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?Intensive Erfahrungen:? Krankenschwester Karin Kannowski auf der Frühchen-Station des Bürgerhospitals.

Gesundheit

Lernen fürs kleinste Leben: Bürgerhospital bietet Stipendium

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Stationen für Frühgeburten und kranke Neugeborene suchen immer gutes Personal. Ab Januar 2020 verschärft sich die Lage noch – wegen einer neuen Verordnung. Das Bürgerhospital hat sich etwas einfallen lassen. Karin Kannowski profitiert davon.

Karin Kannowski fehlen die Worte. Wie soll sie beschreiben, wie das ist, wenn sie ihre Patienten hält? Manches Frühchen könnte sie auf nur eine Hand legen, kaum schwerer und größer als ein Laib Brot sind die meisten. Warm sind sie, die Kleinen, wenn sie aus ihrem Inkubator genommen werden, extrem schnell kühlen die Körper ab, auch das spürt man.

In der Frühchen-Station des Bürgerhospitals, da, wo sich Karin Kannowski gerade über ein 1300 Gramm leichtes Frühgeborenes beugt, hängen Fotos eines Zwillingspärchens, das in der 30. Woche das Licht der Welt erblickt hat. Rote Würmchen waren sie da und sind heute kräftige Babys. Das und die Dankbarkeit der Eltern, sagt Karin Kannowski, das seien nur zwei von vielen Gründen, warum sie ihren Beruf so gerne ausübt.

Gut gemacht reicht nicht

Sie hat deswegen auch keinen Moment gezögert und sich für eine neue, verkürzte Ausbildung entschieden. Überspitzt formuliert kann man sagen: Karin Kannowski, 47 Jahre alt, seit 30 Jahren Krankenschwester, lernt demnächst ein Jahr lang offiziell, was sie seit zwei Jahren tut. Karin Kannowski ist nämlich gar keine speziell ausgebildete Kinderkrankenpflegerin. Bis vor zwei Jahren arbeitete sie auf Stationen für Erwachsene, gemäß ihrer Ausbildung. Dann wechselte sie zu den Frühchen, auch weil sie wegen eines Bandscheibenvorfalls nicht mehr schwer heben sollte. Und weil sie da ihren Job gut und gerne macht, waren alle zufrieden.

Bald aber reicht das nicht mehr. Bald kommt eine neue Verordnung, erlassen hat sie der Gemeinsame Bundesausschuss (GBA), das oberste Beschlussgremium unter anderem der Krankenhäuser und Krankenkassen in Deutschland.

Im Wesentlichen geht es darum: Ab dem 1. Januar 2020 dürfen auf Frühchen-Stationen und Kinder-Intensivstationen nur noch ausgebildete Kinderkrankenpfleger eingesetzt werden. Was für Laien sinnvoll klingt und Mediziner grundsätzlich auch als sinnvoll erachten, setzt viele spezialisierte Häuser unter Druck, Häuser wie das Bürgerhospital. Jährlich versorgt dessen Klinik für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin zusammen etwa 550 Frühgeborene und kranke Neugeborene. 90 bis 100 dieser kleinen Patienten sind Extrem-Frühgeborene, die weniger als 1500 Gramm wiegen und deshalb eine 1:1-Versorgung benötigen. Das Bürgerhospital ist dafür die Top-Adresse in der Region – wegen des Ärzteteams um Professor Dr. Steffen Kunzmann, wegen der 68 Pflegekräfte, die sich kümmern. „Wir sind da gut aufgestellt“, sagt Kunzmann.

„Leute nicht verlieren“

Die Verordnung sieht er zwiegespalten: Einerseits sei es immer gut, sich zu kindertypischen Erkrankungen fortzubilden, sich mit den körperlichen Besonderheiten eines Frühchens eingehend und systematisch zu befassen. Andererseits, sagt er, habe er ja hochqualifizierte Pflegekräfte mit reichlich Erfahrung – leider eben ohne Ausbildung für Kinder. „Diese Leute wollen wir natürlich nicht verlieren.“

Es gibt einen Weg: Eine Ein-Jahres-Ausbildung. Doch die ist teuer – vor allem für die Pflegekräfte. Pro Monat verdienen sie dann nur 1250 Euro brutto, im Jahr ungefähr 25 000 Euro weniger als derzeit. Für Leute mit Familie zu hohe Einbußen. „Wenn die dann lieber wieder auf eine Erwachsenen-Station wechseln, ist das nur verständlich“, sagt Martina Schlögl, die Pflegedienstleiterin am Bürgerhospital.

Sie und das Krankenhausmanagement haben sich deshalb etwas einfallen lassen: ein Stipendium, das die finanzielle Differenz überbrückt (siehe Info-Text).

Karin Kannowski fängt im März die einjährige Ausbildung an, gemeinsam mit zwei Kollegen. Sie wird wieder die Schulbank drücken, sie wird viel büffeln müssen, sie wird Klausuren schreiben und ein Examen bestehen müssen. Und sie wird, nach 30 Jahren im Beruf, auf den Kinderstationen wieder die Azubine sein. Sie freue sich darauf, sagt sie, sie hätte es auch ohne das Stipendium gemacht, sie hat keine Kinder, da gehe das irgendwie. Sie will die Frühchen nicht verlassen.

Am Anfang ihrer Zeit dort erschrak sie, wenn die Herzen 180-mal in der Minute schlugen, erschrak sie, wenn die Körper so schnell blau anliefen. Heute bleibt sie ruhig, mag sie diese besondere Ruhe auf der Station, hat sie gelernt, von den schönen Momenten zu zehren, um die traurigen zu verarbeiten. „Die Verhältnisse zu den Kindern, zu den Eltern sind intensiv“, sagt sie. Oft sei sie die Therapeutin, die Zugewandte, die Aufmunternde. Manchmal sei sie die Trösterin.

All das, was man mitbringt und gar nicht lernen kann.

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