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"Ich wohne gerne hier" – Wie ist das Leben in der Neuen Altstadt in Frankfurt?

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Von: Mark-Joachim Obert

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Das Herz der Stadt soll der Hühnermarkt in der Neuen Altstadt werden. So wünschten es sich am Eröffnungstag Lokalpolitiker, Bauherrn - und gewiss auch die Bürger. Ob sie das Viertel gut zweieinhalb Jahre später in ihr Herz geschlossen haben?
Das Herz der Stadt soll der Hühnermarkt in der Neuen Altstadt werden. So wünschten es sich am Eröffnungstag Lokalpolitiker, Bauherrn - und gewiss auch die Bürger. Ob sie das Viertel gut zweieinhalb Jahre später in ihr Herz geschlossen haben? © Bernd Kammerer

Vor zehn Jahren ist der Grundstein für das Städtebauprojekt gelegt worden: Die Neue Altstadt soll das Herz der Stadt Frankfurt werden. Aber wie ergeht es den Frankfurtern mit dem neuen Viertel?

Frankfurt – Die Lebenswelten könnten gegensätzlicher nicht sein als bei Karin Reinl und Rolf Schmitz. In seiner Welt war es eng, verdreckt, es stank nach Unrat. Wer das Fenster zum Lüften öffnete, ließ die Gerüche aus den Kochtöpfen der Nachbarn in die kleine Wohnung, das Getöse auf den Gassen auch. Armut herrschte in der Altstadt in Frankfurt, in der Rolf Schmitz in den Jahren vor ihrer Zerbombung aufgewachsen war. Er hat oft davon Reportern erzählt und bei Veranstaltungen, er hat ein Buch darüber geschrieben.

Karin Reinl wohnt seit einem Jahr am selben Ort, in der Neuen Altstadt, direkt am Hühnermarkt, mitten im Leben, wie sie sagt. Neulich spielten da in der Nacht drei junge Menschen Nachlaufen; oft blickt sie aus dem Fenster auf Hochzeitsgesellschaften hinab; die berüchtigten Reisegruppen hat sie wegen Corona noch nicht gesichtet. Sie sagt es so: "Ich habe vor mir das Pittoreske und höre und sehe Großstadt - und wenn ich Ruhe möchte, muss ich in meinem modernen Haus nur das Fenster schließen." Karin Reinl, die zuvor in Sachsenhausen gewohnt hat, ist zufrieden: "Ich wohne gerne hier", sagt sie und lacht unvermittelt: "Und ich bekomme sehr viel Besuch, was mich freut. Meine Bekannten wollen sehen, wie es ist, hier zu wohnen."

Neue Altstadt in Frankfurt: Seit Beginn des Projekts herrschte Uneinigkeit

So ist das eben, wenn die Postadresse mitten in einer Attraktion liegt. Schon die Grundsteinlegung vor etwas mehr als zehn Jahren ist als lokalpolitisches Großereignis gefeiert worden - mit bundesweiter Resonanz. Rolf Schmitz, der Altstadt-Bub, wie man ihn nannte, hat sie tief bewegt. Was nur Erinnerung war, würde wieder greifbar, der Hühnermarkt, der Krönungsweg, berühmte Häuser wie die Goldene Waage. Dass am Ende nur 15 Häuser rekonstruiert wurden, 20 Häuser sich dank mittelalterlicher Grundrisse und Giebeldächern lediglich ins Bild einfügten, bedauerte er. Aber er war glücklich, und das wiederum verdankte sich seinem ganz eigenen Blick auf dieses kühne Vorhaben, über das seit Anbeginn die verschiedenen Blickweisen in Debatten münden. Man staunt oder stänkert.

Am Anfang stritten die Architekten, die Stadtplaner. Die Stadt erhalte ihr Herz zurück, wage mit dem Rückgriff auf Bewährtes einen Fortschritt, gebe für künftige Quartiersplanungen vielleicht ein gutes, weil anschauliches Beispiel. Disney-Welt, sagten die anderen, monierten Verdrängung, weil der Ort von seiner Geschichte entwurzelt sein würde. Rolf Schmitz, Sohn armer Leute, der die Bombardierung mit Glück überlebte, fand genau das gut. Seine Altstadt ohne Elend.

Neue Altstadt in Frankfurt: Es stellt sich eine Viertel-Identität ein

Drei Jahre nach ihrer Eröffnung haben sich die Gemüter beruhigt, die Worte sind nicht mehr so groß, die Geschichten, die die Neue Altstadt selbst zu schreiben beginnt, nicht mehr so erregend. Das Viertel mausert sich, Menschen zogen hin, Gastwirte eröffneten Cafés, Lokale, eine Vinothek; kleine Geschäfte sorgen für Originalität. Dass einige der geschätzten 100 Viertelbewohner sich vor Corona am touristischen Trubel störten, ist eine dieser typischen Geschichten der neueren Zeit, wie auch die Auseinandersetzung um die Gestaltungsrichtlinien, die den Wirten für die Außengastronomie einen engen Rahmen stecken - im Sinne des Gesamtbildes.

Ja, sagt Regina Fehler, Geschäftsführerin der Dom-Römer-Gesellschaft, die Fluktuation in den Wohnungen sei vergleichsweise hoch. Die Mietpreise und die Umrisse zögen auffallend häufig gut bezahlte Berufsnomaden an, die ihre Frankfurter Zeit gerne mittenmang verbrächten.

Und doch, sagt die Neu-Altstädterin Reinl, stelle sich allmählich eine Viertel-Identität ein. Sie kennt acht Nachbarn gut, man gießt die Blumen des anderen, man versorgt die Katze, man trifft sich im kleinen Innenhof des Hauses, da, wo die Schaulustigen die Privatheit achteten. Manchmal, wenn sie bei geöffnetem Fenster am Treiben auf dem Hühnermarkt teilhat, hält sie einen Plausch mit den Nachbarn, die aus den Fenstern drumherum lehnen. Natürlich, da sind sich die Einheimische und die Dom-Römer-Chefin einig, muss noch vieles wachsen.

Neue Altstadt in Frankfurt: Das Modellartige zieht Touristen an

Noch ist es zu sauber, irgendwie zu kulissenhaft. So sagte es sinngemäß Fremdenführer Christian Setzepfand kürzlich im HR-Fernsehen. Dabei ist es gerade dieses Modellartige, das Massen anzieht. Eine im Weltkrieg versehrte Stadt erfindet sich alt neu und zwingt ja auch uns Frankfurtern den touristischen Blick auf. In den sechs langen Jahren ihrer Entstehung erschienen einem die Bauzäune wie ein geschlossener Theatervorhang. Und als er sich öffnete, verlor man sich beim ersten Rundgang in den Schauwerten und fühlte sich ein wenig wie im Hessenpark und holte sich am Hühnermarkt schließlich eine dieser extrem leckeren Bratwürste, um sich dieses Experiment mit Raum und Zeit mal durch den Magen gehen zu lassen. Kurz: Man war hin- und hergerissen.

Selbst einem so erfahrenen Fachmann wie Martin Wentz geht es so. Der Mann, der einst als Stadtplanungsdezernent seinem Frankfurt manches Viertel beschert hat, zählte zu den prominenten Gegnern der Neuen Altstadt. Blickt der Kenner in ihm auf die Details, missfällt ihm nach wie vor einiges. Die Rekonstruktionen hätte er sich getreuer gewünscht, so wie in Dresden um die Frauenkirche, in Frankfurt stört ihn das willkürliche Sammelsurium. Und doch geht der Privatmann Wentz gerne durch dieses Viertel. In der Vinothek kehrt er gerne ein, den Mix der Geschäfte findet er gelungen. Die Verdichtung, die Höhe der spitzgiebeligen Häuser, die Vielfalt der Fassaden wissen der Fachmann und der Flaneur zu schätzen. Ein heimeliges Viertel? So viel Ehre will Martin Wentz der Neuen Altstadt nicht angedeihen lassen. Karin Reinl, die Altstadt-Bewohnerin, empfindet das schon anders. "Kiezgefühl", sagt sie einmal.

Dem Altstadt-Bub Rolf Schmitz waren solche Kategorien einerlei. Heimat kann man nicht bauen, hat er gesagt. Aber einmal wieder auf dem Hühnermarkt stehen - und sich erinnern, sich wundern, sich vielleicht auch enttäuscht abwenden. Rolf Schmitz hat nicht mehr erleben dürfen, was die Neue Altstadt in ihm auslöst. Zwei Jahre vor ihrer Eröffnung starb er. Er sagte mal etwas sehr Kluges: Jeder Frankfurter werde sein ganz eigenes Gefühl für dieses Viertel entwickeln. Wie überall sonst auch. So ist es, und so soll's auch sein.

Die Stadt Frankfurt versucht, neue Quartiere auf möglichst kleiner Fläche zu errichten. Die Bebauung soll dicht sein, damit viel Grün erhalten bleibt.

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