+
Lars Obendorfer, der Gründer von ?Best Worscht in Town?, steht in der Filiale Schillerstraße.

Der Rote Faden, Folge 256

Lars Obendorfer - Der Worscht-Verkäufer

Vor 24 Jahren übernahm Lars Obendorfer von seinen Eltern eine Wurstbude im Grüneburgweg. Er machte daraus einen Kult-Imbiss mit beinahe internationaler Berühmtheit - "Best Worscht In Town". Ihm widmen wir die Folge 256 unserer Serie "Der Rote Faden", in der wir jede Woche Menschen vorstellen, die Besonderes für Frankfurt leisten.

Lars Obendorfer streckt die Hand zum Gruß entgegen und sagt: „Ich bin der Larsi.“ Schon während der Terminabsprache hat er seine Mails so unterzeichnet, mit dem auffälligen „I“ am Ende. Was ist das für ein Mann, der auch Fremden gegenüber auf der Verniedlichungsform seines Namens besteht? Die Antwort: Einer, der gerade dabei ist, aus Omas Wurstbude ein Wurstimperium zu machen.

Seit 1994 führt Lars Obendorfer „Best Worscht in Town“, das früher einmal „Snack Point“ hieß. Da gab es nur einen Imbiss am Grüneburgweg, mittlerweile hat das Franchise-Unternehmen 22 Filialen in Deutschland und Österreich. Gerade bereitet Obendorfer den Sprung in die Welt vor. Der selbst ernannte „Godfather of Worscht“ hat jüngst die „Master Franchise Middle East“ vergeben, eine Lizenz für bis zu 130 neue „Best Worscht“-Filialen, die ein Scheich namens Mohammed Balbaki in den nächsten fünf Jahren in Dubai, Saudi-Arabien, England und Australien eröffnen kann.

Den Anfang soll eine Zweigstelle in Jeddah im März machen, im April und Mai sollen zwei weitere in Dubai folgen. Currywurst im Orient? Das klingt kurios. Aber Mohammed Balbaki hat schon den Fisch-Imbiss „Nordsee“ nach Dubai geholt, vor drei Jahren kostete er dann Obendorfers Currywurst und war so angetan, dass er sofort nach einer Lizenz anfragte. „Ich hab das anfangs gar nicht ernst genommen, die Idee kam mir total verrückt vor“, sagt Obendorfer. Dann trifft er sich doch mit Balbaki, die beiden Männer verhandeln, ein Jahr lang dauerte es bis zur Unterschrift. Zwischenzeitlich trudelte sogar noch eine zweite Anfrage aus Dubai ein – anscheinend passt der Wüstenstaat zur deutschen Currywurst.

Ständig telefoniert der Unternehmer mit seinen arabischen Geschäftspartnern, muss juristische Feinheiten abstimmen, sich darum kümmern, dass nicht nur die Würste, sondern auch sein Ketchup den muslimischen Speiseregeln entsprechen. Und es muss ein anderer Name für den Branntweinessig in seinen Currywurst-Saucen her, damit in Dubai niemand denkt, es wäre Alkohol darin. Er passt also manches an, aber er verbiegt sich nicht. Auch den Scheich duzt er. „Mohamed meint, wir Deutschen seien alle verrückt, es hätte noch nie jemand so respektlos mit ihm gesprochen. Aber ich glaube, er steht drauf.“

Irgendwann während des Gesprächs in den Neu-Isenburger Firmenräumen schaut seine Frau Franziska herein. „Mausi!“, ruft Obendorfer und begrüßt sie mit einem Bussi, während sie sich als „die Franzi“ vorstellt. Dreizehn Jahre sind sie schon zusammen, kennengelernt hat er sie an seiner Wursttheke, wo sich die damals 18-Jährige ihr Azubi-Gehalt aufpolierte. Sie unterstützt ihn heute im Geschäft, sie hat ihm aber auch geholfen, von seiner Body-Building-Sucht loszukommen. Obendorfer konnte vom Sport nicht lassen. „Mit 18 gab es eine Phase, in der ich viel Alkohol getrunken und zugenommen habe. Da habe ich angefangen, Sport zu machen, um abzunehmen. Meine Mutter dachte, ich wäre magersüchtig, weil ich nur noch 69 Kilo wog. Dann habe ich mit dem Muskelaufbau angefangen.“ Morgens und abends geht Obendorfer trainieren, bis zu 7000 Kalorien verbrennt er am Tag. „Bei dem Umsatz konnte ich dann auch weiter meine Würste essen.“ Aber der Sport bestimmt sein Leben, sein Denken, gibt den Zeittakt seines Alltags vor.

Irgendwann bemerkt Obendorfer das, und Franziska hat ohnehin genug davon, dass ihr Mann öfter im Fitnessstudio ist als bei der Familie. Er lässt nach und nach vom Sport ab. „Es ist echt wie eine Sucht gewesen. Ich habe mich richtig schlecht gefühlt, wenn ich mal nicht zum Training gegangen bin.“

Heute macht Obendorfer Yoga, und mit seinem Sohn hat er angefangen, Tennis zu spielen. Franziska Obendorfer ist Friseurmeisterin, konzentriert sich aber auf die Erziehung der Kinder: zwei Söhne und eine Tochter, vier, zehn und zwölf Jahre alt. „Irgendwann will ich ihnen das Unternehmen übergeben“, sagt ihr Mann. „Die sind zurzeit auch ganz heiß drauf, wobei sich das noch ändern kann. Dann ist es auch okay.“

Der Vater hat da schon seine Vorstellungen: Wollten sie wirklich ins Wurstimperium einsteigen, stünde am Anfang ein Praktikum bei einem seiner Franchisenehmer. „Ich will keine verzogenen Kinder. Sie sollen Geld später mal genauso zu schätzen wissen wie ich.“

Lars Obendorfer hat ausgesorgt, aber er wurde keineswegs mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund geboren. „Ich hab schon alles gehabt in meinem Leben: Pfennige zusammenkratzen für einen Burger und für drei Mark tanken, weil ich einfach nicht mehr hatte.“ Er wächst in Sprendlingen auf, seine Mutter ist Hausfrau, sein Vater Gas-Wasser-Installateur. Die Mutter schickt ihn aufs Gymnasium. Doch Obendorfer will lieber eine Ausbildung machen und Geld verdienen. Nach der mittleren Reife sucht er händeringend nach einer Ausbildungsstelle, findet was als Chemielaborant. In der Firma ist Lars der „Suppenkasper“, unterhält den gesamten Betrieb. Daraus erwächst der nächste Schritt: Er geht als Animateur nach Ibiza in einen Urlaubsclub, arbeitet täglich 17, 18 Stunden für „viel Spaß und wenig Geld“.

Dann kommt der Anruf aus Dreieich. Seine Eltern haben vor wenigen Monaten die Wurstbude im Grüneburgweg übernommen, die lange Zeit von Obendorfers Onkel und Großmutter geführt wurde, bis beide kurz nacheinander verstarben. Nun erkannten Ärzte beim Vater eine schwere Herzkrankheit. „Meine Mutter war noch so erschüttert vom plötzlichen Tod ihres Bruders und ihrer Mutter, dass sie dachte, mein Vater würde auch bald sterben. Sie wollte die letzte Zeit mit ihm genießen.“ Die Eltern bieten Obendorfer die Wurstbude an, und der sagt zu. 24 ist er da.

„Das war ein Riesenschock. Bis dahin hatte ich nie viel Geld, und dann hat man auf einmal Fixkosten von allein 22 000 Euro. Ich hatte richtig Angst.“ Jeden Tag steht Obendorfer nun hinter der Wursttheke, unterhält die Gäste mit seiner herzlich-direkten Art, merkt sich die Vorlieben der Stammgäste, verschenkt an Regentagen Schirme und gibt Cola für alle aus. „Ich hab den Job mehr gelebt als andere. Mir ging’s nicht nur um Kohle, Kohle, Kohle, ich wollte, dass meine Kunden mit einem Lächeln gehen.“ Aus Kunden werden Freunde, und die Wurstbude wird zum Zentrum seines sozialen Lebens.

Doch bald langweilen Obendorfer die immer gleichen Würstchen. Er schnappt sich einen Sternekoch und kreiert mit ihm eine Reihe neuer Saucen, Yambalaya zum Beispiel, inspiriert von der kreolischen Küche, mit 17 Gewürzen. Die neuen „Styles“, wie er sie später nennt, machen ihm großen Spaß, aber die Eltern zweifeln. „Yambawumba, was ein Scheiß!, hat meine Mutter gesagt. Ich war so happy, als die ersten Gäste es richtig ausgesprochen haben!“

Tatsächlich finden die Kunden die neuen Geschmäcker nicht nur gut, sie fordern mehr, vor allem Schärfe. Der Do-it-yourself-Mann lässt sich aus den USA „Blair’s-Death-Sauce“ mitbringen, extrem scharfes Zeug. Seitdem bereitet er seine „Styles“ in unterschiedlichen Schärfegraden zu. Der Kult ist geboren. Die Leute stehen bis heute Schlange nach einer Currywurst. Es gilt als Mutprobe, die schärfste Variante zu verspeisen. Anfangs schüttelt Obendorfer die Gewürzsaucen noch in der Garage zusammen, heute macht das eine Firma.

Mit dem ersten „Chili-Contest“ Deutschlands, den Obendorfer im Jahr 2005 organisiert, ist es so weit: Der Frankfurter Wurstverkäufer wird zum Medienstar. Alle reißen sich um den lockeren Typen mit der auffälligen Brille, der jeden duzt und immer einen flapsigen Spruch auf den Lippen hat. „Wurstverkäufergebabbel“ nennt er das, ein wichtiger Teil seines Erfolgs. Das Fernsehen schickt ihn für seine eigene Serie „Lars goes“ um die Welt, um exotische Spezialitäten zu probieren.

Derweil wollen andere unter dem „Best Worscht“-Logo Currywurst verkaufen. „Zuerst dachte ich, das klappt nie, wenn ich nicht selbst hinter der Theke stehe. Im Grüneburgweg bin ich zur Toilette gerannt, damit die Leute mich da immer sehen.“ Obendorfer ist das Gesicht von „Best Worscht“ und Teil des Kults, trotzdem wagt er es. Sein früherer Mitarbeiter Ralf Berg eröffnet eine zweite Wurstbude im Nordwestzentrum. Inzwischen hat „Best Worscht“ 22 Filialen, 92 Mitarbeiter und macht elf Millionen Euro Umsatz im Jahr. „Und das mit Würsten!“ Manchmal könne er selbst nicht glauben, dass alles so gekommen sei, wie es nun mal gekommen ist. „Ich würde alles wieder so machen. Und ich glaube fest an Karma.“

Natürlich lief nicht immer alles glatt, er musste auch schon Filialen nach zwei Wochen wieder dichtmachen. „Bevor ich mir meinen Ruf ruinieren lasse, mache ich lieber Verluste.“ Wenn möglich, vergibt er die Läden gerne an Leute, die er gut kennt. Am liebsten an frühere Mitarbeiter. „So weiß ich genau, dass er einen guten Draht zu den Kunden hat.“ Eine Bedingung ist, dass die Chefs selbst hinter der Theke stehen und zum Gesicht der Filiale werden, so wie es Obendorfer am Grüneburgweg vorgemacht hat.

Ein Qualitätsmanager kümmert sich darum, dass alle Filialen auf dem gleichen Niveau arbeiten. Dabei ist neben Qualität und Hygiene gerade auch der Umgang mit den Kunden ein wichtiges Kriterium. „Was für mich gar nicht geht, ist Unfreundlichkeit.“

Oberndorfer sagt, er würde sein Unternehmen nie verkaufen, er wolle keine profitgetriebenen Investoren, sondern „Leute, die das leben“. Umso größer der Schritt, den er nun mit Scheich Balbaki gehen will. Er muss seine Kette, seine Marke zu großen Teilen in die Hände von anderen legen. Obendorfer glaubt dennoch an den Erfolg. Insgeheim träumt er auch von Filialen in den USA. Die würde er dann gerne persönlich leiten.

Obendorfers Vater geht es trotz Herzerkrankung noch heute gut. „Dank der intensiven Pflege meiner Mutter“, sagt der Sohn. Seine Eltern sieht er täglich, seine Mutter schaut als Seniorchefin in den Filialen nach dem Rechten. Mittlerweile ist Obendorfer so erfolgreich, dass er es sich leisten kann, gegen zwei vom Büro wieder zu Frau und Kindern zu fahren. „Dann bin ich zwar immer noch telefonisch erreichbar, aber wenigstens bin ich bei meiner Familie.“

Urlaube sind Obendorfer wichtig, um zur Ruhe zu kommen. Doch egal, wo er ist, er arbeitet jeden Tag wenigstens eine Stunde, der Laptop ist immer dabei. „Neulich, auf einer Kreuzfahrt, hatten wir Seetage ohne Internetverbindung. Da habe ich erst gemerkt, wie abhängig ich davon bin. Es hat mich wahnsinnig gemacht, nicht erreichbar zu sein!“ Trotzdem, Schreibtisch und Computer sind nicht seine liebsten Arbeitsplätze. Man kann heraushören, wie sehr ihm die Tage an der Theke fehlen. Den Draht zu seinen Kunden möchte Obendorfer nicht verlieren, Kritik geht er direkt nach. „Die Leute sind ganz baff, dass ich persönlich antworte.“ Da klingt es fast ein bisschen sehnsüchtig, wenn man ihn fragt, was er tun würde, falls das Wurstimperium pleiteginge. „In der größten Not würde ich einfach wieder einen Laden selbst machen. Da weiß ich, dass es läuft.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare