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Am Mittwoch fällt der Bauzaun: Blick vom Frankfurter Dom auf die rekonstruierten Häuserzeilen der neuen Altstadt. Llinks ist die Schirn Kunsthalle zu sehen.

Dom-Römer-Projekt

Der lange Weg zur neuen Frankfurter Altstadt

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Wenn am Mittwoch die Bauzäune auf dem Altstadt-Areal fallen, können Besucher eine Mischung aus rekonstruierten und modernen Gebäuden erleben. Als vor 17 Jahren begonnen wurde, über die Bebauung des Gebietes zwischen dem Dom und Römerberg zu diskutieren, war dieses Ergebnis alles andere als absehbar.

Frühjahr 2005. Bei der Jungen Union in ist ein junger CDU-Stadtverordneter aus Offenbach zu Gast. Dominik Mangelmann studiert zu diesem Zeitpunkt Bauingenieurwesen, beschäftigt sich intensiv mit dem Fachwerkbau. Und er stellt eine Idee vor, die in der Hochhausstadt Frankfurt erst einmal ungewöhnlich klingt: Zwischen Dom und Römerberg, wo damals noch das ungeliebte Technische Rathaus steht, könnte die im 2. Weltkrieg zerstörte Altstadt wieder aufgebaut werden. Er berichtet von Häusern, die Namen wie „Goldene Waage“ oder „Schildknecht“ trugen und an die sich kaum jemand erinnert. Niemand ahnt, welche Entwicklung er mit dem Vorschlag lostreten sollte.

Die Zeit ist günstig. In den Jahren zuvor war kontrovers über das Areal des Technischen Rathauses diskutiert worden. Schon 2001 wollte es der damalige Baudezernent Martin Wentz (SPD) abreißen und durch einen massiven Hotel-Neubau ersetzen. Diese Pläne scheiterten an CDU und Grünen. Auch die zwischenzeitlich von Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) favorisierte Totalsanierung des 70er-Jahre-Ungetüms stieß nicht auf Zustimmung. Der erste Hinweis auf eine Rekonstruktion findet sich im November 2004 in diesem Forum:

Es war der damalige Planungsdezernent Edwin Schwarz (CDU), der 2004 einen städtebaulichen Wettbewerb für das Grundstück durchsetzte. Eine Rekonstruktion historischer Gebäude hatte er nicht im Sinn. Andere wohl schon: Ein erster Hinweis findet sich bereits im November 2004 im Internetforum „Stadtbild Deutschland“ (.

Trotzdem: Ohne Schwarz, so lässt sich rückblickend sagen, gäbe es die Altstadt, wie wir sie ab Mittwoch erleben können, nicht.

Es war vermutlich das im September 2005 veröffentlichte Ergebnis des städtebaulichen Wettbewerbs, welches die Diskussion über die Rekonstruktion der Altstadt erst richtig beflügelte. Der Siegerentwurf des Büros KSP Engel und Zimmermann sah zwar eine im Vergleich zum Technischen Rathaus kleinteilige Bebauung vor, die mit dem alten Stadtgrundriss aber wenig zu tun hatte. Die von den Architekten zunächst nur als Platzhalter entworfenen modernen Fassaden wirkten zudem abschreckend. Und so wurden Mangelmanns Ideen plötzlich populär. Als er sie in einem Interview mit dieser Zeitung erstmals öffentlich vorstellte, wurden sie auch einem breiterem Publikum bekannt.

Unabhängig von Mangelmann hatte die kleine Stadtparlamentsfraktion der „Bürger für Frankfurt“ (BFF) die Altstadt-Rekonstruktion auf die politische Tagesordnung gesetzt. Sie beantragte, ein neues Quartier auf dem historischen Stadtgrundriss zu errichten und einige besonders bedeutende Leitbauten zu rekonstruieren. Ohne große Diskussion lehnte das Stadtparlament im September 2005 den Antrag ab. Doch der BFF-Stadtverordnete Wolfgang Hübner sagte damals: „Ich bin äußerst optimistisch, dass das, was wir in diesem Antrag geschrieben haben, auch Wirklichkeit wird.“ Er sollte Recht behalten. Heute kann er mit einem gewissen Stolz sagen, dass er den wohl erfolgreichsten abgelehnten Antrag in der Geschichte des Stadtparlaments gestellt hat.

Die Idee der Rekonstruktion fand immer mehr Resonanz. Eine Bürgerinitiative gründete sich, der Werbefachmann Jürgen Aha trommelte über das zusammen mit Einzelhandelsverband und Freunden Frankfurts ins Leben gerufene Altstadt-Forum unermüdlich für den Wiederaufbau untergegangener Strukturen. Gegenwind kam von Architekten, Politiker meldeten Bedenken wegen der zu erwartenden Kosten an. Das Stadtparlament richtete einen Sonderausschuss ein, im Planungswerkstätten konnten Bürger ihre Ideen einbringen.

Womöglich wären die Bemühungen um die Altstadt nicht von Erfolg gekrönt gewesen, wären 2006 nicht Kommunalwahlen gewesen. Im Wahlkampf schrieb sich die CDU ein kleinteiliges Quartier mit Rekonstruktionen auf die Fahnen. Die nach der Kommunalwahl geschmiedete schwarz-grüne Koalition griff diese Position auf und fasste im Herbst 2007 einen Grundsatzbeschluss. Es war eine günstige Zeit, die Stadtkasse war gut gefüllt, ein finanzielles Abenteuer schien tragbar zu sein.

Sieben besonders bedeutende Gebäude sollten rekonstruiert werden. Wegen des Interesses privater Investoren wurden daraus 15. Für 20 Neubauten wurde sodann eine Gestaltungssatzung erarbeitet und in einem Wettbewerb die besten Entwürfe ausgewählt. Ein Gestaltungsbeirat unter dem Vorsitz des Frankfurter Architekten Christoph Mäckler wachte über die Qualität.

Zur Realisierung des Jahrhundertprojekts gründete die Stadt eine eigene Gesellschaft. Zweiter Geschäftsführer wurde Michael Guntersdorf, der viel Erfahrung als Baumanager und Leidenschaft einbrachte. Und Geduld, wenn es darum ging, auf politische Entscheidungen zu warten. Allen Widrigkeiten zum Trotz hat er das Projekt mit kleineren Verzögerungen und manchmal auch baulichen Kompromissen zu einem guten Ende gebracht. Fast 200 Millionen Euro wird die Stadt insgesamt investiert haben. Auch wenn die Erlöse aus dem Verkauf der Wohnungen und Häuser gegengerechnet werden müssen, ist das eine stolze Summe. Wer weiß, ob sich eine Mehrheit für das Projekt gefunden hätte, wenn die Kosten schon am Anfang bekannt gewesen wären . . .

Zufrieden mit dem Ergebnis ist auch die frühere Grünen-Stadtverordneten Heike Hambrock, die als Vorsitzende des Dom-Römer-Ausschusses das Projekt in der entscheidenden Phase begleitet hat. „Die Entscheidung, auf die historischen Parzellen zu gehen, war richtig“, sagt sie. „Es war auch gut, dass wir das Unbehagen an der modernen Architektur wahrgenommen haben.“ Die Altstadt biete ein „gutes Raumgefühl“. Gelungen sei die Mischung aus Alt und Neu. „Mich beeindruckt auch die handwerkliche Qualität.“ Die modernen Entwürfe hätten ihrer Ansicht nach aber etwas mutiger sein können.

Die Stadt habe vor allem zwei Aufgaben, so Hambrock. Angesichts der Aufmerksamkeit für die neue Altstadt sollten die „richtig alten Häuser“ nicht links liegen gelassen werden. Und das Dom-Römer-Areal müsse zu einem lebendigen Quartier werden – nicht nur zu einer historischen Kulisse für Touristen.

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