Luftfahrt

Lufthansa bereitet Kündigungen vor

  • Panagiotis Koutoumanos
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Keine Einigung mit Gewerkschaften über Einsparungen

Frankfurt. Im Zweifelsfall scheint Carsten Spohr das Glas halbvoll zu sehen: Da mag der Lufthansa-Konzern nur dank eines neun Milliarden Euro schweren Hilfspakets des Bundes der Corona-bedingten Pleite entgangen sein - der Vorstandschef kann auch der Corona-Krise etwas Positives abgewinnen. "Ohne die Corona-Krise hätten wir die nun geplante Neustrukturierung unserer Flotte nicht so schnell in Angriff nehmen können", sagte Spohr gestern in einer Telefon-konferenz anlässlich der Bilanzvorlage für das erste Halbjahr. "Wir wollen diese einzigartige Situation nutzen, um schlanker, agiler und wettbewerbsfähiger zu werden", so der Konzernchef.

Seiner Ansicht nach ist der Druck, den Konzern nachhaltig zu verschlanken, in den vergangenen Wochen noch größer geworden. Bislang ist der Lufthansa-Vorstand nach eigener Aussage davon ausgegangen, dass der internationale Flugverkehr erst im Jahr 2023 das Vor-Corona-Niveau von 2019 erreichen werde. "Inzwischen erwarten wir, dass dies sogar erst 2024 der Fall sein wird", sagte Spohr gestern.

Deshalb soll die Flugzeug-Flotte, die derzeit noch 760 Maschinen umfasst, bis 2023 um 100 Flieger reduziert werden. Zwar soll die Zahl der angebotenen Sitze dann genauso hoch sein wie 2019 - für das Gros der Passagiere wird es also enger -, doch das ändert nichts daran, dass allein dadurch rein rechnerisch 10 000 der insgesamt 137 600 Stellen im Konzern wegfallen.

Im Ausland schon 8300 Kündigungen

Hinzu kommt, dass der Konzern das Geld, das er von der Bundesregierung erhält, möglichst schnell zurückzahlen will, wie Spohr bekräftigte. Also muss das Management noch viel stärker auf die Kostenbremse treten: Um insgesamt 15 Prozent sollen die Aufwendungen bis 2023 sinken. Auch da soll das Personal, dessen Gehälter den größten Posten in der Aufwandsrechnung bilden, einen erheblichen Sparbeitrag leisten - einen Beitrag, der rechnerisch weiteren 12 000 Stellen entspricht. Macht zusammen 22 000 Jobs; davon entfallen rund 11 000 auf das Geschäft in Deutschland. Im Ausland hat das Management bereits 8300 Arbeitsplätze gestrichen, wie Spohr bestätigte.

Um möglichst viele der betroffenen Arbeitsplätze in Deutschland retten zu können und dabei ohne betriebsbedingte Kündigungen auszukommen, fordert der Vorstand seit Monaten Kürzungen beim Lohn und bei der Kurzarbeit, den Verzicht auf Tariferhöhungen sowie Abstriche beim Urlaubs- und Weihnachtsgeld.

"Das geht mir alles viel zu langsam"

Forderungen, die die Kabinen-Gewerkschaft Ufo, die Piloten-Gewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) und die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi eigentlich schon zur außerordentlichen Hauptversammlung Ende Juni hätten erfüllen sollen. "Aber seitdem sind acht Wochen vergangen, und wir haben noch immer keine einzige Einigung erzielen können", beklagte Spohr gestern. "Das geht mir alles viel zu langsam." Also droht er nun unverhohlen mit betriebsbedingten Kündigungen: "Unser Ziel war es, Kündigungen nach Möglichkeit zu vermeiden . .. Aber basierend auf dem Verlauf der Verhandlungen zu notwendigen Krisenvereinbarungen mit unseren Tarifpartnern, ist dieses Ziel auch für Deutschland nicht mehr realistisch", heißt es nun in einem Vorstandsbrief an die Mitarbeiter, den diese am Donnerstagmorgen in ihrem Mail-Ordner fanden.

Nach Angaben von Spohr sind bei der deutschen Kernmarke Lufthansa 800 Piloten zu viel an Bord. Beim Kabinenpersonal betrage der Personalüberhang 2600 Beschäftigte. Und beim Bodenpersonal sind demnach 1500 Beschäftigte zu viel - sie werden vor allem von Verdi vertreten. Hinzu kommen allein bei der Wartungstochter LH Technik weitere 4400 Mitarbeiter, die von Entlassungen bedroht sind.

Wie viel Zeit er den Gewerkschaften noch gewähren will, um Kündigungen zu vermeiden, sagte Spohr gestern nicht. Er ließ nur durchblicken, dass das Vorstand nun Vorbereitungen für Kündigungen treffe. Ufo hatte sich mit dem Vorstand auf ein Eckpunkte-Papier einer Vereinbarung verständigt, das dem Vernehmen nach Einsparungen von mehr als einer halben Milliarde Euro vorsieht. Diesem Papier müssen die Mitglieder noch zustimmen. VC hatte ein Eckpunkte-Papier mit einem Sparvolumen von angeblich 850 Millionen Euro vorgelegt, dieses aber wieder zurückgezogen. Nach eigenen Angaben ist die Piloten-Gewerkschaft inzwischen mit einem neuen Papier an den Vorstand herangetreten. Verdi wird sich am heutigen Freitag mit dem Management zu weiteren Verhandlungen treffen. Einer der Knackpunkte bei allen Verhandlungen ist offenbar die Weigerung des Vorstands, auch mittelfristig auf Kündigungen zu verzichten. "Falls 2021 kein Impfstoff vorliegen sollte, sehen die Zahlen noch mal ganz anders aus", sagte Spohr.

Rekordverlust im zweiten Quartal

Die gestern vorgelegten Geschäftszahlen des zweiten Quartals sehen angesichts des zeitweise fast vollständig zusammengebrochenen Flugverkehrs schon düster genug aus: Da die angebotenen Flugkapazitäten der Konzern-Airlines zwischen April und Juni um durchschnittlich 95 Prozent niedriger ausfielen als im Vorjahreszeitraum, sank der Konzernumsatz um 80 Prozent auf 1,89 Milliarden Euro. Zu diesem Einbruch trug bei, dass branchenweit viel weniger Flugzeuge gewartet werden mussten und viel weniger Bordverpflegung verkauft werden konnte, so dass auch die Geschäfte bei der LH Technik und der Cateringtochter LSG Group weitestgehend zum Erliegen kamen. Das konnten weder die deutlich gesunkenen Betriebskosten und Investitionen noch der Umsatz-Anstieg der relativ kleinen Fracht-Tochter LH Cargo kompensieren: Das bereinigte Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) rutsche mit 1,68 Milliarden Euro ins Minus - einen solch hohen Verlust hat der Konzern nie zuvor erlitten. Das trifft auch auf das Nettoergebnis zu: Unterm Strich weist das Unternehmen für das zweite Quartal einen Verlust von 1,49 Milliarden Euro aus - im Vorjahr war ein Nettogewinn von 226 Millionen Euro erwirtschaftet worden. Nach sechs Monaten beträgt der Nettoverlust 3,62 Milliarden Euro.

Klar, dass der Vorstand auch für das Gesamtjahr einen hohen Verlust erwartet. "Die Nachfrage erholt sich aufgrund der Verkehrsbeschränkungen nur sehr langsam", sagte Spohr. Bis zum Jahresende werde die Lufthansa-Gruppe ihre Flugkapazitäten auf 50 Prozent des Vorjahresniveaus hochfahren - derzeit seien es rund 30 Prozent. Spohr rechnet damit, dass der Konzern erst im späteren Verlauf des kommenden Jahres nicht mehr Liquidität verlieren wird. Zuletzt habe das Unternehmen noch circa 450 Millionen Euro im Monat verbrannt. Aber dank der nun fließenden Staatsgelder verfüge die Lufthansa-Gruppe derzeit über liquide Mittel in Höhe von 11,8 Milliarden Euro. Damit sei der Konzern für die kommenden zwölf Monate durchfinanziert, sagte Spohr.

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