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Der Liederbach an der Unterführung der Liederbacher Straße zur Leunastraße ist komplett ausgetrocknet.

Hitze-Sommer

Der Liederbach ist trocken

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Der Liederbach ist komplett ausgetrocknet, obwohl er fünf Zuflüsse hat. Das ist laut Experten allerdings gar nicht so ungewöhnlich für die Jahreszeit und ein regelmäßig wiederkehrendes Phänomen.

Steine, Staub, vertrocknetes Gras: Wo sonst der Liederbach fließt, sieht es derzeit aus wie in einem nordafrikanischen Wadi. Das Wasser ist weg –„trocken gefallen“ nennen Gewässerkundler diesen Zustand, der immer wieder zu beobachten ist.

Der Liederbach ist etwa 16 Kilometer lang. Der Name kommt vom althochdeutschen „liodar“, was „Rauschen“ bedeutet. Doch im Sommer hat es sich immer wieder ausgerauscht. In Unterliederbach und Höchst kommt kein Wasser mehr an, obwohl der Liederbach mehr als fünf Zuflüsse hat. Der Reichenbach ist der knapp fünf Kilometer lange linke Quellbach; er ist der längere und wasserreichere und wird von manchen als Oberlauf des Liederbaches angesehen.

Der Rombach ist der gut vier Kilometer lange rechte Quellbach. Nach der Vereinigung von Reichen- und Rombach in Königstein fließt der Bach (hessisch: „die Bach“) zunächst nach Süden. Er bekommt Unterstützung von einem kleinen Waldgraben, fließt weiter durchs Rombachtal und bekommt wieder etwas mehr Wasser von einem Bächlein aus der Flur Vorderes Ziegenheck. Nun geht’s nach Schneidhain, weiter in südwestliche Richtung. Tektonisch nennt sich die Senke, die der Liederbach durchfließt, „Hornauer Bucht“.

Typisch für einen vom Mittelgebirge gespeisten Bach ist, dass der Liederbach über mächtige, wasserdurchlässige Schotterkörper fließt. Hier versickert einiges Wasser, das den Unterlauf nie erreicht. Da nutzt in heißen Sommern auch der Braubach nichts, der noch in Altenhain einmündet, und auch der Schmiehbach, der in Niederhofheim dazukommt, ist nicht mehr als der sprichwörtliche „Tropfen auf den heißen Stein“.

„Das Wasser, das in Höchst ankommt, stammt vom Hungerborn unter dem Parkplatz vor dem ehemaligen Horten, jetzigen Kaufhof im Main-Taunus-Zentrum“, sagt Heinz Alexander, Autor eines Buches über Unterliederbach. Auch Kleingärtner, die Wasser aus dem Bach abpumpen, tragen dazu bei, dass er trocken fällt. Im Frühling erst war der Liederbach bei einem heftigen Regenguss über die Ufer getreten, hatte die Wiesen zwischen Bachbett und Liederbacher Straße überschwemmt und war als braune Wasserwand in die Autounterführung kurz vor dem Leunakreisel geströmt, wo der Verkehr zum Erliegen kam.

Auch das ist typisch: Bei heftigen Regenfällen im Vordertaunus kann der Bach die Wassermassen nicht mehr fassen. Der obere Lieder-

bach transportiert durchschnittlich 272,2 Liter Wasser pro Sekunde, der untere gar 308,2 Liter.

Ursprünglich war der Liederbach in seinem Unterlauf in mehrere Arme verzweigt. Der östliche Arm, der in Höchst über den heutigen Schlossplatz floss, wurde bereits im Mittelalter zugeschüttet – oder zu Kellern aufgemauert. Das Bachwasser wurde anfangs in den Burggraben geleitet, später in den Graben um die Stadtmauer. Im 16. Jahrhundert wurde der Liederbach auf Unterliederbacher Gemarkung reguliert – mit einem Wehr, das Höchst vor Hochwassern „von hinten“ schützen sollte, lag das Städtchen doch sicher vor dem Main-Hochwasser an erhöhter Stätte (hohe Stat, hostat). Ein Teil des Wassers wurde in den Höchster Mühlgraben umgeleitet.

Aber weil die Überschwemmungen nun Unterliederbacher Äcker verwüsteten, gab es bis ins 18. Jahrhundert immer wieder Streit zwischen den Nachbarn, und das Wehr wurde mehrfach verlegt. Mit dem Wachstum Unterliederbachs und Höchsts im 19. Jahrhundert wurde der Liederbach kanalisiert, die restlichen Bach-Mäander wurden zugeschüttet.

Der Mühlgraben, der noch zu Anfang des 20. Jahrhunderts parallel zur Königsteiner Straße floss, wurde mit der Stilllegung der Höchster Mainmühle (unterhalb des Hotels Höchster Hof, am Mainberg) ebenfalls zugeschüttet. Seine letzten Meter bis zum Main fließt der Liederbach heute in einem Kanal durch das Gelände des Industrieparks Höchst – wenn er denn Wasser führt.

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