Seine Hände sind Gold wert: Eintracht-Torwart Lukas Hradecky hat einen großen Anteil daran, dass die SGE zum Pokal-Finale nach Berlin fahren wird.
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Seine Hände sind Gold wert: Eintracht-Torwart Lukas Hradecky hat einen großen Anteil daran, dass die SGE zum Pokal-Finale nach Berlin fahren wird.

Der Rote Faden, Folge 221

Lukas Hradecky - Der Torhüter

  • Ute Vetter
    VonUte Vetter
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Die Nummer 1 der Eintracht ist nicht nur einer der besten seines Fachs in der Bundesliga, sondern auch Publikumsliebling: Lukas Hradecky. Der Torwart schätzt neben seinem Job auch Bier, Sauna und Humor. Aber er sorgt seit Monaten für Nervosität am Main. Ihm widmen wir Folge 221 unserer Serie "Der Rote Faden", in der wir Menschen vorstellen, die Besonderes für Frankfurt leisten.

Eitel ist er nicht: Lukas Hradecky (27) betritt federnden Schrittes die Loge im dritten Stock der Haupttribüne des Commerzbankstadions. Eine graue Jeans schmiegt sich um die O-Beine, er trägt ein schlichtes schwarzes T-Shirt und dunkle Turnschuhe. Keine Kette, kein Ring, kein Tattoo. Eine angenehme Reduziertheit im Vergleich zu den Outfits manch anderer Bundesligakicker, die weder Pelz, aberwitzig gefräste oder gegelte Frisuren noch großflächige Tintenmalerei auf der Haut scheuen. Der Torwart der Frankfurter Eintracht ist sehr schlank, der Handschlag fest, die Stimme kehlig. Das gehaspelte „Hyvää paivää“ (Guten Tag) des Gastes belächelt er nachsichtig und sagt „Ja, Finnisch ist ganz schön schwer“. Dann also „Hei“. Das heißt Hallo.

In der Loge nebenan fachsimpeln Sportjournalisten. Über die SGE, die nach der extrem erfolgreichen Hinrunde eine von den Ergebnissen her extrem schwache Rückrunde spielte, gibt es viel zu schreiben. Erst der 3:1-Sieg gegen Augsburg sicherte den Verbleib in der ersten Bundesliga ab. Doch nun löste die Mannschaft in einem wahnsinnigen Elfmeter-Krimi gegen Borussia Mönchengladbach das Ticket zum ersten DFB-Pokal-Endspiel seit elf Jahren: Am 27. Mai geht’s in Berlin um den Pott gegen Borussia Dortmund. Besser geht’s nicht! Großen Anteil am Erfolg hat Hradecky, der im Elfmeterschießen zwei Schüsse parierte. Der Keeper nimmt am großen braunen Tisch auf einem der schwarzen Stühle Platz. Er ist ein Sitzriese, kein Wunder bei knapp 1,90 Meter Körpergröße. Da er für das Fotoshooting seine Handschuhe braucht, holt er seine Arbeitsgeräte selbst aus den Mannschaftsräumen: „Die findet sonst keiner“. Und jongliert bei der Rückkehr schwarzen Kaffee in Pappbechern. Das Getränk ist Favorit vieler Finnen. Da ist er keine Ausnahme.

Er ist freundlich-ungekünstelt, sein Blick wach und offen. Der Keeper, der nach Kevin Trapps (für die Eintracht höchst lukrativem) Weggang zu Paris Saint-Germain schnell ein Liebling der Fans wurde und inzwischen ein Star am Main ist, führt sich nicht als ein solcher auf. Es widerspräche seinem Naturell zutiefst. Allüren sind ihm fremd. Lieber nimmt er sich und andere auf die Schippe, für seine lustigen Sprüche wird er gemocht, fehlt ihnen doch jegliche Arroganz. So sagte er nach dem mühsamen Pokalerfolg der Hessen gegen den FC Ingolstadt (4:1 im Elfmeterschießen) feixend: „Das war heute sooo langweilig“. Unvergessen auch sein Spruch, dass Alexander Meier immer der Fußballgott bleiben werde und er, Hradecky, höchstens der Torwart-Gott sei. „Das war ironisch gemeint“, sagt er, „wer mich kennt, weiß das“. Die „Adler“-Anhänger wählten ihn zum beliebtesten Spieler 2016/ 17. Das freut ihn, doch sagt er locker: „In all’ meinen anderen Vereinen war das ähnlich. Das liegt wohl an meinen Charakter. Ich bin ein offener Typ, gebe immer etwas zurück“.

Der Bombenanschlag vom 11. April auf den BVB-Bus, geschehen am Vorabend des Gesprächs, war natürlich das Thema beim Mannschaftsfrühstück und in der Kabine gewesen, erzählt er. „Alle haben das in den sozialen Medien verfolgt“. Doch weil zu diesem Zeitpunkt der genaue Hintergrund noch unbekannt ist, schiebt er hinterher: „Aber für viele Menschen auf der Welt ist das Alltag, etwa in Syrien. Die Welt, in der wir heute leben, ist gefährlich. Alles kann passieren. Es sollte nicht so sein, aber . . .“ lässt er den Satz offen.

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Es rührt ihn an, zu hören, dass es ein schönes Bild war, ihn einmal nach dem Training mit der Sporttasche auf einem Mäuerchen am Stadion sitzen zu sehen, wo er auf seinen Vater Vlado wartete. „Das ist doch normal. Wenn mich mein Papa in Frankfurt besucht, holt er mich gern mal ab.“ Ansonsten fährt Hradecky nach dem Training – in einer normalen Woche sind das rund sieben Einheiten à zwei Stunden, dazu Krafttraining und Training auf Spinning-Bikes – selbst mit dem Auto zu seiner Wohnung am Sachsenhäuser Mainufer. Dort wartet Besuch, Freunde aus Finnland. „Wir wollen bummeln“.

Sportjournalisten schätzen ihn, ist er doch kein Glattgebügelter. „Ich sage immer offen meine Meinung.“ Auch nach einem erfolglosen Kick? „Nach einem verlorenen Spiel vor die Kameras zu treten, ist für niemanden schön, da reißt sich keiner drum. Aber das gehört dazu. Ich hab’ schon viel erlebt. In Dänemark habe ich mit der Mannschaft viel verloren, viel gewonnen. Dann war hier in Frankfurt 2016 der Abstiegskampf – keine leichte Zeit.“ Doch er sieht das Gute darin: „Ein Mensch entwickelt sich, wenn er nicht in seiner Komfortzone ist. Da zeigt sich, wie man wirklich gestrickt ist.“ Und: „Ich glaube, dass man sich selbst nicht richtig kennt, bevor man nicht eine Herausforderung erlebt hat.“

Seinen Beruf nimmt er trotz aller Lockerheit sehr ernst, was auch eine Verkörperung der finnischen Nationaltugend „Sisu“ ist, übersetzbar mit Beharrlichkeit oder Ausdauer. Er ist ehrgeizig, kommunizierte immer, dass er in der Europa- und Champions League mitmischen will. Er spielt mit dem Kaffeebecher. Seine Hände sind erstaunlich zart. Ein Muskelpaket ist er nicht. „Ich werde oft gefragt, warum ich nicht kräftiger bin. In Dänemark wollten sie, dass ich mehr Muskulatur aufbaue. Aber das macht mich langsamer. Ich mag den Kraftraum nicht. Wichtig ist, viel Stabilitätstraining zu machen.“

Hartes Training

Sein Verhältnis zum Torwarttrainer Manfred „Moppes“ Petz, der einen Schuss wie ein Gaul hat, nennt Hradecky „sehr gut“. Schindet dieser ihn? „Klar“, sagt er und malt eine Trainingssituation auf ein Stück Papier. Eingekesselt von Hürden steht er vorm Kasten bis „Moppes“ brüllt, wohin er springen soll und schießt. Das ist koordinatives Training. „Mit ihm verbringe ich die meiste Zeit. Er ist so etwas wie mein deutscher Vater. Wir mögen uns. Für die Zusammenarbeit ist das sehr wichtig.“ Umgekehrt sagte „Moppes“ über Hradecky einmal: „Er ist ein sehr offener und lebensfroher Mensch, als Sportler aber unglaublich ehrgeizig. Er hat vom ersten Tag in der Bundesliga alles aufgesaugt.“ Und Sportmanager Bruno Hübner lobt: „Lukas besitzt alle Merkmale eines modernen Torhüters. Er ist reaktionsschnell, hat eine gute Übersicht und ein sicheres Passspiel.“ Entdeckt wurde Hradecky von Bernd Legien, Chef der Scouting-Abteilung der SGE. Einen großen Anteil am Transfer hatte auch Ex-Trainer Armin Veh. Stundenlang schaute er sich die möglichen Nachfolgekandidaten für Trapp auf Video oder im Stadion an. „Lukas war der Beste“, sagte Veh, „ich wollte ihn unbedingt.“

Hierzulande ist Hradecky bekannter als in seiner finnischen Heimat, obwohl er Nationaltorwart ist. „Tja, da ist Eishockey die populärste Mannschaftssportart“, erzählt er, „Aber dafür kann ich dort unerkannt rumlaufen. Das gefällt mir“. Vor seinem Engagement am Main spielte er in der dänischen Superliga bei Bröndby und Esbjerg. „Das war okay, aber es war schon immer mein Traum, irgendwann mal in der deutschen Bundesliga zu spielen.“ Schon als er als „No Name“ an den Main wechselte, sagte er: „Ich möchte, dass die Leute in Deutschland sagen: Eintracht Frankfurt hat einen guten Torwart.“ Er erfüllt die in ihn gesetzten Erwartungen schnell, wird fast aus dem Stand Stammtorhüter. Manager Bruno Hübner nannte ihn bald die „Lebensversicherung“ des Klubs, nachdem die Eintracht die Klasse erst nach den beiden gewonnenen Relegationsspielen gegen den 1. FC Nürnberg halten konnte. Nach nur einem Jahr in Frankfurt zeigte Hradecky, der aufgrund seiner Spannweite und reaktionsschnellen Hechtsprünge bald „Die Spinne“ oder „Der fliegende Finne“ hieß, dass er bereit war, Verantwortung zu übernehmen. Da galt er längst als der Motivator im Team.

Seine Bescheidenheit verdankt er seinen Eltern und der Erziehung. „Ich hab’ mich nicht verändert, auch wenn ich inzwischen mehr Geld verdiene. Für meine Kumpels bin ich der gleiche Lukas“.

Er kommt am 24. November 1989 in Bratislava in der damals kommunistischen Tschechoslowakei zur Welt, seine Eltern Vlado und Brigita sind Ingenieure. Noch bevor 1993 die demokratische Republik Slowakei aus dem Heimatstaat entsteht, zieht die Familie in die südfinnische Großstadt Turku. „Wir hatten nicht viel. Aber wir waren viele Kinder in der Wohnsiedlung, haben immer draußen gespielt. Ständig waren die Klamotten dreckig. Ist ja heute noch so . . .“ sagt er und lächelt. Sein Vater spielt bis zum 35. Lebensjahr neben dem Job professionell Volleyball.

Drei Brüder am Ball

In Turku kommen Lukas’ Brüder Tomás 1992 und Matey 1995 zur Welt. Die Eltern und die Brüder leben noch heute dort. Die Mutter ist noch immer berufstätig, „weil es ihr Spaß macht. Sie ist der einzige normale Mensch in dieser verrückten Familie“, sagt Hradecky. Auch die Brüder kicken professionell. Der jüngste hat sich jedoch kürzlich verletzt, spielt derzeit nicht in der Nationalmannschaft. „Meine Mutter hat zwei Lieblingsteams: Eintracht Frankfurt und SJK Seinajoki, wo meine Brüder spielen.“ Dann feixt er: „Ich bin stolz darauf, in der Slowakei geboren zu sein. Dadurch bin ich nämlich ein bisschen anders als all’ die anderen langweiligen Finnen . . .“ Seine Großmütter, 74 und 75 Jahre alt, leben in Bratislava. Er besucht sie mindestens einmal im Jahr.

Wie empfindet Hradecky die Welt des Profifußballs, wo doch bei manchen Spielern reziprok zum Grad der Berühmtheit und der Höhe des Salärs die Allüren wachsen? „Ja, vielleicht kriegen manche zu früh zu viel. Ich bin aber höflich.“ Würde er einen Aufschneider zurechtweisen? „Nein, nie. Man kann die Leute nicht verändern, sie sind wie sie sind. Ich muss nicht alle respektieren, aber ich gebe jedem eine Chance.“ Dann sagt er: „Aber wenn mich jemand verarscht, muss ich darüber nochmal nachdenken.“ Sein Erfolg ist für ihn nicht selbstverständlich. Und so ist er noch heute manchmal „irritiert“, wenn viele Fans nach einem Training ein Autogramm von ihm möchten. „Aber das bedeutet ihnen viel, und das gehört zu unserer Arbeit. Auch dafür werden wir gut bezahlt.“

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Geld. Das Stichwort. Auf seinen Marktwert angesprochen, lacht er: „Das müssen andere entscheiden“. Doch natürlich kennt er die Zahl: 4,5 Millionen Euro. Die Eintracht holte Hradecky 2015 für rund zwei Millionen von Bröndby. Er war ein Schnäppchen im Vergleich zu Trapp, der fast zehn Millionen Ablöse in die Kasse spülte.

Und nun? Bleibt er, geht er? Seit Monaten ringen der Sportvorstand Fredi Bobic und Sportdirektor Bruno Hübner mit seinen Beratern – Vater Vlado und die Firma Boutique Transfers and Management ApS – um den Verbleib des Keepers. „Wir befinden uns nach wie vor in guten Gesprächen“, teilt ein Eintracht-Sprecher offiziell mit.

Dass das Gezerre ein Dauerthema in der Presse, in der ganzen Region ist, versteht Hradecky. Auch er nennt die jetzige Phase eine „nicht ganz so schöne Zeit“. Er sei gerne in Frankfurt und „fast verliebt in Deutschland.“ England reize ihn kaum. „Aber ich will gern was Größeres probieren, Europa- oder Champions League. Da müssen wir eine Lösung finden. Selbst wenn wir verlängern, kann es sein, dass der Verein mich später verkauft.“ Er faltet die Hände vor dem Mund, pustet hinein: „So ist das Geschäft.“ Und sagt ernst: „Ich hab über 250 Profi-Spiele absolviert. Ich weiß, was ich brauche, um einen guten Job zu machen. Manchmal muss man sich fragen, ob es richtig ist, in dem oder dem Verein zu spielen. Es muss Gründe für eine Entscheidung geben.“

Er schätzt das Stadtleben, doch im Grunde ist er ein Naturbursche, der sich am liebsten an einem Waldsee nach einem Saunagang mit guten Freunden bei einem Bier am Lagerfeuer erholt. „Ich hatte eine glückliche Kindheit, Sport war immer da. Heute haben alle Kinder iPhones und diese Sch. . . Computerspiele. Wir aber konnten einfach rausgehen, jeden Tag hatten wir blaue Flecken. Immer war was los.“ Schon damals rennt er nicht gerne dem Ball hinterher, steht lieber im Tor.

Zudem liebt er auch Eishockey und sitzt, wann immer es der Spielplan erlaubt, als Edel-Fan beim EC Bad Nauheim auf der Tribüne und feuert die „Roten Teufel“ an. Mit dem Spieler Mikko Rämö ist er befreundet. Ein Finne, klar. Hradecky spricht neben Finnisch und Deutsch auch fließend Englisch, Slowakisch, Dänisch und Schwedisch. „Deutsch habe ich schon in der Schule gelernt, deswegen musste ich es nur auffrischen.“

Beim Fotoshooting agiert er natürlich und professionell. Vor der inzwischen leeren Eintracht-Loge kichern zwei Hostessen und werfen ihre Kippen in einen Kaffeebecher. Ist er dieses „Sichzeigen“ inzwischen gewöhnt? „Das gehört zum Business und es ist okay. Aber es gibt auch heftige Media-Tage zur Bundesliga. Da muss man viele verschiedene Videos machen, das dauert Stunden. Als Model wäre ich nicht geeignet.“

Hradecky lebt gern in Sachsenhausen mit dem Blick auf den Main: „Es ist toll hier.“ Er erzählt vom Lieblings-Italiener um die Ecke und dass er den Kellnern manchmal Tickets für ein Eintracht-Spiel schenkt. „Neulich haben mich etwa 20 Freunde aus Finnland besucht, ich war mit ihnen dort essen. Ein Kellner trug mein Trikot, das ich ihm mal geschenkt hatte. Das war ein Spaß.“ Kann er noch unbehelligt durch Frankfurt gehen? „Ja, zum Glück.“ Und wenn er erkannt wird? „Dann machen wir Bilder, ich rede ein bisschen, mache einen schlechten Witz, wie immer . . .“

Single mit Heimweh

Er wohnt allein, ist Single. Wie bitte? „Ich hab nicht genug Charme, kein Charisma, kein Gesicht, kein nix“. Ach. „Wirklich. Aber vielleicht ist etwas auf dem Weg“ deutet er an. „Es gab einige Sommer-Romanzen, aber dann spielen Entfernungen auch eine Rolle.“ Plötzlich sagt er: „Ich möchte eine finnische Freundin. Da kann ich entspannt sein.“ Was er meint: Gemeinsamkeiten wie Herkunft, Sprache, Sozialisation und Tradition erleichtern es, das Herz zu öffnen, sich auch mal wortlos zu verstehen. „Wenn man so wie ich im Ausland wohnt, macht man sich Gedanken über das, was nach der Karriere kommt. Ich denke, dass ich in meine Heimat zurückkehren will.“ Torwarttrainer könnte ihm Spaß machen. Kinder möchte er haben. „Und einen großen Hund.“ Dann betont er: „Ich kann aber auch sehr gut alleine sein.“

Hat er Vorbilder? Früher nannte er Ilker Casillas, später Manuel Neuer. „Ich meinte das eher allgemein. Vorbild ist ein großes Wort. Wenn ich überhaupt eines habe, dann ist es mein Vater.“ Er lernt immer: „Ich sehe viel Fußball und schaue, was die anderen Torleute machen, was meinem Spiel helfen kann“. Auf die Bemerkung, dass doch auch Gianluigi Buffon ein guter Typ sei, sagt er lachend: „Alle Torhüter sind gute Typen!“. Kiusanhenki. Scherzbold.

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