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Ist das Kunst oder kann das weg?

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Von: Svenja Denter

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Dieser Aufkleber der Frankfurter Ultras'97 ist an einem Laternenpfahl an der Mainzer Straße zu finden.
Dieser Aufkleber der Frankfurter Ultras'97 ist an einem Laternenpfahl an der Mainzer Straße zu finden. © Svenja Denter

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Der Eintracht-Adler auf einem Laternenpfahl im Gallus, ein „Stadt für alle“-Aufkleber auf einem Stromkasten im Westend, die Aufforderung auf einem Mülleimer am Campus Bockenheim seine Pfandflaschen daneben zu stellen. Wer in Großstädten unterwegs ist, der sieht sie tagtäglich: Sticker. Ob auf Ampeln, Automaten, Briefkästen, Schaufenstern, Schildern oder Hauswänden – die Bildchen kleben überall. Bei manchen Menschen sorgen sie für ein Lächeln, für andere sind sie eine lästige Verschmutzung, für wieder andere sind sie Ausdruck seiner selbst.

Eins ist jedenfalls sicher: Aus der Streetartszene – einer Form von Kunst im öffentlichen Raum, die seit den 2000ern auf dem Vormarsch ist – sind sie nicht mehr wegzudenken.

Wir haben uns in Frankfurt umgeschaut und Sticker mit lokalem Aspekt fotografiert. Aber was sind Sticker eigentlich? Welche Rolle spielen sie im städtischen Umfeld und warum sind sie so verbreitet?

Frau Willms, vor dem Hintergrund Ihrer gesellschaftswissenschaftlichen Perspektive, was sind Sticker eigentlich? Sind sie Kunst?

Willms: Das ist äußerst spannend. Mit der Kunstfrage habe ich mich nämlich sehr lange auseinandergesetzt. Zunächst einmal würde ich sagen, dass Streetart an sich und auch Sticker eine Form von Kommunikation sind, die aus einer Szenetätigkeit heraus erwächst. Sticker handeln Dinge aus, seien es jetzt politische Ansichten, Zugehörigkeiten zu einer Fanszene oder spezielle Forderungen. Dabei sind sie versehen mit Codes. Im Bereich des Sprayens beispielsweise wird viel mehr über Codes kommuniziert, als in anderen Streetart-Bereichen. Auf manchen kann man die Botschaften noch verstehen, auf anderen wiederum nicht. Dennoch wird eine Form von Kommunikation ausgeübt. Was man ebenfalls betrachten sollte ist, dass kleben rechtlich gesehen unproblematischer ist als sprayen. Da Sticker in den meisten Fällen den Untergrund nicht dauerhaft beschädigen und relativ leicht wieder entfernt werden können, haben wir es hier mit einer Grauzone zu tun.  

Würden Sie Sticker somit als Kunst bezeichnen?

Willms: Ob Sticker jetzt Kunst sind? Da kann und möchte ich mich nicht festlegen. Das ist ja auch eine Frage, die unsere Gesellschaft immer wieder beschäftigt: „Was wird eigentlich als Kunst anerkannt?“ Viele Motive, die sich im öffentlichen Raum finden, werden schnell als Vandalismus abgestempelt, während sie in einem Museum als teure Kunst verkauft werden. Das sollten Betrachter für sich selbst entscheiden. Oft sind Sticker Ausdruck für Individuen, die sich in einer Gesellschaft mit Dauerbeschallung äußern möchten.

Welche Rolle nehmen gerade lokale Sticker, wie solche aus Fanszenen oder Stadtteilen, im urbanen Raum ein?

Willms: Interessante Frage… Ich denke Sticker haben immer zwei Seiten. Sie sind sowohl lokal, als auch global. Denn in diesem Szenebereich gibt es ja Vernetzungen und Austausch untereinander. Auch kommunizieren Sticker selbst untereinander. Gerade im städtischen Raum finden wir solche „Stickermuseen“ wo einfach unglaublich viele Sticker aufeinander treffen – teilweise überklebt, entfernt oder ergänzt werden. Auch lassen sich manchmal richtige Kämpfe wiederfinden, zum Beispiel Reviermarkierungen unterschiedlicher Fußballfangemeinschaften oder politische Meinungsverschiedenheiten. Das hat dann weniger mit Ästhetisierung zu tun. Man möchte dabei nur  sagen: „Hey, das ist unser Bereich und ihr habt hier nichts verloren.“ Durch Sticker können teilweise ähnliche Themen behandelt werden, wie abends in der lokal beheimateten Kneipe. Das bedeutet aber nicht, dass man sich auf die gleiche Art und Weise ausdrückt – das geschieht sicher nicht, man sucht ja den erweiterten, öffentlichen Raum. Dennoch denke ich, dass das Lokale ins Globale übergeht.

Wieso glauben Sie werden im städtischen gerade so etwas wie Sticker genutzt, um Meinungen, politischen Gesinnungen oder Zugehörigkeiten auszudrücken?

Willms: Ich glaube, dass Sticker unglaublich populär geworden sind, weil sie so günstig und einfach herzustellen sind. Früher hat man noch die alten Paketaufkleber genommen. Heute kann man sich super leicht Millionen Sticker kaufen und das zum guten Preis. Da Sticker gesehen werden wollen, werden sie natürlich dort angebracht, wo sich Menschen aufhalten – an Plätzen, belebten Orten etc. Deswegen breiten sie sich in Großstädten besonders aus. Ich denke, die Menschen bringen sich so in ihre Stadt ein und zeigen ihre Zugehörigkeit zu dieser. Durch Sticker mit speziellen Aussagen entstehen dann auch letztendlich wieder neue Realitäten der Stadt. Hier gibt es immer wieder Neues zu erforschen.

Claudia Willms ist Kulturanthropologin und seit 2013 als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie an der Johann Wolfgang-Goethe Universität in Frankfurt tätig. 2010 publizierte sie zum Thema „Sprayer im White Cube“ und hat sich in ihrem breiten Spektrum an Arbeitsschwerpunkten auch der Stadtforschung sowie den Bereichen der Subkulturen und alternativen Kunstproduktionen gewidmet.

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