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Linken-Kandidatin Janine Wissler vor ihren Plakaten. Foto: Archiv

OB-Wahl

Linken-Kandidatin Janine Wissler will verändern

Es gibt zwei Arten, die Welt zu verändern: die mit dem Holzhammer und die, die man nur bemerkt, wenn man ganz genau hinsieht. Im Fall von Janine Wissler, der OB-Kandidatin der Linken, liegen nur wenige Meter zwischen der einen und der anderen.

Die Holzhammer-Variante, die Welt zu verändern, beginnt im Treppenhaus der Schirn. „Allein hier könnte ich ewig stehen“, sagt Janine Wissler, und zeigt auf die Wahlplakate aus der Zeit der Weimarer Republik, die über dem Treppenaufgang hängen. „Das hier zum Beispiel ist eine Lithografie von Käthe Kollwitz“, sie deutet auf ein Plakat mit einer abgehärmten Frau samt Baby im Arm, neben der „Nieder mit dem Abtreibungs-Paragraphen!“ steht. „Oder schauen Sie, das Plakat da oben, mit der Nazi-Schlange, der die Kommunistische Partei mit einem Beil den Kopf abhacken will.“

Wir erklären die OB-Wahl in Frankfurt:

Die Schirn ist, neben Bockenheim, wo die 36-Jährige seit ihrer Studienzeit wohnt, Wisslers Lieblingsort in Frankfurt. „Kunst ist kein Beiwerk, sondern eine Säule der Gesellschaft“, sagt sie. Die Ausstellung hat sie längst gesehen, sie hat eine Clique, mit der sie regelmäßig ins Museum geht. Ihre Lieblingsgemälde sind die, die anders, die radikal sind. Das von Oskar Nerlinger mit der Von-unten-Perspektive auf einen riesigen Fabrikschornstein, oder das von Alice Lex-Nerlinger, auf dem Arbeiter ein Kreuz umwerfen, auf dem der Abtreibungsparagraph prangt. „Kunst ist wichtig, gerade auch mit Blick auf gesellschaftliche Veränderungen“, sagt Wissler.

Ihre ganze Familie ist politisch, schon als kleines Kind hört sie, wie die Eltern über linke Ideen diskutieren. Das erste Mal in der KZ-Gedenkstätte Dachau ist sie mit acht, auf ihrer ersten Demo mit 14, „gegen die Atomtests von Chirac“. Sie geht gegen Nazis auf die Straße, dann gegen Krieg.

Nach dem Gymnasium in Dreieich studiert sie Politik, arbeitet im Wahlkreisbüro des linken Bundestagsabgeordneten Werner Dreibus, will zur Gewerkschaft oder in den politischen Journalismus einsteigen. Und dann passiert, womit nicht einmal die Linke selbst gerechnet hatte: Bei der Landtagswahl 2008 bekommt die Partei 5,1 Prozent der Stimmen. „Ich hatte nie geplant, ins Parlament zu gehen. Und dann war ich plötzlich die jüngste Abgeordnete Hessens.“

So richtig ungelegen kommt ihr das aber nicht. Vor dem Scheitern hat sie keine Angst („Alle unsere Anträge scheitern erstmal“), und sie genießt den intellektuellen Austausch innerhalb der Partei, der ihr hilft, ihre Positionen zu überprüfen, zu hinterfragen – oder auch mal das Gegenüber in seiner Meinung zu erschüttern.

Bei manchen Landtagsdebatten ist das anders. „Das Nicht-Vorhandensein von Empathie in manchen Reden macht mich fertig“, sagt Wissler. „Diese Ignoranz gegenüber den Verhältnissen, diese Borniertheit gegenüber den Menschen.“ Ihre Stimme ist plötzlich belegt, der Blick glasig, sie schluckt. „Viele Sachen lässt man ja nicht so an sich ran. Aber wenn die Armut bestritten wird, der Hunger oder das Leid, das der Krieg über die Menschen bringt, darüber muss ich mich einfach empören.“ Sie braucht ein paar Sekunden, bis sie sich wieder gefangen hat. Warum sie sich das immer noch antut? „Wir müssen unseren Kindern sagen können: Wir haben’s wenigstens versucht.“

Mittlerweile sitzen OB-Kandidatin und Reporterin die wenigen Meter weiter im Schirn-Café. Politische Fragen beantwortet Wissler schnell und präzise. Bei persönlichen Fragen überlegt sie manchmal lange, um sich dann doch nicht festzulegen. Hobbys, das geht aber: Sie ist gerne in den Alpen unterwegs, „mit Rucksack von Hütte zu Hütte“, fährt gerne Fahrrad, „auch mal bis Budapest“ und joggt.

Als sie gerade bei ihren kleinen Neffen und Nichten angekommen ist, die sie gerne besucht, rumpelt es hinter ihr. Wissler schaut durch den Raum und sieht eine ältere Dame, die vom Stuhl gefallen ist. Sofort springt sie auf und eilt ihr zur Hilfe, kommt aber wieder zurück, als sie merkt, dass die Dame lieber selbst wieder aufstehen möchte.

Die Bemerkung, dass sie offensichtlich ein sehr hilfsbereiter Mensch sei, lässt sie mitten im Hinsetzen völlig konsterniert dreinblicken. „Das hätte doch jeder gemacht“, sagt sie, „das ist doch normal“. Nur, dass außer ihr und der Bedienung niemand auch nur aufgestanden ist. Manchmal braucht es keinen Holzhammer, um die Welt zu verändern. Man muss nur ganz genau hinsehen, um es zu bemerken.

Morgen geht’s weiter

Diese Woche stellen wir jeden Tag einen anderen OB-Kandidaten vor, mit dem wir uns an seinem Lieblingsort in Frankfurt getroffen haben. Morgen geht es weiter mit dem unabhängigen Kandidaten Volker Stein.

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