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Er übt auch fundamental Kritik am Krankenhaussystem: Dr. Peter-Friedrich Petersen, Leiter der Notaufnahme im städtischen Klinikum Höchst. Zu viele Controller gebe es, zu wenig medizinisches Personal.

Montagsinterview

Was der Leiter der Notaufnahme von einer Gebühr für keine "echten Notfälle" hält

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Wer kein echter Notfall ist und sich trotzdem in der Notaufnahme einer Klinik vorstellt, soll nach Überzeugung der Kassenärztlichen Vereinigung eine Kontaktgebühr zahlen. Was er davon hält sagt der Leiter der Notaufnahme im Klinikum Höchst, Dr. Peter-Friedrich Petersen, im Interview mit Stefanie Liedtke.

Herr Dr. Petersen, Sie lehnen die von der Kassenärztlichen Vereinigung geforderte Kontaktgebühr strikt ab. Warum ?

PETER-FRIEDRICH PETERSEN: Aus mehreren Gründen: Zum einen ist diese Pauschale unsozial. Sie trifft ausgerechnet die alte Oma am härtesten, die sowieso nicht zur Last fallen will, die nicht zum Amt geht, um Stütze zu beantragen, obwohl das Geld hinten und vorne nicht reicht. Zum anderen ist es auch aus medizinischer Sicht nicht richtig, die Behandlung von einer finanziellen Leistung abhängig zu machen. Im Notfall müssen wir zu allererst einmal helfen. Danach können wir uns über das Finanzielle Gedanken machen. Und schließlich wäre eine Kopfpauschale bürokratischer Irrsinn.

Weshalb?

PETERSEN: Weil sie unpraktikabel ist. In den Praxen hat die Kassenärztliche Vereinigung die Praxisgebühr abgeschafft, weil die niedergelassenen Kollegen zurecht Sturm dagegen gelaufen sind. Jetzt soll das dort gescheiterte Modell in die Notaufnahmen übertragen werden? Das ist Quatsch.

Könnte so eine Kopfpauschale nicht dazu beitragen, dass es sich der nur leicht erkrankte Patient zweimal überlegt, ob er nicht doch lieber zum Hausarzt geht?

PETERSEN: Nein. Es funktioniert nicht, Patientenströme über solche Gebühren zu lenken. Die Menschen kommen trotzdem. Zusätzlich bekämen wir Diskussionen von dem Kaliber: „Ich habe schließlich extra bezahlt, jetzt will ich auch schnell behandelt werden.“ Ich glaube, dass uns das nicht wirklich weiterhilft.

Was würde denn weiterhelfen?

PETERSEN: Das Modell, das wir hier in Höchst praktizieren zum Beispiel.

Sie meinen die enge Zusammenarbeit mit dem Ärztlichen Bereitschaftsdienst, im Zuge derer Sie schon bei der Anmeldung unterscheiden zwischen Patienten, die besser beim Ärztlichen Bereitschaftsdienst aufgehoben sind und echten Notfallpatienten?

PETERSEN: Ja. Wir testen das Modell in Höchst gemeinsam mit der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen seit einem guten Jahr und haben damit sehr gute Erfahrungen gemacht.

Inwiefern?

PETERSEN: Wir haben sofort eine Entlastung gespürt. Etwa 30 Prozent der ambulanten Patienten werden jetzt direkt an die Kollegen des ärztlichen Bereitschaftsdienstes weitergeleitet. Dafür behandeln wir deutlich mehr vorstationäre Patienten, also Patienten, die zwar nicht stationär aufgenommen werden, die aber zur Behandlung das Krankenhaus benötigen, weil sie beispielsweise eine große Wunde haben, die wir versorgen müssen.

Das heißt, für Sie ist das eine gute Lösung?

PETERSEN: Das ist eine sehr gute Lösung, weil wir Patienten nicht mehr behandeln müssen, die im Krankenhaus eigentlich nichts verloren haben. Dieser typische Husten-Schnupfen-Heiserkeit-Patient, der Patient, der seit drei Wochen Rückenschmerzen hat, und und und . . . Diese Patienten sind jetzt in der Praxis des Ärztlichen Bereitschaftsdienstes gut aufgehoben. Für sie selbst ist das auch besser, weil das ja die Patienten sind, die in der Vergangenheit immer besonders lange gewartet haben, manchmal fünf, sechs Stunden, da gab es extrem viel Diskussionsbedarf, viel Krawall.

Das heißt, die Wartezeit in Ihrer Notaufnahme hat sich deutlich verkürzt?

PETERSEN: Wir haben das nicht gemessen, aber gefühlt ja. Schwerstkranke mussten natürlich noch nie warten. Problematisch war aber, dass unter der Masse der nicht schwer Erkrankten der ein oder andere schwer Erkrankte unterzugehen drohte. Gerade diese Patienten können wir jetzt besser identifizieren und ohne lange Wartezeiten versorgen. Wir trennen sie ja gleich am Anfang.

Wie funktioniert das?

PETERSEN: Wir lotsen den Patienten in die für ihn passende Versorgungsebene. Bei der Anmeldung am gemeinsamen Tresen prüfen wir anhand einer Checkliste, ob ein Patient dem Ärztlichen Bereitschaftsdienst vorgestellt wird oder ob er doch so krank ist, dass er die Notfallversorgung des Krankenhauses benötigt.

Funktioniert das?

PETERSEN: Das funktioniert sehr gut. Wir liegen bei weit mehr als 90 Prozent richtigen Einschätzungen.

Ihr Alltag ist jetzt also weniger stressig?

PETERSEN (lacht): Nein! Weniger Arbeit wird es trotzdem nicht.

Das Modell greift nur, wenn die „normalen“ Arztpraxen geschlossen sind, also nachts und am Wochenende. Wie sieht es während der übrigen Zeit aus?

PETERSEN: Auch da gibt es sinnvollere Lösungen als diese Strafgebühr, zum Beispiel die Liste mit Partnerpraxen, welche die Kassenärztliche Vereinigung herausgibt.

Was hat es damit auf sich?

PETERSEN: Das ist eine Liste von Praxen, zu denen wir diejenigen Patienten schicken können, die aufgrund ihrer gesundheitlichen Beschwerden eher ein Fall für die Haus- oder Facharztpraxis sind, mit dem Hinweis: „Hier kommst du heute noch dran.“ Viele wollen genau das. So können wir viele Patienten während der normalen Praxiszeiten richtig lotsen.

"Bürokratischer Irrsinn": Dr. Peter-Friedrich Petersen im Gespräch mit Redakteurin Stefanie Liedtke.

Kommen wir noch mal auf die Kopfpauschalen zurück. Diese sollen die Notaufnahmen ja auch finanziell entlasten. . .

PETERSEN: Finanziell entlastet wird da keiner. Das ist genau wie bei der ehemaligen Praxisgebühr. Die Gelder, die wir mehr einnehmen, gehen für Verwaltung wieder drauf. Und wenn jemand nicht sofort zahlt, müssen Sie das Geld hinterher noch eintreiben.

Wie ist das mit dem Ärztlichen Bereitschaftsdienst? Da müssten Sie doch eine finanzielle Entlastung spüren.

PETERSEN: Die Vorteile sind weniger finanzieller, als vielmehr medizinischer und organisatorischer Art. Wirtschaftlich verschiebt sich da nicht viel. Wir haben etwa gleich viele stationäre Aufnahmen, wir haben etwas mehr vorstationäre Patienten, dafür weniger ambulante. Wirtschaftlich ist das unterm Strich etwa das Gleiche.

Ließe sich das Modell auch auf andere Kliniken übertragen?

PETERSEN: Größere Kliniken in Ballungsgebieten könnten das sicher kopieren. Wir haben hier schon sehr viele Besucher, die sich über das Modell informieren und uns zu unseren Erfahrungen befragen. Ich habe das System schon in Berlin vorgestellt, ich werde es demnächst in Köln vorstellen. Das ist eine Erfolgsgeschichte. Punkt.

Nichtsdestotrotz ist es so, dass der Patient, der mit einem gebrochenen Arm zu Ihnen kommt, bei Ihnen unter Umständen lange warten muss, weil er aus Ihrer Sicht nicht schwer krank ist. Für den Patienten selbst ist der gebrochene Arm aber ein Riesendrama.

PETERSEN: So ganz kommen wir davon nicht weg. Wenn, wie beispielsweise heute Morgen, zwei beatmete Patienten gleichzeitig kommen, sind die Kolleginnen und Kollegen erstmal mit diesen beiden Patienten beschäftigt. Dann müssen alle anderen warten. Wenn ich merke, draußen sitzen sehr viele Menschen und wir haben jetzt zwei, drei Schwerstkranke hintereinander gehabt, gehe ich schon mal raus, erkläre das und sage, dass es mir für alle Wartenden fürchterlich leid tut. In der Regel haben die Leute auch Verständnis dafür.

Es gibt auch Patienten, die das nicht verstehen. Wieso kann man eine Notaufnahme nicht besser organisieren?

PETERSEN: Alles ist möglich, aber man muss es auch bezahlen. Es ist ein Grundproblem in unserem Land, dass wir eine zutiefst soziale Tätigkeit zu betriebswirtschaftlich abbilden. Das ist eine politische Entscheidung. Ich weiß nicht, ob man das Rad noch mal zurückdrehen kann. Wenn ich es könnte, würde ich es tun. Wir verpulvern viel zu viel Arbeitskraft für die Abrechnung und für die Kontrolle dieser Abrechnung. Schauen Sie sich doch an, was in den vergangenen 20 Jahren im Krankenhaus an Personal aufgebaut wurde, das sich nur mit Controlling beschäftigen muss. Davon wird kein Patient gesund. Auch bei den Krankenkassen sind Riesenabteilungen gebildet worden, die uns Mediziner kontrollieren.

Arzt mit Syndrom: Seit sieben Jahren leitet Peter-Friedrich Petersen (55) die Notaufnahme des städtischen Klinikums in Höchst. Gemeinsam mit seiner Frau lebt der Vater dreier erwachsener Kinder in Wiesbaden. Von sich selbst sagt er: „Ich spiele für mein Leben gern Golf, und ich wandere für mein Leben gern.“ Im August ist noch ein weiteres Hobby hinzugekommen. Da ist Petersen zum ersten Mal Opa geworden. Er liebt Rockmusik, engagiert sich in seiner Freizeit beim Kelkheimer Rotary-Club, der sich vor allem für Kinder und ältere Menschen stark macht. „Ich habe ein Helfersyndrom“, sagt Petersen.

Aber ist es nicht wichtig, dass die Qualität medizinischer Leistungen überprüft wird?

PETERSEN: Ich habe nichts gegen eine Qualitätssicherung. Nur: Von Qualitätssicherung und Kostenmanagement wird kein Patient geheilt. Ich brauche eine Person in Weiß am Bett. Aber die Menschen, die am Patienten arbeiten, werden immer weniger. Gleichzeitig müssen sie immer mehr dokumentieren. Es kommt jedoch kein Patient ins Krankenhaus, um sich verwalten zu lassen. Er kommt, um Hilfe zu erhalten. Und die bekommt er am besten im direkten menschlichen Kontakt. Das fehlt mir. Unterm Strich ist mir die Verwaltung der Medizin viel zu ausufernd. Seit ich 1991 mein Examen gemacht habe, kommt jedes Jahr was dazu. Jedes Jahr.

Wie sehen Sie Frankfurt aufgestellt in Sachen Notfallversorgung?

PETERSEN: Wir haben hier in Frankfurt schon eine ziemliche Luxussituation. Wir haben zwei große Maximalversorger: die Uniklinik und uns, zusätzlich die mittelgroßen Kliniken wie das Nordwest- und das Markuskrankenhaus, und auch die kleinen sind durchaus eingebunden.

Wenn wir an die Grippewelle Anfang des Jahres zurückdenken, kann man doch nicht von einer Luxussituation sprechen – da gab es weit und breit keine Intensivbetten mehr!

PETERSEN: Das stimmt. Anfang des Jahres hatten wir wegen der Grippewelle echte Probleme. Wir hatten teilweise Patienten aus dem Main-Kinzig-Kreis und aus Gelnhausen, wir selbst haben zeitweilig verlegen müssen bis Marburg. Derlei Situationen werden wir immer mal wieder haben, aber sie sind eher die Ausnahme. Wir können auch nicht für jede Eventualität Betten vorhalten. Das ist der Spagat, den die Politik meistern muss: Natürlich müssen wir für den Fall gerüstet sein, wenn in Frankfurt mal ein Flieger runterkommen sollte. Gleichzeitig darf man aber auch die Kosten nicht völlig aus dem Blick lassen.

Wenn Sie einen Wunsch formulieren könnten an Gesundheitsminister Jens Spahn oder an die neue hessische Landesregierung, was wäre das?

PETERSEN: Seht zu, dass ihr die Pflege ausreichend honoriert. Sie können heute in einem Ballungsraum als Pflegekraft keine vierköpfige Familie ernähren. Selbst wenn beide arbeiten gehen, wird das eng, weil die Mieten so hoch sind. Das muss aufhören! Wenn ich eine sozial so extrem wertvolle Arbeit mache, muss ich auch im Ballungsgebiet davon leben können.

Info: Grenzenlose Versorgung - das Notfall-Modell in Höchst

Kurze Wege, engere Zusammenarbeit und passgenauere Versorgung von Notfallpatienten soll das hessisches Modellprojekt ermöglichen, das seit Oktober vergangenen Jahres am Klinikum Höchst läuft. Das gemeinsame Projekt des Hessischen Sozialministeriums, der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen und des Klinikums wendet sich an Patienten aus dem Frankfurter Westen, die außerhalb der Öffnungszeiten ihrer Arztpraxis dringend medizinische Hilfe benötigen. Es soll helfen, bestehende Grenzen zwischen den einzelnen Versorgungsbereichen zu überwinden – nicht zuletzt durch eine gemeinsame Anmeldung für alle Notfallpatienten. Entsprechend des Krankheitsbildes werden Patienten von der Anmeldung entweder an den ärztlichen Bereitschaftsdienst oder zur zentralen Notaufnahme des Klinikums weitergeleitet.

Pro Tag behandelt das Team der Notaufnahme im Höchster Klinikum zwischen 120 und 150 Patienten. Aufs Jahr gerechnet macht das zwischen 42 000 und 43 000 Notfallpatienten. Schwerstkranke machen davon etwa 2 Prozent aus.

(lhe,stef)

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