+
So soll das neue "MyZeil" aussehen!

Einkaufspaläste im Umbruch

So machen sich die Frankfurter Shopping-Center fit für die Zukunft

  • schließen

Jahr für Jahr verzeichnet der Onlinehandel neue Umsatzrekorde. Die großen Shopping-Center in der Region mutieren derweil zu riesigen Baustellen. Doch nicht nur die Digitalisierung macht den Centerbetreibern zu schaffen, auch die Ansprüche der Kunden haben sich verändert.

Es sind große Herausforderungen, vor denen der deutsche Einzelhandel steht. Denn während der Onlinehandel boomt, müssen die großen Shopping-Center eine Zeitenwende einläuten. So konnte der Onlinehandel seinen Umsatz im vergangenen Jahr auf nun 48,7 Milliarden Euro steigern. Damit nimmt der digitale Markt bereits zehn Prozent des Gesamtumsatzes des deutschen Einzelhandels ein. Tendenz steigend, denn immer mehr Menschen nutzen das bequeme Angebot, ihre Waren mit wenigen Klicks zu bestellen und sich nach Hause liefern zu lassen. Das bekommt der stationäre Einzelhandel zu spüren.

So bietet sich derweil in Frankfurter Einkaufscentern ein Bild des Umbruchs. Das nicht mal zehn Jahre alte Einkaufszentrum „MyZeil“ will ab Frühjahr 2019 mit einer eigenen Gastronomie-Etage namens „Foodtopia“ auftrumpfen. Auch das „Nordwestzentrum“ wird derzeit umstrukturiert. Das inzwischen 46 Jahre alte „Hessencenter“ soll in den nächsten beiden Jahren für voraussichtlich 45 Millionen Euro umgestaltet und modernisiert werden. Insgesamt investieren die Eigentümer der Frankfurter Center aktuell mindestens

170 Millionen Euro

in die Erneuerung ihrer Objekte.

Die Shopping-Paläste müssen sich dringend verändern, denn ihre früheren Alleinstellungsmerkmale hätten sie längst verloren, analysiert Konsumforscher und Psychologe Hans-Georg Häusel. So seien die Einkaufszentren früher vor allem deswegen so beliebt gewesen, weil sie eine große Auswahl und ein breites Sortiment im mittleren Preissegment unter einem Dach anbieten. Dieses Angebot gibt es heute allerdings auch deutlich bequemer vom eigenen Sofa aus. Und Häusel nennt weitere Probleme: „Vor allem der Bedarfseinkauf bedeutet heute zunehmend Stress: Die Straßen sind überlastet und die Parkhäuser zu eng. Das alles hat den Onlinehandel befeuert.“

Andreas Kube, Regionalmanager des Hamburger Unternehmens ECE, das alle großen Einkaufscenter in Frankfurt betreibt, sieht das gelassener: So hätten die umfangreichen Umbauarbeiten in den Frankfurter Centern nur zum Teil mit dem aufstrebenden Onlinehandel zu tun. Viel eher gehe es darum, dem modernen Zeitgeist gerecht zu werden. Wer heute ein Shopping-Center betritt, der wolle nicht bloß einkaufen, sondern vor allem etwas erleben und eine schöne Zeit haben, erklärt Kube: „Die Ansprüche der Kunden sind andere geworden.“ Doch Kube hat Vertrauen in seine Center und deren Funktion als moderner Marktplatz. So seien Shopping-Center nach wie vor Orte des Sehen- und Gesehenwerdens, des Zeitverbringens und Spaßhabens, ein Ort, an dem man sich trifft, wo Shopping zur Unternehmung wird. „Diese Funktion hat sich auch durch den Onlinehandel nicht geändert“, sagt Kube.

Wie schätzen Sie die Zukunft der Shopping-Center ein? Stimmen Sie ab!

 

Konkrete Umsatzzahlen, die seinen Optimismus bekräftigen, nennt er zwar nicht, verrät aber so viel: „Wir haben in den ersten drei Quartalen 2017 ein leichtes Plus zum Vorjahr gemacht – auch für die Frankfurter Center.“ Doch damit die Zahlen so zufriedenstellend bleiben und auch in Zukunft Menschen gerne ihre Zeit in Shopping-Centern verbringen, muss sich einiges ändern.

Daher hat die ECE bereits genaue Pläne, wie ihre Center in Zukunft aussehen sollen. Entscheidend sei dabei die Gemütlichkeit. Pragmatische Sitzbänke gehörten der Vergangenheit an und sollen einer modernen Loungeatmosphäre weichen. Damit sind nicht nur bequeme Sitzgelegenheiten gemeint – Steckdosen, um das Handy aufzuladen, sind inzwischen selbstverständlich, schnelles W-LAN im ganzen Center sowieso. Auch die Toiletten dürften nicht mehr aussehen wie ein Bahnhofsklo, sondern sollen eher wie in einem Vier-Sterne-Hotel anmuten.

Shopping-Center müssen ein Ausflugsziel sein können. Dafür bedarf es vielfältiger Gastronomie und Events vor Ort. Doch für einen anziehenden Eventcharakter fehle vielen Centern die bauliche Voraussetzung. „Erlebnisse brauchen hohe Decken“, erklärt Psychologe Häusel. Dort wo sich diese Anforderung nicht umsetzen lässt, versuche ECE mit Lichtelementen und Farben Offenheit, Größe und Helligkeit zu erzeugen, beschreibt Kube.

Darüberhinaus versuchen die Centerbetreiber die Möglichkeiten des Internets zu integrieren. „Click and Collect“ ist beispielsweise ein System, mit dem Kunden online eine gesuchte Ware auf Verfügbarkeit prüfen, um sie sich im Laden anschließend genau anzusehen: „So wissen die Kunden, ob es sich lohnt hinzufahren“, erklärt ECE-Regionalmanager Kube das Konzept.

Auch die Einzelhändler vor Ort würden auf eine neue Shopping-Mentalität reagieren: „Früher wollten die Mieter immer Verlässlichkeit von zehn Jahren, heute probieren die gerne mal was aus“, berichtet er. So soll es nach dem Umbau im Shopping-Center „MyZeil“ auch Platz für sogenannte Pop-Up-Stores geben – kleinere Läden in denen neue Händler und Startups kurzzeitig ihre Waren verkaufen oder neue Konzepte ausprobieren.

Denn in der Präsentation der Ware, die der Kunde vor Ort erleben kann, sieht auch Psychologe Häusel eine große Chance für die Shopping-Center: „Diese Stärken müssen sie ausspielen“, betont er. Hanns-Peter Laux, Vize-Geschäftsführer der Abteilung Standortpolitik der IHK Frankfurt am Main, nennt weitere Vorteile der großen Shopping-Center. Er erklärt, diese seien gerade bei Kunden beliebt, die gerne mit dem Auto zum Einkaufen fahren. Vor allem das beliebteste Center in der Region, das Main-Taunus-Zentrum, und das „Loop5“ in Weiterstadt trumpfen mit kostenlosen Parkplätzen auf.

Ein weiterer Garant für die Zukunftsfähigkeit der Shopping-Center sei das übergeordnete Management. Dadurch könnten die Center schneller und effektiver auf Entwicklungen reagieren, als beispielsweise eine Einkaufsstraße mit ihren vielen verschiedenen Akteuren. Insofern die Center über ein kluges und zeitgemäßes Management verfügen, machen sich daher auch die Experten keine Sorgen um die Zukunft der alten Einkaufspaläste. Um den deutschen Einzelhandel müssen sich die Centerbetreiber ebenso keine Sorgen machen. So stieg laut statistischem Bundesamt im vergangenen Jahr der Umsatz real um 2,3 Prozent. Zum achten Mal in Folge stand der Einzelhandel damit besser da als im Vorjahr.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare