Montagsinterview

Lehrer-Ausbilder Frank Borsch: „Inklusion ist nicht verhandelbar“

Wie kann Inklusion funktionieren? Das versucht Frank Borsch von der Goethe-Universität in seinem Buch „Alle lernen gemeinsam!“ zu erklären. Unsere Redakteurin Julia Lorenz hat mit dem 52-Jährigen über fehlende Ressourcen, den richtigen Unterricht und seine eigenen Erfahrungen gesprochen.

Frank Borsch ist ein leidenschaftlicher Befürworter der Inklusion.

Herr Borsch, Sie haben das Buch „Alle lernen gemeinsam“ geschrieben. Darin erklären Sie, wie Inklusion funktionieren kann. Wie kam es dazu?FRANK BORSCH: Ich beschäftige mich schon lange mit dem Thema Inklusion. In dem Buch habe ich auch einleitend erwähnt, dass ich mich im Grunde schon seit 30 Jahren damit auseinandersetze. Ich selbst habe in einem integrativen Kindergarten Zivildienst gemacht und meine beide Töchter haben integrative Schulen besucht. Jetzt stelle ich mir natürlich auch aus wissenschaftlicher Sicht die Frage, wie ein guter inklusiver Unterricht aussehen muss.

Und der sieht wie aus?

BORSCH: Ein guter inklusiver Unterricht ist, um es salopp zu formulieren, einfach guter Unterricht.

Wie meinen Sie das?

BORSCH: Im Zuge der Inklusion wurde oft davon gesprochen, dass offene Unterrichtsangebote günstig sind. Aber die empirische Bildungsforschung hat erkannt, dass gerade für die Kinder mit Lernschwierigkeiten eher ein strukturierter Unterricht zu einer hohen Lerneffektivität führt und überhaupt ist man in letzter Zeit davon abgekommen zu überlegen, welche Methode die richtige ist. Man sollte eher auf die Tiefenstrukturen des Unterrichts achten.

Das bedeutet?

BORSCH: Wie werden die Schüler kognitiv herausgefordert? Wie werden sie von den Lehrern konstruktiv im Lernprozess unterstützt? Und wie wird auch die Klassenführung von den Lehrern gestaltet? Das sind alles wichtige Aspekte, die auch für den inklusiven Unterricht gelten. Hier kommt dann aber noch viel stärker zum Tragen, dass Unterricht adaptiv gestaltet werden muss und eine Differenzierung stattfinden muss.

Warum?

BORSCH: Wir haben es bei der Inklusion mit sehr leistungsheterogenen Gruppen zu tun. Da geht es nicht, dass der Lehrer vor der Klasse steht und sich an dem mittleren Niveau der Schüler orientiert in der Hoffnung, dass die leistungsschwächeren Kinder da auch mitkommen und sich die Leistungsstarken nicht langweilen. Nein. In einem inklusiven Unterricht muss anders vorgegangen werden. Man muss die Lernausgangslage der Schülerinnen und Schüler erfassen und unterschiedliche Angebote machen. Differenzierung und Adaptierung der Unterrichtsgestaltung sind die zentralen Schlagworte.

Das heißt, man muss vom Frontalunterricht wegkommen?

BORSCH: Ich möchte den „Frontalunterricht“, also die direkte Instruktion durch die Lehrperson, gar nicht an den Pranger stellen. Man muss aber auf die Unterschiedlichkeit der Kinder eingehen. Mit schülerzentrierten Lernformen gelingt das oft besser. Für Schüler mit Lernschwierigkeiten, ich habe es vorhin schon erwähnt, kann es eben sinnvoller sein, wenn der Lehrer direkt anleitet, erklärt und als Vorbild zur Verfügung steht. Kinder, die sowieso gut zurechtkommen, können eher in einem offenen, problemorientierten Unterricht arbeiten. Aber wie gesagt: Der Unterricht muss jeweils an die unterschiedlichen Lernvoraussetzungen der Schüler angepasst sein. Von daher verbietet es sich, einen Unterricht für alle zu machen. Es muss für alle Schüler, je nach ihren Voraussetzungen, das richtige Angebot gefunden werden.

Sind denn die Lehrer an den Regelschulen schon so weit, um inklusiv zu arbeiten?

BORSCH: Die Schullandschaft ist sehr heterogen. In Frankfurt gibt es gute Beispiele, wo die Inklusion schon jetzt funktioniert, etwa an der Römerstadtschule, die für ihr inklusives Konzept auch schon den Deutschen Schulpreis gewonnen hat. Da gibt es Lehrpersonen, die über viele Jahre hinweg ein inklusives Konzept entwickelt haben. Natürlich haben die auch davon profitiert, wenn jüngere Kollegen hinzukamen. Aber letztlich müssen sich alle auf den Weg machen und benötigen dabei die Unterstützung durch die Schulleitung und die Bildungsadministration. Das Engagement hängt stark von der eigenen Überzeugung zum inklusiven Unterricht ab. Wenn man sieht, wie Inklusion funktionieren kann, beispielsweise an der Römerstadtschule, kann das die eigene Überzeugung stärken.

Sie selbst sind ein Befürworter der Inklusion?

BORSCH: Auf jeden Fall. Ich war an den Schulen meiner Töchter Elternvertreter. Von daher kenne ich die Inklusion von verschiedenen Seiten. Es gibt so viele schöne Momente, die ich da schon erlebt habe, wenn beispielsweise die Kinder gemeinsam, also behinderte und nichtbehinderte, mit und ohne Migrationshintergrund, Mädchen und Jungen, Theaterstücke entwickelt und aufgeführt haben. Das war immer schön mitanzusehen, wenn etwa Kinder, die mit Sprachschwierigkeiten eingeschult wurden, auf der Bühne stehen und sich präsentieren oder wenn Kinder im Rollstuhl ganz selbstverständlich auf der Bühne mittanzen. Davon abgesehen sind meine Töchter gerne und mit großem Erfolg in die Schule gegangen.

Gibt es noch mehr Gründe?

BORSCH: Ich pflege seit Jahrzehnten Freundschaften zu behinderten Menschen und unterstütze sie dabei, am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können. Aber auch aus wissenschaftlicher Perspektive kann ich das gemeinsame Lernen nur befürworten. Studienergebnisse deuten darauf hin, dass Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf im inklusiven Unterricht beim Lernen nicht benachteiligt werden, sondern im Gegenteil davon profitieren können.

Wie bewerten Sie denn die heutige Inklusion an den Schulen?

BORSCH: Die Rahmenbedingungen sind an vielen Schulen nicht günstig. Wir wissen, es fehlen Lehrerinnen und Lehrer, gerade an den Grundschulen. Inklusion ist aber nur dann möglich, wenn ausreichend Ressourcen zur Verfügung stehen und nicht eine Lehrperson allein für eine Klasse verantwortlich ist.

Wo liegen denn die Schwierigkeiten derzeit?

BORSCH: Ich denke, eine Schwierigkeit liegt darin, dass wir im Moment zweigleisig fahren. Wir haben auf der einen Seite Schulen, die inklusiv arbeiten. Auf der anderen Seite gibt es aber noch das Förderschulsystem. Meiner Meinung nach muss man davon Abstand nehmen. Erst dann kann die Inklusion auch richtig umgesetzt werden. Das heißt im Umkehrschluss allerdings nicht, dass ausreichende Ressourcen und gute Rahmenbedingungen auch gleichbedeutend sind mit gutem inklusiven Unterricht. In meinem Buch habe ich die Rahmenbedingungen ganz außen vorgelassen und mich auf die inklusive Unterrichtsgestaltung konzentriert.

Es gibt aber auch Eltern, die nicht wollen, dass ihre Kinder mit Förderbedarf eine Regelschule besuchen, weil sie Angst haben, dass dort nicht auf ihre Bedürfnisse eingegangen wird. Wie sehen Sie das denn, können alle Kinder, egal ob sie eine geistige oder eine Lernbehinderung haben, inklusiv beschult werden?

BORSCH: Vor 30 Jahren wurden die ersten integrativen Kindergärten gegründet. Es folgten integrativen Grundschulen. Schon damals diskutierte man die Grenzen der Integration.

Der Tenor lautete?

BORSCH: Mit blinden und tauben, aber auch körperbehinderten Kindern in der Regelschule konnten sich die Pädagogen arrangieren. Aber Kinder mit Down-Syndrom? Mit einer geistigen Behinderung? Da waren nicht nur manche Eltern, sondern auch die Pädagogen skeptisch. Heute jedoch sieht man, dass Menschen mit Down-Syndrom ein Studium oder eine Ausbildung absolvieren. Auch heute noch sind manche Pädagogen und Eltern skeptisch, ob Inklusion gelingen kann.

Aber was raten Sie in solch einer Situation?

BORSCH: Aus Erfahrungen lernen und wissenschaftliche Erkenntnisse zur Kenntnis nehmen. Früher hat man sich in Sonderschulen beispielsweise gar nicht erst die Mühe gemacht, geistig Behinderte im Lesen zu unterrichten. In inklusiven Klassen kann man heute erleben, wie die Kinder gemeinsam Lesen lernen und die behinderten von den nichtbehinderten Kindern profitieren. Inklusion bedeutet aber nicht unbedingt, dass alle Kinder zu einem Zeitpunkt den gleichen Stoff in einem Raum lernen. Inklusion kann ja auch ganz unterschiedliche Lernangebote bedeuten. Von daher denke ich, sollten wir uns nicht so viele Gedanken über die Grenzen der Inklusion machen, sondern mehr um die Möglichkeiten.

Wir haben jetzt viel über die förderbedürftigen Kinder gesprochen, aber es gibt eben auch viele Eltern, die Angst haben, dass ihre Kinder ohne Handicap im Unterricht nicht mehr auf ihre Kosten kommen.

BORSCH: Die Ängste und Sorgen muss man ernst nehmen. Aber es hat sich gezeigt, dass mit der Nähe der Inklusion auch das Verständnis der Eltern, die damit vorher nichts zu tun hatten, wächst. Empirische Forschungsergebnisse zeigen zudem, dass die Kinder ohne Handicap keine Nachteile beim Lernen durch die Inklusion erfahren. Ganz im Gegenteil, denn auch sie profitieren von einem adaptiven und differenzierten Unterrichtsangebot. Wichtig ist zu erkennen, dass die Kinder voneinander lernen. Gerade wenn Kinder anderen etwas erklären, lernen sie dabei auch selbst.

Seitens der Lehrer gibt es immer wieder Klagen, sie bekommen ständig mehr Aufgaben: Integration, Inklusion, Dokumentation. Aber mehr Zeit bekommen sie ja nicht. Was geben Sie Lehrern denn für einen Rat, wie sie mit der neuen Situation umgehen können?

BORSCH: Es gibt viele Schulen, die inklusiv arbeiten und wo die Lehrpersonen richtig viel Zeit und Energie investieren – und dennoch sehr zufrieden sind. Das bestätigen auch wissenschaftliche Untersuchungen. Aber da gibt es Grenzen. Sie müssen natürlich auch die notwendige Unterstützung bekommen. Das fängt schon in der Ausbildung an. Sie müssen auf den inklusiven Unterricht vorbereitet werden. Es geht natürlich auch um Ressourcen. Ich würde mir wünschen, dass in die Inklusion mehr investiert wird. Auch zum Wohle unserer nachfolgenden Generationen.

Momentan fehlt es aber an den Ressourcen.

BORSCH: Trotzdem darf man nicht müde werden, daran zu appellieren, dass die schulische Inklusion eine wichtige Sache und nicht verhandelbar ist. Inklusion ist schließlich Menschenrecht.

Kann man denn jetzt schon sagen, welche Auswirkungen Inklusion auf die Kinder langfristig hat?

BORSCH: Wir können noch keine wirklich belastbaren langfristigen wissenschaftlichen Ergebnisse vorweisen. Dafür gibt es die Inklusion, so wie wir sie uns wünschen, noch nicht lange genug. Aber der Anteil der Schülerinnen und Schüler mit Förderbedarf, die einen Schulabschluss erwerben, ist höher, wenn sie eine inklusive Regelschule besuchen, als wenn sie die Förderschule besuchen. Ansonsten kann ich von meiner persönlichen Erfahrungen berichten.

Gerne.

BORSCH: Wie gesagt: Ich habe vor 30 Jahren selbst Zivildienst in einem integrativen Kindergarten gemacht. Mit einigen von den heute jungen Erwachsenen mit und ohne Behinderung habe ich immer noch Kontakt. Deshalb kann ich sagen, für sie ist der Umgang miteinander überhaupt keine Frage. Einige mit Behinderung haben einen Weg in den Arbeitsmarkt gefunden. Für Kinder, die weder einen inklusiven Kindergarten noch eine inklusive Schule besucht haben, ist das nicht so selbstverständlich. Aber daran arbeiten wir. Und das ist gut so. Mir ist aber auch klar, dass es noch ein langer Weg bis zu einer wirklich inklusiven Gesellschaft ist.

Rubriklistenbild: © Michael Faust

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