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Prof. Thomas Otto Friedrich Wagner begutachtet ein Röntgenbild der Lunge. Entdeckt der Experte dabei einen charakteristischen Fleck auf der Lunge - die Experten nennen das "Rundherd" -, muss dieser Befund abgeklärt werden. Es könnte sich dabei um ein Krebsgeschwür handeln.

Serie: Die häufigsten Krebserkrankungen

Lungenkrebs - Killer Nummer Eins

Es hilft nichts, drumherum zu reden: Rauchen verursacht Lungenkrebs. Einer von zehn Rauchern erkrankt im Laufe seines Lebens daran.

Es hilft nichts, drumherum zu reden: Rauchen verursacht Lungenkrebs. Einer von zehn Rauchern erkrankt im Laufe seines Lebens daran. Frauen, die regelmäßig zur Zigarette greifen, sind noch stärker gefährdet als männliche Raucher. Mal ganz zu schweigen davon, dass Rauchen auch die Entstehung aller anderen Krebsarten begünstigt. Lungenkrebs kann aber auch Menschen treffen, die noch nie in ihrem Leben eine Zigarette angerührt haben. Sie sind allerdings in der Unterzahl: „Mehr als 85 Prozent der Patienten sind Raucher oder Ex-Raucher“, sagt der Pneumologe Prof. Dr. Thomas Otto Friedrich Wagner, Leiter des Universitären Lungenkrebszentrums des Frankfurter Universitätsklinikums.

Ein weiterer Risikofaktor ist eine hohe Schadstoffbelastung: Wer beispielsweise auf dem Bau regelmäßig Asbestfasern einatmet oder im Weinbau arsenhaltige Schädlingsbekämpfungsmittel, hat ebenfalls ein erhöhtes Risiko, ein Bronchialkarzinom zu entwickeln. Kommt beides zusammen – eine erhöhte Schadstoffbelastung und Rauchen – steigt das Risiko entsprechend.

Tückisch ist Lungenkrebs vor allem, weil er zumeist weit fortgeschritten ist, bevor Symptome auftreten. „Frühsymptome gibt es gar nicht“, weiß Prof. Wagner. Zwar kann ein ungeklärter Husten ein Warnsignal sein, aber, so der Experte: „Weil die meisten Patienten Raucher sind, gehört der Husten für sie zum normalen Leben.“

Wird ein Bronchialkarzinom im Frühstadium entdeckt, ist das in der Regel dem Zufall geschuldet, etwa wenn aus anderen Gründen eine Röntgenaufnahme der Lunge gemacht wird. Diese Patienten haben Glück: Wenn der Tumor sich noch nicht weiter ausgebreitet hat, stehen die Chancen auf Heilung gut. Der betroffene Lungenlappen – fünf davon gibt es im Körper, drei im rechten, zwei im linken Lungenflügel – wird operativ entfernt, ebenso die angrenzenden Lymphknoten. Um sicherzugehen, dass keine Tumorzellen im Körper zurückbleiben, empfehlen Mediziner im Anschluss eine Chemotherapie. Kann der Chirurg den Tumor nicht vollständig entfernen, ist nach der Operation eine Bestrahlung notwendig.

Der Anteil der Patienten, die so viel Glück haben, ist jedoch gering. Nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts von 2011 stehen 53 000 Lungenkrebs-Neuerkrankungen pro Jahr 44 000 Todesfällen gegenüber.

Das hängt damit zusammen, dass die allermeisten Patienten erst zum Arzt gehen, wenn sie aus ungeklärter Ursache stark abnehmen oder sich schwach fühlen, wenn sie an Blutarmut leiden oder an blutigem Husten. Dann hat der Tumor in der Regel längst gestreut, das heißt, er hat sich im Körper ausgebreitet und Tochtergeschwulste (Metastasen) gebildet. „Viele Patienten kommen, weil ihnen die Metastasen Probleme bereiten, nicht der Tumor“, weiß Oberarzt Dr. Wolfgang Gleiber, der das universitäre Lungenkrebszentrum koordiniert. Typischerweise entstehen Lungenkrebs-Metastasen im Gehirn, den Knochen, der Leber oder den Nebennieren.

Besteht der Verdacht auf ein Bronchialkarzinom und erhärtet sich dieser aufgrund von Röntgenaufnahmen der Lunge oder Computer-Tomographie-Bildern, ist eine Gewebeentnahme notwendig, um festzustellen, ob ein Lungenkarzinom vorliegt und um welche Art Tumor es sich handelt.

Schon dabei ist Expertise gefragt, denn je nach Befund bieten sich unterschiedliche Verfahren an, die nicht jede Klinik anbieten kann. Ziel sei es, mit dem kleinstmöglichen Eingriff eine eindeutige Diagnose zu ermöglichen, erläutert Prof. Wagner, der Patienten rät, beim Verdacht auf Lungenkrebs bereits die Diagnostik an einem zertifizierten Lungenkrebszentrum durchführen zu lassen. In Frankfurt ist neben der Uniklinik das Elisabethenkrankenhaus als Lungenkrebszentrum von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifiziert. Beide Häuser arbeiten im universitären Lungenkrebszentrum eng zusammen (siehe Info unten).

Um eine Gewebeprobe zu entnehmen, bietet sich in vielen Fälle eine Bronchoskopie an, also eine Spiegelung der Atemwege. Dabei führt der Arzt unter örtlicher Betäubung durch Mund und Luft- oder Speiseröhre ein Endoskop ein, das mit einem winzigen Ultraschallkopf ausgestattet ist. Damit können sich die Experten die Lymphknoten genauer anschauen. Ist ein Lymphknoten befallen, müssen sich die Mediziner nicht unbedingt bis zum eigentlichen Krebsgeschwür vorkämpfen. Für die Diagnostik reicht das kranke Lymphknotengewebe, sofern die Ärzte davon genug entnehmen können. Das ist wichtig, um abschätzen zu können, welche Behandlung für den jeweiligen Patienten die beste ist. Eine Alternative zur Bronchoskopie ist die Punktion der Lunge durch die Haut.

Experten unterscheiden zwischen kleinzelligem und nicht-kleinzelligem Bronchialkarzinomen. Der kleinzellige Lungenkrebs tritt deutlich seltener auf, ist dafür aber umso aggressiver: Er wächst und streut besonders schnell, spricht, so Wagner, jedoch sehr gut auf Chemotherapie an.

Vier von fünf Patienten leiden an nicht-kleinzelligem Lungenkrebs, dessen häufigste Formen das Adeno-Karzinom und das Plattenepithelkarzinom sind. Adeno-Karzinome entstehen im Drüsengewebe der Lunge, Plattenepithelkarzinome bilden sich an der Schleimhaut der Bronchien. Während die meisten Patienten mit Plattenepithelkarzinom Raucher sind oder waren, tritt das Adeno-Karzinom auch bei Nichtrauchern auf.

Bei der Behandlung von Lungenkrebs hat sich in den vergangenen Jahren viel getan. „Für eine ganze Reihe von Patienten ist es schon Realität, dass wir den Tumor langfristig im Griff haben und ihnen über viele Jahre ein lebenswertes Leben ermöglichen können“, freut sich Wagner. Eine Entwicklung, die noch vor Jahren kaum denkbar schien. „Da wurden wir als krankhafte Optimisten beschimpft“, erinnert sich der Pneumologe.

Wenn sich der Lungentumor bereits im Körper ausgebreitet habe, sei es zwar spät, „aber nicht zu spät“, betont er. Zwar könne man die Patienten nicht mehr heilen, „aber wir raten immer zu einer Therapie, weil wir damit die Lebensqualität für die verbleibenden Monate und Jahre verbessern können. Die ,Man kann sowieso nichts mehr machen‘-Einstellung ist sicherlich nicht gerechtfertigt.“ Häufig könne man den Tumor noch einige Zeit in Schach halten und die Beschwerden lindern, die vor allem die Metastasen verursachen.

Neben der klassischen Chemo-Therapie gibt es immer mehr Medikamente, die direkt in die Tumorzellen eingreifen und diese gezielt bekämpfen können. Diese sind jedoch maßgeschneidert für einzelne Genmutationen und wirken nur bei Patienten, bei denen genau diese Genveränderung vorliegt. Aktuell profitiert von diesen neuen Behandlungsansätzen etwa jeder zehnte Betroffene. „Aber jede Woche werden es mehr, weil beinahe wöchentlich neue Therapien entstehen“, sagt Wagner.

Während die meisten Patienten im Laufe der Zeit Resistenzen gegen diese Medikamente entwickeln, gibt es auch Betroffene, deren Tumor sich damit über Jahre in Schach halten lässt. „Wir erzielen teils ganz verblüffende Ergebnisse“, schildert Gleiber. „Wenn man weiß, dass viele Patienten das nächste Jahr nicht überleben, ist das natürlich großartig“, sagt Wagner. Auch die Immuntherapie zeige, gerade beim Plattenepithelkarzinom, vielversprechende Ergebnisse, so der Experte. Dabei machen sich die Mediziner die körpereigene Abwehr im Kampf gegen die Tumorzellen zunutze.

„Wir werden in ein paar Jahren für fast jeden Patienten eine spezifische Therapie anbieten können“, ist Wagner optimistisch. Weil sich derzeit so viele neue Therapiemöglichkeiten entwickeln, rät Gleiber Patienten, bei denen vor drei bis vier Jahren erstmals Lungenkrebs diagnostiziert wurde, sich noch einmal testen zu lassen, um zu schauen, welche neuen Behandlungsmöglichkeiten es für sie möglicherweise gibt.

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