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Foodsharing in Frankfurt: Lieber verwenden als verschwenden

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Von: Gernot Gottwals

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Immer mittwochs von 19 bis 20 Uhr werden ab sofort gerettete Lebensmittel verteilt. Hier versorgt Doris Peck den Nachbarn Christian Kuhn, der mit der dem zweijährigen Philipp und Hannah (4) gekommen ist.
Immer mittwochs von 19 bis 20 Uhr werden ab sofort gerettete Lebensmittel verteilt. Hier versorgt Doris Peck den Nachbarn Christian Kuhn, der mit der dem zweijährigen Philipp und Hannah (4) gekommen ist. © Sauda

Eine Gemeinde in Frankfurt-Gallus gibt gerettete Lebensmittel aus – ein Nachweis der Bedürftigkeit ist nicht nötig, um die Foodsharing-Produkte zu empfangen.

Frankfurt – Geteilte Freude ist bekanntlich doppelte Freude. Und was für Gefühle gilt, das gilt für gerettetes Essen allemal. Deshalb teilt die Gemeinde Frieden und Versöhnung jetzt Lebensmittel: In der Eingangshalle der Friedenskirche hat Doris Peck mit ihren Helfern Tische mit Lebensmitteln von Foodsharing Frankfurt aufgebaut. Dann zückt Peck ihr Handy, fotografiert, teilt, postet.

„Ich mache in den sozialen Netzwerken unser Angebot und unsere neue Ausgabestelle bekannt“, sagt Peck. Unter dem Motto „Lieber verwenden als verschwenden“ ist sie Foodsaverin – zu Deutsch: Lebensmittelretterin – und hat an diesem Tag von umliegenden Super- und Wochenmärkten, Bäckereien und sogar Fluggesellschaften Wurst, Käse, Obst, Gemüse und Backwaren mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum abgeholt. Von nun an werden die Lebensmittel mittwochs von 19 bis 20 Uhr verteilt.

Foodsharing in Frankfurt: Wenn jeder gibt, was er hat

Damit nicht genug: Foodsharing Frankfurt hat in der Friedenskirche auch neuen Lagerraum gefunden. „In unserem Keller haben wir Kühlschrank, Gefriertruhe und zwei Regale aufgestellt“, erklärt die Kirchenvorsteherin Sonja Eisenberg.

„Unsere Gemeinde fördert die Umwelt und Nachhaltigkeit durch eine Stadtimkerei, Müllaktionen und nun durch Foodsharing“, betont Arne Knudt, Vorsitzender des Kirchenvorstandes. „Denn während unsere Eltern noch wussten, wie lange Lebensmittel wirklich genießbar waren, werfen wir heute viele Tonnen unnötig weg, da wir das Mindesthaltbarkeitsdatum mit dem Verfallsdatum gleichsetzen.“

Welche absurden Blüten Lebensmittelgesetze treiben können, davon weiß auch Doris Peck ein Lied zu singen: Auf den Tischen der Eingangshalle hat sie Tomaten, Bananen, Pilze und Brote drapiert, dazwischen Fertigpizzen, Backhefe, Gewürzsoßen, Wurst- und Fischpackungen. Alles sieht appetitlich aus, dahinter erinnern Konfirmandenfotos an christliche Werte, zu denen auch das Teilen gehört.

Dann zeigt Peck ein paar Packungen mit Appenzeller: Als Mindesthaltbarkeitsdatum ist der 22. Januar aufgedruckt. Selbst unter normalen Umständen müsste der Käse noch einige Zeit genießbar sein. "Das korrekte Datum ist jedoch der 22. März. Ein Fehler bei der Etikettierung, wie man mir im Markt sagte, und trotzdem musste man die Ware ausräumen und hätte sie ohne unsere Aktion sogar weggeworfen." Damit so etwas nicht passiert, sind derzeit rund 600 Frankfurter Foodsaver in 100 Betrieben unterwegs.

Foodsharing in Frankfurt: Unterwegs für die Nachbarn

Kein Verständnis für solches Verhalten hat auch Walter Baumilas, der sich als Helfer und Abholer für weitere Nutzer bezeichnet: „Denn ich bringe die Lebensmittel auch für zwei über 60-Jährige mit, die oft bettlägerig sind“, sagt er. Anders als etwa bei der Frankfurter Tafel braucht man bei Foodsharing jedoch keinen Nachweis der Bedürftigkeit. „Ich stamme noch aus einer Generation, in der man gelernt hat, dass man bei Obst faule Stellen auch abschneiden und sie dann weiterhin essen kann.“

Für die beiden über 60-jährigen hat Baumilas Schokobrötchen und Wurst für Fleischsalat in seine große Tüte gepackt, er selbst freut sich auf Oliven, Tomaten und indische Bohnen. Derweil bedient Helfer Robert Keßler andere Abholer, einer davon wirft einen prüfenden Blick auf die Fertigpizzen: Eine ist mit Thunfisch belegt, bis wann sollte die mindestens haltbar sein? Peck prüft es nach, sieht, dass das Datum schon für den vorherigen Tag aufgedruckt war: „Die muss weg“, entscheidet sie. „Denn Hackfleisch, frischer Fisch und Meeresfrüchte haben kein Mindesthaltbarkeitsdatum, sondern ein sogenanntes Verbrauchsdatum, auf das genau geachtet werden muss“, erklärt sie. Bei übrigen Lebensmitteln gelte es wie früher, Aussehen, Farbe, Geruch und Konsistenz zu prüfen - und sie im Zweifelsfall auszusortieren.

„Da aber viele Sachen schmackhaft und sicher viel länger verwertbar sind, werde ich mich bei Gelegenheit auch eindecken“, sagt Knudt. „Nur nicht heute Abend, denn mein Abendessen ist bereits vorbereitet.“ (Gernot Gottwals)

Nicht nur in Frankfurt, sondern auch in Trebur (Kreis Groß-Gerau) gibt es eine Foodsharing-Initiative - und damit kostenlosen Lebensmittel aus dem Fairteilerschrank für alle.

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