1. Startseite
  2. Frankfurt

Steigende Preise vergraulen die Kunden: Nerven auf dem Frankfurter Markt liegen blank

Erstellt:

Von: Holger Vonhof, Michelle Spillner

Kommentare

Die Marktbeschicker sorgen sich um die Zukunft. Ihre Kosten explodieren, während der Umsatz sinkt.

Frankfurt - Michael Kubach rührt in seiner riesigen Pilzpfanne und blickt aus seinem Verkaufswagen auf vereinzelt vorbeigehende Besucher des Marktes an der Konstablerwache. Donnerstags ist der Erzeugermarkt immer etwas weniger stark besucht als samstags. Aber jetzt, seitdem die Kosten steigen, sei es noch ruhiger. 15 bis 20 Prozent weniger Kunden schätzt Bernd Franzsander an seinem Geflügelstand ein paar Meter weiter. Es kommen weniger Kunden, sie geben weniger aus und sie sind kritischer beim Kaufen, beobachten die Händler. Gleichzeitig sind die Kosten gestiegen.

Vor allem die Spritpreise machen das Geschäft manches Marktbeschickers allmählich unrentabel. "Das kann nicht alles bei uns bleiben, wir müssen das an die Kunden weitergeben", erklärt Bauer Bernd Rück aus Schöneck in der Wetterau.

Frankfurt: Kostensteigerung für Marktbeschicker allein durch Anfahrt nach Frankfurt

Speisepilz-Spezialist Michael Kubach macht der Ukraine-Krieg mit all seinen Folgen noch mehr Sorgen als die beiden Coronajahre. "Bei Corona hat man sich gedacht: Das ist irgendwann vorbei", aber jetzt schlafe er schlechter, sagt er. Während Corona habe er weniger Gerichte zum Verspeisen an Ort und Stelle verkauft, wie den Reis mit Pilzpfanne, aber dafür mehr frische Pilze. Die Leute hätten mehr zu Hause gekocht, sagt der Pilzhändler. Sie hatten Zeit, sich über Champignons und Pfifferlinge hinaus auch mal mit den Portabellos mit dem dicken Kopf, dem Friseepila, dem Goldkäppchen und anderen Pilzspezialitäten und deren Zubereitung zu befassen. Aber jetzt merke man die Umsatzeinbußen.

Bauer Bernd Rück aus Schöneck in der Wetterau sagt, dass sie die höheren Kosten zum Teil an die Kunden weitergeben müssen.
Bauer Bernd Rück aus Schöneck in der Wetterau sagt, dass sie die höheren Kosten zum Teil an die Kunden weitergeben müssen. © Michelle Spillner

Und die Kostensteigerung merke er auch deutlich, vor allem beim Benzin. 50 Euro mehr koste ihn die Fahrt vom 120 Kilometer entfernten Rosenberg-Sindolsheim nach Frankfurt und zurück. Die Preise aber kann er nur moderat anheben, in Cent-Dimensionen, "maximal um zehn Prozent", sagt er. 100 Gramm Champignons kosten jetzt statt 90 Cent einen Euro, der Preis für 100 Gramm Shitake-Pilze ist um 20 Cent auf 2,40 Euro gestiegen. Er müsste kiloweise mehr Pilze verkaufen, um die Mehrkosten aufzufangen. Dabei verkauft er weniger. Viele Kunden kauften jetzt eher in den Discountern ein als auf Wochenmärkten.

Markt in Frankfurt: „Wenn es heißt, es gibt nur noch 20 Liter, dann haben wir ein Problem“

Die Kauflust ist gebremst. Im Moment könne sie es sich noch leisten, sagt eine Frau. Aber die Unsicherheit hinsichtlich kommender Kosten lasse sie jetzt schon sparsamer sein, erzählt sie. Und wenn man Geld ausgibt, dann will man sicher gehen, dass man dafür gute Qualität bekommt. Eine Mittvierzigerin wickelt am Obst- und Gemüsestand von Bernd Rück in aller Seelenruhe eine Rolle Grüne Soße komplett auf und überprüft fein säuberlich jedes Kräutlein auf seine Frische. Sie ist zufrieden, rollt das Päckchen wieder ein und nimmt das Bündel. "Das hätte ich ihnen vorher sagen können, dass das gute Ware ist", betont Rücks Mitarbeiter freundlich, der sie gewähren ließ.

Bernd Rück lässt sich die Laune nicht verderben: "Hier, das sind Kirschen ohne Kern. Probieren sie mal", streckt er einer Kundin eine Schale entgegen. Kirschen ohne Kern? Das geht doch gar nicht. Stimmt, da ist was drin. "Und?", fragt Rück grinsend. Genau, da sei was drin, aber kein Kern, sondern ein Stein. "Es heißt ja auch Steinobst. Man muss ja auch noch Spaß bei der Arbeit haben", sagt Rück.

Markt an der Konstablerwache in Frankfurt: Viele gehen lieber nur noch zum Discounter

Er findet es schrecklich, dass Spargelbauern ihren Spargel zum Teil wieder untergegraben haben, weil das günstiger gewesen sei, als ihn zu ernten. Ein Luxusartikel ebenso wie die Himbeeren, aber das sei schon immer Luxus gewesen. Aber es gehe uns ja noch gut: "Solange wir unsere Autotanks noch für teuer Geld volltanken können, ist es doch gut. Aber wenn es irgendwann heißt, es gibt nur noch 20 Liter für jeden, dann haben wir ein Problem", sinniert er. Dann könnte er auch nicht mehr zum Markt an der Konstablerwache kommen.

Was viele seiner Ansicht nach nicht auf dem Schirm hätten: "Das Personal wird durch die Mindestlohnsteigerung ja jetzt auch noch teurer." Wie sich das auswirken werde, werde noch interessant, sagt er. Ja, er habe schon den einen oder anderen Preis erhöht, bestätigt er, ohne ins Detail zu gehen. Viele würden es aber auch gar nicht merken.

Frankfurt: "Solange die Leute hier stehen und ihr Bier trinken haben sie auch kein Problem"

Die Vier am Stehtisch neben der Bierzapfanlage haben die Preise nicht zum Thema. "Solange die Leute hier stehen und ihr Bier trinken oder zwei oder drei, haben sie auch kein Problem,", sagt Erwin. Mit Marlies, Manfred und Karl-Heinz trifft er sich regelmäßig auf dem Markt zum Plauschen. Aber es gebe ja Menschen, die könnten sich jetzt schon keine Brötchen mehr kaufen. "Und die finden sie hier ja nicht, die kommen ja nicht her", macht er klar. Ja, es seien weniger auf dem Markt, das sei ihnen auch schon aufgefallen, und dass es insgesamt teurer wird.

"Über vier Euro für ein Brot zahlt man an mancher Stelle. Das muss man sich mal vorstellen, das sind fast zehn Mark", rechnet Marlies um. Preise habe sie schon immer verglichen und nach Sonderangeboten geschaut, nicht erst jetzt. Das dicke Ende komme erst noch, schätzt sie. "Das werden wir nächstes Frühjahr richtig merken", vermutet sie, wenn der Winter vorüber sei und die Heizkostenabrechnungen bei den Leuten reinflattern.

Frankfurt: Düstere Prognose für Markt an der Oserstraße

Auf dem Höchster Markt geht es bodenständiger zu als an der Konstablerwache; hier dominiert noch deutlich der Vertrieb vom Direkterzeuger. Deshalb ziehen die Stände auf dem Marktplatz und in der Markthalle weiterhin Kunden an - traditionell aber auch aus den finanzstarken Nachbarkreisen, dem Main-Taunus- und dem Hochtaunuskreis, immer dienstags, freitags und samstags vormittags.

Düster sieht es allerdings für den erst im vergangenen Jahr als Versuchsballon gestarteten Wochenmarkt vor der Niddakampfbahn an der Oeserstraße in Nied aus. Der vom dortigen Gewerbeverein und der SG Nied, jetzt Eintracht Frankfurt organisierte Markt blutet aus; von einstmals einem Dutzend Ständen hielten nur noch zwei oder drei durch; vereinzelt kamen Kunden sogar vergebens, weil kein Händler auf dem Platz wartete. Eine längere Baustelle, Corona und die hohen Preise werden als Gründe genannt. (Michelle Spillner und Holger Vonhof)

Experten prognostizieren dramatische Situationen während der Energiekrise in Frankfurt.

Auch interessant

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,
wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.
Die Redaktion