trägt)“ die Deutschen Single Charts an. Über solcherlei Gedudel reichte mein Verständnis von Populärmusik seinerzeit nicht hinaus. Ich las Schullektüre wie der Lehrplan sie vorsah und hielt die simpelsten Blockbuster für gutes Kino. Daran ist nichts verwerflich. Bloß begann damals meine kulturelle Sozialisation im Zweitausendeins-Laden, dem denkbar geeignetsten Ort für derlei Entpuppung, und heute, zehn Jahre später, höre ich DJ Ötzi eben nicht mehr.

Mein letzter Arbeitstag endete wie die meisten. Ich räumte die Verkaufstische rein und die Kassen in den Tresor. Das erhöhte Podest, worauf die Ladentheke gebaut ist, knarrte vertraut auf dem Weg nach draußen. Ich drückte einen Schalter, das Licht ging aus. Der eigenartige Geruch von Nikotin und Gegenkultur wird mir fehlen.

Bei dem Gedanken, dass viele nach mir den Laden in der Frankfurter Innenstadt nur noch, wenn überhaupt, aus Erzählungen kennen werden, wird mir mulmig. Es ist ein bedenklicher Umstand, dass fortan niemand meiner Generation, geschweige denn Menschen künftiger Generationen, im Zweitausendeins-Laden mit Themen aller Art konfrontiert werden wird. Der Zeitgeist verlangt inständig nach mehr Bildungsstätten. Nicht nach weniger.

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