Ausstellung

Kunstsammlung der Frankfurter DZ-Bank zeigt Ästhetik der Zahlen

Im Art Foyer des Frankfurter Geldinstitutes drehen sich rund 50 Fotos um Ziffern und Chiffren, Maße und Formeln – eine feine Jubiläumsschau zum 25-jährigen Bestehen der Sammlung.

Was für ein faszinierendes Experiment! Der Betrachter kann es an neun quadratischen Farbfotos verfolgen. Anfangs sind nur einige blau gefärbte Weinbergschnecken auf der dunklen Erde auszumachen. Dann werden es immer mehr, die sich fast knäulen, bis sie sich zu einem blauen Quadrat formiert haben. Sprachlos staunt man über das Wunder der Natur oder die Tiere als Künstler. Aber das Ganze ist nur ein Trick des Künstlers Timm Ulrichs. Die Bildfolge ist nicht von links nach rechts und von oben nach unten zu lesen, sondern gerade umgekehrt.

Das letzte Bild zeigt also den Beginn der Aktion: Ulrichs hat die Tiere zu einem Quadrat gelegt, das sich rasch auflöst, wenn die Schnecken losziehen. Der Betrachter hat sich täuschen lassen, wohl auch mit dem Wissen, dass die Natur nach einem Ordnungsprinzip funktioniert. Viele Blumen, Blätter und Blüten sind nach dem Goldenen Schnitt oder der Fibonacci-Reihe organisiert. Ähnlich ist das in der Welt der Lebewesen, beim Gehäuse der Schnecke ebenso wie beim Ohr des Menschen.

So bestimmen Zahlen, Ziffern, Maße, Formeln, Nummern und symbolische Chiffren schon immer unser Leben, in der heutigen digitalen Welt sogar noch mehr. Wer sich an die Zahlen hält, ist Herr der Lage. „Die Zahl ist das Wesen aller Dinge“, meinte der griechische Philosoph und Mathematiker Pythagoras. Konkreter wird Christina Leber, die Leiterin der Kunstsammlung der Frankfurter DZ-Bank: „Zahlen spielen im Alltag eine große Rolle, überraschenderweise aber auch in der Kunst.“

Das Motiv der Zahlen und Maße greift die Kunstsammlung zu ihrem 25-jährigen Bestehen auf. „Die Zahl als Chiffre in der Kunst“ heißt die bis 20. Oktober laufende Jubiläumsschau mit 50 Fotos von 20 Künstlern. Sie ist Partnerprojekt der „RAY“-Fototriennale, die ebenfalls heute um 19 Uhr eröffnet wird.

Die DZ-Bank besitzt inzwischen mehr als 7700 Werke aus der Zeit nach 1960, angefertigt von knapp 800 Künstlern. Die lassen sich noch heute von den erwähnten

Naturprinzipien

inspirieren, auch von geometrischen Irritationen, von der Zahlenmystik oder vom banalen Handel mit Geld und Ware.

Die wunderbaren Sterne und Blüten des Spaniers Ignacio Uriarte etwa bestehen aus alten Linealen, Dreiecken und Winkelmessern, die heute kaum jemand mehr benutzt. Einst waren sie unentbehrlich für Baumeister, heute errechnet und zeichnet das der Computer in Sekundenbruchteilen. Blickt man hingegen in die hohe Kuppel, die Jan Dibbets von unten aufgenommen hat, wird man sogartig in die Tiefe gezogen, aber begleitet von einem leichten Schwindel.

Mit geometrischen Irritationen dieser Art spielt auch Miguel Rothschild. Seine Farbfotos von den berühmten Fensterrosetten der Pariser Kathedrale Notre-Dame enthüllen bisher unbekannte Mosaike. Die entpuppen sich aber beim Näherkommen als kleine Löcher, entstanden beim Perforieren der Fotos. Das Auge lässt sich nämlich gern täuschen: Wenn es lange genug Farben gesehen hat, scheinen auch die Löcher farbig zu sein. Einen Verdacht, dass etwas mit der alten Zahlenmystik nicht stimmen kann, erregt jedoch das am Bildrand herabgerieselte Konfetti.

Timm Rautert wiederum nimmt den Kunsthandel ins Visier. Er hat zeitgenössische Werke aus einem Auktionskatalog mit dem erzielten Preis und einem „Sold“-Stempel versehen. Rautert kritisiert, dass Kunst für viele Spekulanten nur eine Ware ist, das Anliegen des Künstlers wird zweitrangig.

Beim Thema Geld darf nicht eines der berühmtesten Werke der Sammlung fehlen, Andreas Gurskys Foto der Singapurer Börse von 1997. Es zeigt ein Gewusel von hektischen Händlern, die damals noch einen Großteil der Geschäfte abwickelten, bald aber von den schon ins Bild drängenden Computern ersetzt wurden. Doch das Foto ist ein Konzentrat, Gursky hat es aus vielen Aufnahmen und Ansichten digital montiert.

Die Digitalisierung haben schon zahllose Künstler warnend begleitet, ohne sie natürlich verhindern zu können. Bei Astrid Klein etwa rennt 1983 eine Figur auf einer Computerplatine davon, verfolgt von einer über ihr schwebenden Zahlenreihe. Ganz anders Thomas Ruff, der technisch generierte Bilder zum Ausgangspunkt seiner Arbeit macht. Von einer Raumsonde stammen etwa die Bilder vom Mars. Ruff vergrößert, dehnt und färbt sie, bis ein frappierend räumlicher Eindruck entsteht – mit 3-D-Brille wirkt das Ganze noch spektakulärer. So entsteht aus errechneten Bildern neue Kunst.

Die Zahl als Chiffre in der Kunst

DZ-Bank Kunstsammlung, Cityhaus I, Friedrich-Ebert-Anlage, Frankfurt. 24. Mai bis 20. Oktober. Di, Mi, Fr, Sa 11–19 Uhr, Do 11–20 Uhr. Telefon: (069) 74 47 42 095 , E-Mail: kunst@dzbank.de, Internet:

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