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Strahlende Kinderaugen, erleichterte Eltern, kleine und große Hilfen für den Alltag benachteiligter Kinder: So wie 2014, als LEBERECHT für die integrative Krabbelstube des Vereins Lebenshilfe Frankfurt auf Gut Hausen Bobbycars plus Strecke für über 22 000 Euro bereitstellte, soll das Ziel erreicht werden – individuelle Unterstützung ohne Gießkannenprinzip.

Leberecht-Stiftung: 70 Jahre, die große und kleine Wunder bewirkten

Die LEBERECHT-Stiftung wird 70. Was mit einer Weihnachtspäckchen-Aktion in Frankfurt begann, ist heute eine moderne Hilfsaktion für benachteiligte Kinder im Rhein-Main-Gebiet. Doch gerade zum 70. ist ein Rückblick auf die Anfänge wichtig.

Es sind nicht mehr viele Menschen, die sich aus eigener Erfahrung an die Nachkriegsjahre erinnern können. Jahre, die besonders den Kindern ein schweres Schicksal bescherten. Viele Väter waren aus dem Krieg nicht heimgekehrt oder wollten, gezeichnet von den furchtbaren Erlebnissen der Kämpfe, nicht in ihr altes Leben zurück, weil sie mit der „Normalität“ nicht mehr klarkamen. Doch auch in den Familien, die nach dem Krieg wieder vereint in die Zukunft gingen, bestimmten Armut, Hunger und notdürftiges Obdach den Alltag.

Selbst die Währungsreform, die einen kräftigen Wirtschaftsaufschwung bescherte, deckte diese Zustände höchstens zu einem Teil, ein Großteil der Familien gerade im Rhein-Main-Gebiet lebte weiter in tiefer Sorge vor der Zukunft.

Qualvolle Enge

Im Spätherbst 1949 strömten immer noch Menschen zurück in ihre Frankfurter Heimat; eine Heimat, die sich durch lange Bombennächte verändert hatte. Die kaum Platz bot für alle, in der Familien in qualvoller Enge in notdürftig eingerichteten Zimmern unterkommen mussten.

Es ist aber auch die Zeit gewesen, in der eine kleine Idee als Anfang einer großen und nun 70 Jahre andauernden Hilfe geboren wurde.

Der damalige Frankfurter Journalist und Leiter der FNP-Lokalredaktion Richard Kirn sowie die Polizeireporterin und spätere Buchautorin Madlen Lorei wollten den Kindern helfen. Denn gerade auf den Schreibtischen der Zeitung stapelten sich die Anfragen von Mütter oder Vätern, die keinen Ausweg mehr wussten. Mit dem Wenigen, was die Familien hatten, konnte der größte Hunger gestillt werden, doch den Kindern ein Stückchen Sonne zu schenken – das war nicht möglich.

Auch wenn sich die Behörden alle Mühe gaben, den vielen Familien in Not zu helfen oder dem Strandgut des Krieges, wie die Waisenkinder auch genannt wurden, ein Obdach zu geben – mehr als das täglich’ Brot war nicht möglich.

Päckchen-Aktion

Eine erste Aktion firmierte unter dem Namen „Kinder in Not“ und fand, kaum als Aufruf zur Hilfe in der „Neuen Presse“ veröffentlicht, riesigen Widerhall. Der Verlag unterstützte die Idee Kirns und Loreis, Elfriede Benfer als „gute Seele“ der Redaktion stieg mit ein. Die „Frankfurter Neue Presse“ rief am 3. Dezember 1949 zur ersten Spendenaktion auf, und die Leser verstanden den Appell, die Intention der Redakteure.

Ein kleiner Raum des Verlagshauses diente als Sammelpunkt für alle Spenden. Alle Redakteure und Mitarbeiter der „FNP“ waren dabei, packten die vielen Pakete mit Kinderkleidung, Spielzeug und Süßigkeiten. Der Inhalt richtete sich nach der Anzahl der Kinder in den Familien, die man über Sozialarbeiter, Jugendzentren und Behörden ausfindig gemacht hatte – oder eben durch die persönlichen Bittbriefe an die Redaktion.

In rund 1000 Frankfurter Wohnungen sorgte die erste LEBERECHT-Aktion für leuchtende Kinderaugen – erstmals wieder nach den vielen harten Jahren. Und in jedes Paket legten die Helfer eine Kerze, ein kleines Licht der Hoffnung. Eine Aktion war geboren, die nicht mehr zu stoppen war. Zum einen, weil die Not bis heute in vielen Familien geblieben ist, zum anderen, weil die Mitarbeiter der „FNP“ kontinuierlich sich in den Dienst der guten Sache stellen. Und von Beginn an war klar: Jeder Pfennig – heute jeder Cent – der als Spende in die Kasse von LEBERECHT fließt, geht wieder als gezielte Hilfe an Bedürftige raus. Denn wer für LEBERECHT mitarbeitet, tut dies ehrenamtlich und meist in seiner Freizeit. Denn sowohl der Verlag als auch Richard Kirn hatten von Beginn an betont: „Wer für LEBERECHT tätig ist, tut es entweder freiwillig und unentgeltlich oder während der Dienstzeit.“

Leser ziehen mit

Bereits Anfang der 60er Jahre hatte LEBERECHT einen Stammplatz im Bewusstsein der Frankfurter und der Leser der „FNP“. Als später noch das ,,Höchster Kreisblatt“, die „Taunus-Zeitung“ und die „Nassauische Neue Presse“ als Regionalausgaben zur „FNP“ kamen, weitete sich die Aktion aus.

Die LEBERECHT-Aktion, heute LEBERECHT-Stiftung, entwickelte sich zur Institution, und immer im Herbst rief die Redaktion zur Weihnachtsaktion auf. Doch klar wurde auch, dass die Helfer Gefahr liefen, Hilfsmotor der Behörden zu werden. Wo der Staat nicht helfen wollte, wurde an LEBERECHT gedacht. Doch genau dies war nicht der Grundgedanke – der Staat und das soziale Netz durften und dürfen sich nicht ihrer Verantwortung entziehen, Menschen in Not zu helfen. LENBERECHT setzt dort an, wo diese Hilfe auch gesetzlich versagt bleibt. Und hilft nur im Verbreitungsgebiet der „Frankfurter Neuen Presse“ und ihrer Regionalausgaben, denn auch heute, im reichen Rhein-Main-Gebiet, finden sich unzählige Menschen und Familien, deren Kinder nur das Nötigste zum Leben haben. Wie bitter notwendig eine solche gezielte Hilfe ist, wurde klar durch den Contergan-Skandal.

1961 wurde der Arzneimittelskandal aufgedeckt. Ein angebliches Mittel gegen Schmerzen und Übelkeit in der Schwangerschaft, von vielen Tausend werdender Mütter eingenommen, brachte unermessliches Leid in Familien. Kinder mit verkürzten Armen und Beinen kamen zur Welt. Sogar Babys, die nur aus Kopf und Rumpf bestanden, lagen in den Kliniken. Ihnen zu helfen, wurde in diesen Jahren eine zentrale Aufgabe von LEBERECHT. Denn nur zögernd boten Krankenkassen erste Hilfen an. Die Ortskrankenkassen weigerten sich lange, Heilbehandlungen zu finanzieren. Gezielte Therapien und Trainingsmethoden mussten entwickelt werden. Die LEBERECHT-Aktion handelte zu Beginn der Sechzigerjahre rasch und unbürokratisch. 19 Frankfurter Contergan-Kinder waren die ersten Schützlinge. Immer mehr folgten, verteilt auf das gesamte Verbreitungsgebiet der Zeitung. Es ging immer um den Einzelfall, um gezielte Hilfen im Alltag, Möglichkeiten für die Kinder, in kleinen Bereichen selbstständig zu werden, Schreiben zu erlernen, individuelle Therapien zu erhalten. Erstmals beteiligte sich LEBERECHT an der Entwicklung von Lern- und Spielgeräten, mit denen die behinderten Kinder umgehen konnten. Für das Leben nach der Klinik finanzierte LEBERECHT spezielle Einrichtungen.

Im November 1963 rief die Hilfsaktion erfolgreich zur 13. Sammlung auf. Und endlich hatten Eltern, deren Kinder geistig oder körperlich behindert waren, einen Ansprechpartner. LEBERECHT besorgte Spezialrollstühle, Tische und für jeden Patienten zugeschnittene Hilfsmittel für den Alltag.

Der medizinische Fortschritt und der wirtschaftliche Aufschwung gingen auch an LEBERECHT nicht spurlos vorbei. Im 17. Jahr nach der Gründung der Aktion schrieb Richard Kirn am 3. Dezember 1966: ,,Die Vollbeschäftigung brachte es mit sich, dass Armut – im eigentlichen Sinn – sehr selten wurde. Seit Dezember 1967 konzentrierte sich die Sammeltätigkeit der „Frankfurter Neuen Presse“ und ihrer Regionalausgaben auf „gezielte Aktionen“. So wurden etwa Kinder von „Boat-People-Flüchtlingen“ aus Vietnam bedacht, Familien erhielten Beihilfen, um Wohnungen umzubauen, in denen im Rollstuhl sitzende Kinder sich selbstständig bewegen konnten und keine Mühe hatten, von einem Stockwerk ins nächste zu gelangen.

Kinder in Pflegefamilien genossen dank LEBERECHT zum ersten Mal Ferien in Urlaubskolonien mit pädagogischer und ärztlicher Betreuung. Seit 1969 nimmt sich die Aktion vor allem behinderter Kindern an. Und die Ausschüttungen waren in der damaligen Zeit beträchtlich. 74 000 Mark konnte LEBERECHT 1970 ausgeben. Während der Siebzigerjahre stiegen die Sammelergebnisse. Mit 130 000 Mark überstieg der Spendeneingang 1973 erstmals deutlich die l00 000-DM-Marke.

Und zugleich kamen immer mehr Bittbriefe, die mit hohen Kosten verbunden waren. So konnte der kleinen Sybille aus Frankfurt geholfen werden, die mit einem Loch im Herzen zur Welt kam. Für einen gehbehinderten Frankfurter Jugendlichen entwickelten die Spezialisten einen Arbeitsplatz, und von LEBERECHT finanzierte Sonderbusse fuhren – etwa für IB-Werkstätten – Behinderte an ihre Arbeitsstätten.

LEBERECHT ist über die Redaktion hinausgewachsen. Unzählige Privatpersonen sind von der Idee fasziniert und helfen mit kleinen und großen Aktionen. Schulklassen, Religionsgemeinschaften, Privatleute, Vereine, Firmen und Sportclubs sind immer häufiger mit im Boot, um durch eigene Aktionen die LEBERECHT-Idee zu unterstützen. Nur ein Beispiel: Der bekannte Geiger Karl Reinhold hatte sich Mitte der 70er Jahre angeboten, einen Monat lang am Gerechtigkeitsbrunnen auf dem Frankfurter Römerberg zu spielen und seine gesamten Einnahmen der Aktion zu geben. Und sofort waren 20 Kinder der Singgemeinschaft Schwanheim dabei: Ihre Konzerte zogen Hunderte von Spendern an.

Am 11. Dezember 1982 stand Frankfurts Prominenz aus dem künstlerischen, modischen, handwerklichen und politischen Lager erstmals auf der Frankfurter Freßgass', um für LEBERECHT die Spendenbüchse zu halten. Schauspieler, Rundfunkleute und Modeschöpfer, Politiker, bunte Vögel, Redakteure und Privatleute sammelten für die gute Idee: 221 508 D-Mark landeten in der Kasse, mit weiteren Spenden waren es am Ende 285 000 Mark. All das kam nicht von ungefähr. Denn immer waren es Prominente, die sich in den Dienst der Hilfe stellten.

Doch LEBERECHT hat auch die Lokalredaktionen längst in ihren Bann gezogen. Die Redakteure ziehen mit am großen Strang und haben mit eigenen Ideen Akzente der Hilfe gesetzt. Die Adventskonzerte der „Nassauischen Neuen Presse“ etwa. Bekannt ist natürlich der starke Auftritt vom Team des „Höchster Kreisblattes“. 1986 entstand die Idee der SG Hoechst Classique, ein Team aus ehemaligen Spielern der Oberliga, das alle Einnahmen aus seinen Spielen und kulturellen Veranstaltungen der LEBERECHT-Stiftung zur Verfügung stellt. Aber auch der HK-Kreisstadtlauf bringt dank der leidenschaftlichen Teamarbeit der Redakteure viel Geld ein. Die „Taunus Zeitung“ hat das Taunus-Familienfest aus der Taufe gehoben.

Zentrum vieler Aktionen bleibt natürlich Frankfurt selbst. Hier ist auf jeden Fall das erste bundesdeutsche Haute-Couture-Open-Air-Festival namens „Mode made in Frankfurt“ zu nennen, das 1984 erstmals stattfand. Heute lockt die Charity-Gala „Kleider machen Leute“ als Fixpunkt im Modekalender Gäste an. Am 28. Oktober 1988 wurde aus der LEBERECHT-Aktion die LEBERECHT-Stiftung. Alle Mitglieder üben ihre Tätigkeit ehrenamtlich aus. Über die Vergabe der gesammelten Gelder entscheidet ein Beirat, der die eingegangenen Anträge prüft.

Alle Artikel zum Leberecht-Jubiläum finden Sie in unserem E-Paper (Ausgabe vom 16. März 2019)

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